Cover Gomes JägerSerie: Eine andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft, Teil 1/3 

Hans Otto Rößer

Kassel (Weltexpresso) - Es war einmal
Die Jungen, die am Ende der 1950er Jahre in die Grundschule, die damals noch Volksschule hieß, eingeschult wurden, waren oder wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit gleichzeitig auch Freizeitkicker. Man kickte in den Pausen auf dem Schulhof und traf sich nachmittags nach dem Essen und der Erledigung der Hausaufgaben zum Fußballspielen (meine Mutter bestand auf genau dieser Reihenfolge, abends die Aufgaben zu machen kam für sie überhaupt nicht in Frage). Bolzplätze gab es damals genug, auf den Dörfern ohnehin, aber auch in den Städten und Vorstädten gab es noch viele Baulücken, die sich als Platz eigneten.

Man konnte damals auch in den Nebenstraßen der Stadt und ihrer Vororte spielen, ohne sich größeren Gefährdungen auszusetzen. Die Massenmotorisierung der heutigen Zeit lag noch in weiter Ferne. Wir waren Spieler, selten auch Zuschauer. Dies wurde nur witterungs- und wetterbedingt unterbrochen: Wenn Schnee lag, verdrängte der Schlitten den Fußball und manchmal gab es Wichtigeres zu tun: die Erkundung von Baugruben und Bombentrichtern, Rohre, die alle Augenblicke lang in den Straßen der wachsenden Wohngebiete verlegt wurden und in denen und mit denen man allerlei Unfug anstellen konnte. Wir machten nicht viel anderes als unsere Väter in ihrer Kindheit und Jugend während der Weimarer Republik.

Das mehrgliedrige Schulsystem hat diesem Straßenleben die ersten Risse zugefügt. Für die, die auf die „höhere Schule“ in die Stadt gingen, waren die Schulwege länger, die Hausaufgaben wurden wichtiger, die Freundeskreise wurden größer und verlagerten sich auf andere Orte. Die alten Freunde wurden fremd. Und dann kam plötzlich die Pubertät.

Fußball sah man damals sonntags beim heimischen Fußballverein der Kreisklasse oder man hörte Radio. Die Fußballbegeisterung meines Vaters nahm ich wahr in seinen Stunden vor dem Röhrenradio. Er wurde in seiner Kindheit und Jugend nach dem linken Verteidiger Sebastian Stupp benannt. Ich habe keine Ahnung, wie der Spieler eines Siegburger Vereins, der um den Mittelrheinpokal kämpfte, Mitte der 1920er Jahre zu einem Idol und Spitznamenspatron in Mittelhessen werden konnte. Später war mein Vater Anhänger der Eintracht Frankfurt und darin genauso unbeirrt wie in seiner SPD-Mitgliedschaft bis zum Tod.

Auch ich hatte meine Radiotage, aber andere als die meines Vaters. Zu meiner Leidenschaft wurde die neue Musik, die damals noch Beat-Musik und später Rock-Musik hieß. Zu den bevorzugten Radioprogrammen gehörten die Schlagerbörse des Hessischen Rundfunks mit Hanns Verres, manchmal auch AFN. Sonntags kamen die oft vergeblichen Versuche hinzu, Radio Luxemburg einigermaßen störungsfrei zu empfangen. Und dann kam meine Politisierung in der Schüler- und Studentenbewegung der späten 1960er/1970er Jahre. Für eine Zeit lang verdrängte jakobinischer Asketismus den Fußball und die Musik.

Unser erstes Fernsehgerät bekamen wir 1966 zur Fußball-WM in England. Es war gleich ein Farbfernseher, obwohl die Spiele noch in schwarz-weiß übertragen wurden. Erst vier Jahre später, bei der WM in Mexiko, gab es dann farbige Übertragungen. Die Bedeutung dieses Mediumwechsels vom Radio zum TV in der Geschichte des Fußballs ist mir erst durch die Lektüre des vorliegenden Buches klargeworden. Übertragungsrechte haben den Verband reich gemacht. Für meinen Vater kam die Anschaffung eines Fernsehers genau zur richtigen Zeit, nicht zu früh und nicht zu spät. Für mich war es alles in allem ein Glücksfall, dass meine Familie erst spät ein Fernsehgerät anschaffte. Da hatte sich mein Habitus als leidenschaftlicher Leser schon soweit gefestigt, dass er durch diese Anschaffung nicht ernsthaft gefährdet war.

