
Hannah Wölfel & Hanswerner Kruse
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Durch Baustellen geht es im riesigen ehemaligen Frankfurter Neckermann-Gebäude im fünften Stock über einen 260 Meter langen Flur: Es riecht nach Erbsensuppe, viele falsche Polizisten und Handwerker stehen herum. Am Ende des Ganges empfangen die Ermittler Janneke und Brix die Presse - noch privat als Margarita Broich und Wolfram Koch. Für Fotos posieren sie ausgelassen am Schreibtisch ihres Film-Vorgesetzten.

Im Gegensatz zu diesem Film spielt „Das Monster aus Kassel“, der heute im ARD-Fernsehen läuft, meist in Nord-Hessen (siehe Besprechung). Wie immer hat die Produzentin das Drehbuch stark beeinflusst. Doch bald verlässt Jessen ihre „Insel der Glückseligkeit“, wie sie den Arbeitsplatz beim Sender nennt - und geht in Rente. Die für das zeitgenössische Kino brennende Frau hat 20 Jahre lang die hr-Tatorte geprägt.
Spätestens seit Kommissar Schimanski geht es in den Tatort-Filmen ja nicht mehr um realistische Polizeiarbeit. Das persönliche Erleben vieler Ermittler - wie arbeitsbedingte Traumatisierung oder Rachegefühle - werden ebenso thematisiert wie ihre oft schwierigen privaten Beziehungen. Aktuelle gesellschaftliche Probleme von einer immensen Spannweite werden aufgegriffen: Flüchtlinge, rechtsradikale Gewalt, künstliche Intelligenz...
Das Spektrum in der ARD reicht von drögen Durchschnittskrimis bis zu bizarren Arthouse-Thrillern auf höchstem Niveau. Dadurch bietet die Kultserie für jeden etwas und provoziert nach hohen Einschaltquoten allwöchentlich heftige Diskussionen. Eins aber ist allen Tatorten (mittlerweile) gemeinsam: es sind Spielfilme, die weder realistisch sind noch Polizeiarbeit dokumentieren.
Gerade die hr-Tatorte riskieren dabei viel: Nicht nur durch ihre modernsten cineastischen Mittel, wie seltsame Kameraperspektiven, radikale Schnitte, eigenartige Rückblenden usw. Sondern sie sind auch genreübergreifen wie der Frankfurter Fantasy-Tatort „Fürchte dich“ oder gar philosophisch wie die Wiesbadener LKA-Krimis „Murot und das Murmeltier“ oder „Wer bin ich?“ mit Ulrich Tukur.
Auch wenn die Produzentin und ihr Team unflätige Beschwerden oder Morddrohungen bekommen, sind ihre Krimis bundesweit bei den Zuschauern sehr beliebt und werden oft mit Preisen ausgezeichnet. Jessen schielt nicht auf hohe Quoten, sondern findet es wichtiger gute Filme zu machen. Auf die Frage was sie ihrem Nachfolger mitgeben möchte, meinte Jessen gegenüber unserer Zeitung: „Aus Respekt vor dem Zuschauer ab und zu die Latte höher hängen - und das mit Humor, Leidenschaft und Ausdauer.“
Übrigens:
Selbst ein so krasses cineastisches Werk, wie „Im Schmerz geboren“ (2014) mit Ulrich Tukur, kostete nicht sehr viel mehr als die anderen HR-Tatorte (im Schnitt 1,3 Millionen Euro). Es hatte mit 9,29 Millionen Zuschauern sogar einen Marktanteil von 26 % und erhielt den Grimme-Preis.
Fotos:
© hwk
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