buchNicci Cloke läßt im Penguin Verlag fünf Männer über Katie als Mörderin urteilen

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Zuerst hielt ich es für Zufall, dann für übertrieben, bis ich herausfand, dass es Methode hatte, dass in diesem Krimi unaufhörlich fünf Männer, in jeweiligen Kapiteln mit ihren Namen, über die junge Frau Katie urteilen, die selbst auf 438 Seiten nur zweimal zu Wort kommt, am Anfang und am Schluß: Katie.

 

Als Erster mischt sich TARUN ein. Man weiß noch von gar nichts, aber wird durch die Ichaussagen dieser fünf Männer nicht nur erfahren, um was es hier eigentlich geht, vor allem aber die jeweilige Einschätzung der Person, des Kindes, der Mädchens und dann der jungen Frau Katie, die des Mordes an vier Männern, Säulen der Gesellschaft, angeklagt ist. Zur Unterstützung des Verständnisses der Leser, vermute ich, wer diese fünf Männer überhaupt sind, die hier über Katie sprechen und urteilen, sind den Namen der Männer jeweils die Form, wie sie Katie anreden und im Geist über sie sprechen, beigegeben. Bei Tarun heißt sie: KATHERINE. Das ist verständlich, denn es ist ein berufliches Verhältnis. Der Anwalt erhält den Anruf, dass er folgenden Fall übernehmen soll: „Katherine Cole war zweiundzwanzig, Kellnerin im March House, einem Privatclub i Herzen von Mayfair, dessen Stammkunden zu den reichsten und mächtigsten Menschen Londons gehörten, und wurde beschuldigt, vier von ihnen ermordet zu haben.“

Das ist mal ein Anfang!

 

Schnell folgt JOHN, der sie KIT-KAT nennt. Die fünf Männer wechseln sich in Erzählkapiteln ab, wobei John am Anfang den meisten Raum erhält: er ist ihr Vater und fängt mit ihrer Kindheit und Jugend an, dem Aufwachsen mit zwei Brüdern und ihrer speziellen Art, sehr eigen ihre Umwelt kritisch zu betrachten und eigentlich nur sich selber zu glauben. Die Liebe zur Tochter durchströmt die Zeilen.

 

An MAX kann man analysieren, dass die Kleinbürgermoral: „Nicht zu hoch hinaus, es geht über aus“, was für sich hat. Er ist Journalist, will mit diesem Fall groß herauskommen, nennt Katie KILLER-KATE, was schon deutlich macht, dass er sie im Sinne der Anklage für die Täterin hält und alles tut, um in seinen Artikeln die junge Mörderin zur gefährlichen Bestie zu stilisieren, also die Anklage zu untermauern und öffentlich ein noch negativeres Bild von Katie herzustellen, als es die Anklage von vier männlichen Mordopfern aus der gehobenen Schicht sowieso tut.

 

Erst auf Seite 50 taucht GABRIEL auf, der Katie als K.C. tituliert, weil sie als fünfzehnjährige Mitschülerin sich ihm mit ihren Initialen vorstellte. Seit damals ist er ihr verfallen, obwohl seine Mitschüler ihn vor ihr warnen, sie sei „schwierig“.

 

Diese vier Männer werden nun mit verteilten Rollen uns den Fall und die Person näher bringen. Dabei übernehmen Vater John und Schulfreund Gabriel erst einmal die Vergangenheit und erzählen, wie Katie zu der wurde, als die sie heute erscheint. Schon das sind unterschiedliche Katies: die des Vaters und die des Schulfreunds. Aber in den Kapiteln ihres Anwalts Tarun und des Journalisten Max wird Katie erst recht zu ganz unterschiedlichen Frauen. Erstens geht es bei beiden um die erwachsene Katie, die hier des Mordes angeklagt ist. Zweitens geht es um unterschiedliche Positionen zu ihr: ihr Anwalt will gar nicht so genau wissen, ob sie die Täterin ist, für die sie angeklagt ist. Er will sie auf jeden Fall verteidigen und sucht die Punkte in der Anklage, die er widerlegen kann, wozu er ihre Hilfe braucht. Katie jedoch verhält sich merkwürdig passiv.

 

Der Journalist Max dagegen setzt ja geradezu auf sie als Schuldige und tut alles, um öffentlichkeitswirksam ihr Bild herabzuwürdigen, sie als Bestie erscheinen zu lassen, die zudem obskuren Geheimbünden im Internet zuneigt. Wir sind in der Jetztzeit, wo gerade durch Corona eine Flut von Internetphantastereien über Geheimbünde, Verschwörungstheorien, gesellschaftliche Gruppen, die insgeheim das Leben der anderen manipulieren etc. herumschwirren. Insbesondere eine Webseite ist es, die das allgemeine Unbehagen, das über die Welt gekommen ist, einer ganz bestimmten Gruppe in die Schuhe schiebt, sie als Urheber der Weltherrschaft, die einen schlechten Weg nimmt, beschuldigt und sie im March House, demPrivatclub imHerzen von Mayfair ortet, just also dem Haus, wo die vier Männer der gehobenen Gesellschaft ermordet wurden. Das paßt doch, denken nicht wenige.

 

Erst auf Seite 108 stößt der Fünfte: CONRAD hinzu, der sie WILDKATZE nennt, denn anderes kann er seine wechselnden Gefühle ihr gegenüber nicht ausdrücken: „Wie eine Bombe bist du in mein Leben geplatzt und hast alles auf den Kopf gestellt.“ Er, der gut Verlobte, muß von seiner Firma aus in Schottland nach dem Rechten sehen, wo Katies Onkel eine Farm bewirtschaftet, deren Förderung und Rentabilität Conrad beurteilen soll. Conrad wird Katie an allem die Schuld geben. Seine Verlobte verläßt ihn, aus Rache wird er Katies Onkel ans Messer liefern. Die Farm wird nicht mehr unterstützt und geht bankrott. Conrad wird beruflich eher aufsteigen und Zugang zu den Mächtigen vom March House erhalten. Er ist der, der ungewollt, ja gegen seinen Willen, sogar Katie eine Stelle als Serviererin dort möglich macht. Während die Rollen der andren gegenüber Katie stabil bleiben, ist er ständig hin und her gerissen. Er verhält sich je nach Laune, mal läßt er sich auf Katie ein, mal verleugnet er sie.

 

In diesem Umfeld geschieht der Mord. Das Gift für die vier Honorablen steckte in einer Flasche Alkohol, die im Raum stand, von der die Anklage sagt, Katie habe sie präpariert gebracht, was diese bestreitet und behauptet, sie habe schon dort gestanden. Alles Weitere im Thriller.

 

Foto:
Umschlagabbildung


Info:
Nicci Cloke, Sie war es. Sie war es NICHT, Penguin Verlag 2026
ISBN 978 3 328 60473 0