in tiefster nacht taschenbuch harlan cobenHarlan Coben schlägt wieder zu!

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Das war mal wieder fällig. Länger keinen Harlan Coben gelesen, von denen Krimibestsellerautor Sebastian Fitzek sagt, seine Romane seien „Meisterwerke der Spannung“ und der tatsächlich die drei bedeutendsten Krimipreise der USA einheimste, wo er in New Jersey lebt. Es stimmt, dieser Krimi ist ungeheuer spannend und gleichzeitig überhaupt nicht oberflächlich oder auf der Basis von Cliffhängern – leider kein sinnreiches deutsches Wort verfügbar – zusammengeschustert. Der 63jährigen Coben kann schreiben und es fällt ihm immer noch was ein!

 

Darauf muß man erst mal kommen, dass man einen jungen US-Amerikaner, der immer wieder seine asiatischen Herkunft betont, ohne dass daraus Schlüsse gezogen werden und der Sami Kierce heißt, nach seinem Collegeabschluß nach Europa, nach Spanien, nach Malaga reisen läßt, wo er sich in Anna verliebt und sie sich in ihn, wie er aus den USA. Daß sie Drogen einwirft, stört ihn nur dann, wenn er selbst nichts nimmt. Doch diesmal war auch er völlig benebelt, wacht in ihrem Appartement verwirrt auf, weil er ein blutiges Messer in der Hand hält und sieht neben sich die blutüberströmte Anna leblos liegen. Wie gut, dass Buzz, von dem sie die Drogen beziehen, gerade vorbeischaut und dem nach wie vor umnachteten Sami empfiehlt, sofort zu verschwinden, was dieser tut.

Man bekommt noch mit, dass er seinen Vater anruft, dem er den Sachverhalt erzählt und der ihm befiehlt, sofort nach Hause zu kommen, was er tut. Das war Malaga 2003.

 

Erst hunderte Seiten später erfahren wir, dass Sami Kierce selber zur Polizei ging, die aber an ihm kein Interesse zeigte, weil sie keine Leiche fand und ihn für einen Spinner hielt. Diese Vergangenheit wird virulent, als in seinem Abendschulkurs in New York 2025 besagte Anna auftaucht. Ab jetzt beginnt ein rasanter Krimi, der es in sich hat. Denn mit ihrem Auftauchen, kann er aufatmen, eine lebende Anna befreit ihn von seinem insgeheimen Verdacht, das Messer in seiner Hand hätte zu ihrem Tod geführt. Dieser Tag hat es sowieso in sich, denn der eigentlich verurteilte Mörder seiner damaligen Freundin Tad Grayson wurde eben freigelassen, weil der Prozeßablauf durch Samis Verhalten nicht korrekt war und es jetzt darum geht, ob es einen neuen Prozeß geben wird.

Spätestens jetzt muß nachgeschoben werden, dass Sami sicher aufgrund seiner Spanienerfahrungen Polizist geworden war, aber durch unglückliche Zufälle und sein eigenes Talent, das Falsche.siehe oben, zu favorisieren, aus dem Dienst entlassen wurde; nie hatte er die tote Anna vergessen, seine ermordete Freundin und dass seine spätere Gefährtin, ebenfalls Polizistin, ermordet wurde, hat zur Folge, dass er in seiner jungen Ehe mit Molly und dem Baby dauernd Angst hat, dass wieder etwas Schreckliches passieren könne. Außerdem hat er kein Geld.

 

Und das ändert sich auf einen Schlag. Denn Anna, die er routiniert verfolgt hat, stellt sich als die einst entführte Millionärstochter Victoria Belmond heraus, die spektakulär elf Jahre später wieder auftauchte. Doch die ganze Familie macht einen traumatisierten Eindruck, empfindet Sami. Doch seine Distanz schwindet, als ihm der so überaus reiche einen geheim zu haltenden Vertrag vorschlägt, der mit 100 000 Dollar beginnt, sogleich auf weitere 500 000 zusätzliche Dollar steigt und nichts anderes von ihm fordert, auf Anna acht zu geben, ihre Privatheit zu schützen und jegliche Nachforschung, wie aus der Anna aus Spanien die reiche Victoria wurde, aufzugeben, damit Anna/Victoria endlich die Vergangenheit ruhen lassen und gut leben kann.

 

Wie Coben die Vergangenheit ins Heute bringt und das Heute mit dem Gestrigen und Vorgestrigen verschränkt, ist meisterhaft und es stimmt, dass dem Lesen eine sich ständig steigernde Spannung immanent ist. Zudem ist das Geschehen voll witziger, ja skurriler Einfälle, so dass das Lesen zusätzlichen Spaß macht, bis ...ja, bis wann eigentlich. Auf jeden Fall wird auf einmal – zur eigenen Überraschung – einem das alles zu viel, zu gewollt und hin ist die ganze Spannung und das engagierte Lesen. Nein, jetzt wollen wir nicht übertreiben, obwohl es im Kern stimmt. Coben hatte so viel aufgeboten, so viele Personen ins Spiel gebracht, die alle eine wichtige Funktion haben, so viele trickreichen Zusatzinformationen erst spät eingestreut, so dass einerseits der Handlungszug auch im Nachhinein immer stimmte, aber es stimmte einen nicht mehr glücklich. Eher zuckte man mit den Schultern. Aber gleichzeitig sagt man sich voller Hochachtung: „Unglaublich, wie Coben immer noch die Kurve kratzt, wie sich alle längst entdeckten schreiberischen Nachlässigkeiten in absichtsvolle Fallen für den Leser herausstellten. Der Mann führt einen ständig vor.“ Und dann merkt man, dass auch dafür Coben längst vorgesorgt hat. Auf einmal bringt er gen Schluß wieder inhaltliche Wendungen, die das Interesse am Fall neu entfachen und schon hat er einen wieder. Und das eigentliche Ende, ja, das ist in seiner Simplizität dann schon wieder überraschend.

Merken Sie, dass die Geschichte irgendwo im Fluß der Worte nicht mehr weiterging. Das ist Absicht, denn dieses Geschehen, dass in Spanien 2003 beginnt, nimmt so unglaubliche Wendungen, die man auf keinen Fall weitersagen darf. Das ist ein Kriminalroman, über dessen Verlauf man einfach kaum was sagen darf, damit das Geheimnis – und es ist eines! – nicht aus Versehen gelüftet wird. Schon stark.


Foto:
Umschlagabbildung

Info:
Harlan Coben, In tiefster Nacht, Goldmann Verlag, Mai 2025
ISBN 978 3 442 20687 2