hwk brashwk produBERLINALE 2019: Der Wettbewerb, Teil 23

Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) – Seit letztem Jahr, als der für mich unsägliche Film TOUCH ME NOT den Goldenen Bären bekam und dann in Deutschland nur 50 000 Zuschauer fand (wie ich finde noch viel zu viel), ist für mich eine potentielle Wahl vorauszusagen, noch unwägbarer geworden als zuvor. Aber spannend ist es schon.

Der diesjährige Wettbewerb begann interessant, auch politisch leicht feurig, hing dann irgendwann durch und fand mit dem chinesischen Epochenfilm SO LONG MY SON am Donnerstag einen so fulminanten Abschluß (Achtung: am Freitag liefen im Wettbewerbsprogramm noch zwei sehr gute Filme, aber außer Konkurrenz, weshalb sie hier nicht berücksichtigt werden, wie andere auch. Zur Auswahl bleiben 16 Filme), daß ich gar nicht anders kann, als meinerseits diesem Film den Goldenen Bären zuzusprechen. Immerhin hatte ich alle 16 Filme (der weitere chinesische Film, der am Freitag den Abschluß bringen sollte, wurde zurückgezogen, offiziell technische Probleme, inoffiziell Zensur) gesehen, da traut man sich ein Urteil einfach zu.

Zwei Berliner Zeitungen trauen sich, mit Hilfe einer Sternchenvorgabe verschiedene Filmkritiker/innen mit ihrer Meinung abzudrucken, aber typisch: schon bei den Sternchen ist keine Übereinstimmung, die eine Zeitung, BERLINER MORGENPOST vergibt als Höchstes vier für ausgezeichnete Leistungen, während DER TAGESSPIEGEL als höchste Leistung drei Sternchen aufbringt. Aber da darf man sich nicht irre machen lassen, denn neben den Sternchen steht die Beschreibung und da vereinen sich die Listungen wieder: es gibt beide Male fünf Kategorien. Neben der höchsten ist die zweite: GUT, wofür es einmal drei Sterne, beim Tagesspiegel also zwei gibt. Annehmbar hat dann in der Berliner Morgenpost zwei Sterne, im Tagesspiegel einen. Schwache/überflüssige Filme werden in der Morgenpost mit einem Stern bedacht, im Tagesspiegel mit einem leeren Punkt. Dort gibt es auch zwei leere Punkte, das sind dann sehr schlechte Filme, die im Tagesspiegel mit vier leeren Sternchen gekennzeichnet wären. Deshalb „wären“, weil im Tagesspiegel keiner einen Film mit „völlig schlecht“ gewertet hat. Dagegen im Tagesspiegel schon! Dort sind vier Filme mit ‚sehr schlecht‘ notiert. DER GOLDENE HANDSCHUH, MR. JONES, ELISY Y MARCELA und OUT STEALING HORSES (da alle Filme im Weltexpresso besprochen wurden, können Sie dort nachlesen).

Und jetzt kommt etwas Wichtiges. Wer sind die Kritiker, die die beiden Zeitungen zu Wort, beziehungsweise zu Sternchen kommen lassen. Wir wollen sie jetzt nicht namentlich nennen, sondern ihre journalistische Herkunft. In der Berliner Morgenpost sind es fünf Kollegen, drei Männer von DIE WELT, RadioEins, Morgenpost und zwei Frauen von RBB und epd Film. Im Tagesspiegel bewerten sechs Kritiker die Wettbewerbsfilme, 3 Frauen, 3 Männer. Sie kommen von der FAZ, DIE ZEIT, TIME MAGAZINE und von der Süddeutschen Zeitung, Deutschlandfunk Kultur und dem TAGESSPIEGEL.

Und jetzt endlich zur Sache. Der Tagesspiegel macht es einem beim Überblick etwas leichter, denn er macht aus den Punkten/Sternchen einen Notendurchschnitt, während die Morgenpost unten die erst gezeigten Filme und fortlaufend, also oben, dann die letzten zeigt und man sich selber heraussuchen muß, welcher Film von den Fünfen zusammen die meisten Sternchen hat, wobei nicht jeder Kritiker jeden Film gesehen hat; das gilt auch für die Morgenpost.