Während meiner Studienzeit trafen sich linke Studenten, strikt nach Fraktionen getrennt, samstags zum Fußballspielen in den Auen der Universitätsstadt. Ich spielte sporadisch mit und nahm Spiele und Ergebnisse der jeweiligen WMs wahr; man konnte das gar nicht nicht-wahrnehmen. Gegen Ende meiner Berufszeit sah ich nach langer Zeit wieder regelmäßig die Sportschau und „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“, ungefähr mit demselben Habitus, mit dem ich als linkspolitisierter Schüler „Bonanza“ geguckt habe. Ich war natürlich Anti-Bayern und lange war der BVB für mich der Gegenpol, an dem diese Anti-Haltung kristallisierte. Das endete mit Watzkes schändlichem Rheinmetall-Deal. So ist das Sportschau-Gucken eher flacher Zeitvertreib geworden, eine Gewohnheit ohne libidinöse Besetzungen und mit nur noch seltenen affektiven Wallungen. Es bleiben (einigermaßen regelmäßig): Die Artikel von Daniel Theweleit und Zeiglers Witz und Wissen, immer eine gute Alternative zur unsäglich meinungsstarken und geistlosen Caren Miosga.

Das Material arrangieren

Bei solchen Rezeptionsvoraussetzungen überrascht es nicht, dass Carlos Gomes’ und Glenn Jägers „andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft“ eine Menge Neuheiten für mich enthält und vieles längst Vergessene wieder bewusst macht. Die Autoren selbst sind auf sympathische Weise bescheidener. Die WM-Geschichte sei „weitgehend auserzählt“ (an sich, nicht für jeden!), selbst der Versuch, die Geschichte des Turniers in die „Globalgeschichte des 20. und des bisherigen 21. Jahrhunderts“ einzurücken, ist kein Alleinstellungsmerkmal ihrer andersartigen Geschichtsschreibung. Es gibt eine umfangreiche Literatur auch zu den „politischen Hintergründen“, durchaus mehr, als man als Laie glaubt. Das Literaturverzeichnis der vorliegenden WM-Geschichte umfasst 21 eng bedruckte Seiten, eine Fundgrube für jeden, der sein Wissen zu speziellen Ereignissen oder Aspekten des Fußballs vertiefen will. So sehen die Autoren ihre Hauptaufgabe darin, „das vorhandene, teils verzweigte Material zu arrangieren“ und der Verflechtung von Fußball, FIFA und westlicher Hegemonie, ihren Kriegen, Staatsstreichen und Militärbasen zumindest ein Buch entgegenzuhalten. Realismus und Schreib- (und Lese-) Vergnügen der Schwachen.

Das Arrangieren des Materials ist auch ein Problem, das sich dem Rezensenten dieses Buches stellt. Das Buch erzählt in 22 Kapiteln die Geschichte der bisherigen Fußball-Weltmeisterschaften, ergänzt durch politische und manchmal auch ökonomische Hintergrundinformationen. Dazu kommt als abschließendes Kapitel ein Ausblick auf die WM 2026 in Kanada, USA und Mexiko. Das Buch hat, wenn man so will, den Charakter eines erweiterten Handbuches mit knapp 400 Seiten. Noch einmal: Wie will man dieses Material zu einer Rezension arrangieren?

Fortsetzung folgt

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Umschlagabbildung

Info:
Carlos Gomes, Glenn Jäger: Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft. Köln: PapyRossa Verlags GmbH 2026.  28,00 Euro
ISBN 978-3-89438-867-6