after darkWenn Männer nicht rausdürfen, bist du dann sicher?

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – „du“? Spricht die Autorin zum Leser oder nur zu den Leserinnen? Sie spricht zu allen, die sich in die Haut von Frauen versetzten können, die abends auf dem Heimweg, wenn der Weg einsamer wird, den Schlüssel in die Hand nehmen, damit sie sich wehren können, falls einer sie überfallen will, wenn sie nicht Härteres in ihrer Handtasche mit sich tragen.

 

Und um die Frage nach der Sicherheit gleich zu beantworten, nein, Frauen sind nicht sicher, denn gleich auf der ersten Seite fällt das Wort Mord und die zweite Seite beginnt so: „Sie wurde an einem gewöhnlichen Oktobertag im trockenen Herbstlaub aufgefunden – im ersten Morgengrauen, noch während der Ausgangssperre für Männer….“ Da ist man, nein frau doch einigermaßen irritiert und in der Folge, in der es tatsächlich um Fußfesseln für Männer geht, die nachts zu Hause bleiben müssen, weil die Fessel ihren Aufenthaltsort jederzeit anzeigt, passiert etwas Eigenartiges mit einem selbst: im Roman tauchen Personen auf, Männer und Frauen, die die Fußfesseln total begrüßen und welche, ebenfalls Frauen und Männer, die sie vehement ablehnen. Und jedesmal können wir ihre Ansichten verstehen, werden also hin- und hergeworfen zwischen Verständnis und Sympathie für den einen und für den anderen. Dazu gleich mehr.

 

Am Anfang spricht Pamela in der Gegenwart. Sie ist die Polizistin, die zur Leiche gerufen wird und steht unmittelbar vor ihrer Pensionierung. Es folgen Kapitelüberschriften mit Frauennamen wie

Sarah, Vier Wochen vorher
Cass
Helen
Pamela Gegenwart
Sarah

 

Aha, da haben wir die wichtigsten Figuren, von denen erzählt wird, allerdings spricht nur die Polizistin als Icherzählerin direkt zu uns. Das ist eigenartig, denn die eigentliche Geschichte, also das emotional Wichtige, dreht sich ja um die anderen Frauennamen, die und deren Verwobenheit hier folgen:

Sarah ist die Mutter der jugendlichen Cass, die es der Mutter übel nimmt, daß ihr Vater im Gefängnis sitzt, wobei sie nicht genau weiß, warum, weil Sarah die Gewalttat des Vaters ihrer Tochter verschweigt. Sarah ist zudem in höchst verantwortlicher Position tätig, sie muß die Fußfesseln von Männern überprüfen und neu justieren. Als ihre Tochter von der Schule aus einen Betriebstag hat, nimmt sie sie mit und prompt klaut ihr diese einen Stick, mit dem man die Fußfesseln öffnet und wird Unheil anrichten.

Sehr wichtig ist Helen, die Lehrerin von Cass, die diese aufregt, weil Helen völlig hinter den Gesetzen der Fußfessel steht und damit logisch Cass herausfordert. Doch ohne es zu wissen, beginnt die jugendliche Cass ein Verhältnis mit einem für sie attraktiven Typen, der sich als Verlobter von Helen herausstellt. Er war so lange der liebeswürdige Verehrer, bis beide nach vielen Besuchen bei einer Frau, die für Paarbildung zuständig ist, die Erlaubnis zum Zusammenziehen erhalten, den sogenannten „Lebensgemeinschaftssschein“, was dazu führt, daß der mittellose Tom bei der gutsituierten Helen einzieht und ab da sein Verhalten so verändert, daß Helen das Kind, das sie erwartet, abtreibt, weil sie ihn hinauswerfen will.

 

Das ist die Grundstruktur des Romans, der also wechselnd erzählt wird und einen das Fürchten lehrt. Denn einerseits will so lammfromme, angepaßte Männer keiner haben, aber andererseits solche Zurechtkommer, Rüpel und Verbrecher wie Tom und der Vater von Cass auch nicht.

 

Manchmal wird es zäh, aber mich hat am Roman überrascht, wie ich dabei blieb, wo ich erst einmal die Grundkonstellation mit den Fußfesseln beknackt fand. Es wird halt einmal auf völlig neuartige Weise toxische Männlichkeit vorgeführt, was beim Lesen die Erwartung an die Leserin selber richtet, im direkten Kontakt mit Männern diesen so entspannt selbstbewußt zu begegnen, daß Fußfesseln nicht nötig sind.

Foto:
Umschlagabbildung

Info:
Jayne Cowie, After Dark. Wenn Männer nicht rausdürfen, bist du dann sicher?. Heyne Verlag 2025
ISBN 978 3 453 42728 0