Und jetzt kommt‘s! In diesem Jahr sind die zwei im Tagesspiegel am besten bewerteten Filme gleichzeitig die, die auch in der Morgenpost ganz oben stehen, weil sie die beiden zuletzt gezeigten Filme waren. Aber als Sieger gilt immer nur der am Besten abgeschnitten hat J und das ist in beiden Zeitungen der chinesische Beitrag DI JIU TIAN CHANG – SO LONG MY SON, den im Tagesspiegel alle sechs Bewerter hatten (dreimal Höchstzahl, zweimal gut, die Süddeutsche: annehmbar), die auf den Notendurchschnitt 1,67 kamen. In der Morgenpost haben nur drei der fünf Kritiker den Film gesehen, aber haben alle die höchste Punktzahl mit vier Sternen verteilt.

Was wichtig ist, bei genauem Draufsehen auf diese Bewertungen, ist dann natürlich die Binnenverteilung, sprich: wie die einzelnen Journalisten die Sterne auf die Filme verteilen. Es gibt welche, die grundsätzlich sehr wenige geben, andere, die großzügiger sind. Aber das alles ist jetzt nicht wichtig, es zählen die Gesamtzahlen. Und weil es uns der Tagesspiegel mit seinen Durchschnittsnoten leichter macht, orientieren wir uns jetzt daran, das, wie gesagt, die zweithöchste Wertung mit 1,83 SYNONYMES hat, der Film vom aus Israel nach Paris flüchtenden Israeli, den wir auch spannend fanden. Dann kommt schon mit dem Schnitt von 2, 17 der deutsche Beitrag ICH WAR ZU HAUSE ABER, der an uns nicht herankam und den – schon witzig – auch die Morgenpost mit den wenigsten Sternchen von allen bedachte. Im Falle des Tagesspiegels ist der am schlechtesten bewertete Film OUT STEALING HORSES, den wir auch nicht besonders mochten.

So aber jetzt zu den verschiedenen Preise der Wettbewerbsjury. Es gibt zwar den Goldenen Bären für den besten Film, aber darüberhinaus Bären für das Beste Drehbuch, die Darstellerpreise, einen Film der Zukunft etc.

Wir wollen die nicht speziell verteilen. Aber könnten wir Bären verteilen, sollte als Bester Film SO LONG, MY SON ausgezeichnet werden. Dieser Film ist nicht nur als bester Film, sondern auch als beste Regie mit wunderbaren Schauspielern für jede Differenzierung würdig. Wir fanden preiswürdig auch SYNONYMES für den in gewissem Sinn modernsten Film, GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA, beispielsweise für das Drehbuch, SYSTEMSPRENGER ist aufregend und die junge Darstellerin eine Wucht... gehen wir rasch mal umgekehrt vor: nicht gefallen und keinen Bären sollte bekommen OUT STEALING HORSES, ELISA Y MARCELA, ÖNDOG. Dieser Film ist ebenfalls einer, der spaltet, den andere fanden diesen Film ganz wunderbar, wie es auch bei ICH WAR ZUHAUSE, ABER geschah. Da waren die einen hingerissen, die anderen nicht. Grundsätzlich ist das ja ein gutes Zeichen, wenn überhaupt Meinungen zu Filmen so stark empfunden und ausgesprochen werden , denn dann berührt einen etwas, FÜR oder GEGEN, aber es sind Empfindungen. Für mich persönlich war der Film SYSTEMSPRENGER ebenfalls ein Film, der unbedingt einen Preis erhalten sollte. Und eindrucksvoll auch der Film über den Mißbrauch durch einen katholischen Würdenträger in Lyon, wo der sehr bekannte Regisseur, der für andere Themen bekannt ist, ein Sujet zum Film macht, das auch reißerisch hätte ausfallen können, aber klar und entschieden aus der Sicht der Opfer erzählt.

Und jetzt rasch Schluß, damit dieser Artikel im Blatt ist, bevor die Preisverleihung am Samstagabend in Berlin stattfindet und in 3 SAT für alle übertragen wird.

Foto:
Nein, leider können die abgebildeten Personen nicht im Wettbewerb teilnehmen, weil der brasilianische Film außer Konkurrenz lief, aber die Pressekonferenz zum Film, aus der diese Bilder sind, zeigte, wie wichtig Filme auch für die politische Kultur eines Landes sind. Regisseur Wagner Moura und die Produzentin des Films.
© hwk