Push FilmNachtrag: Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 06. Juni 2019, Teil 9

Heinz Markert

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Der kürzlich im Studentenhaus der Alten Frankfurter Universität gezeigte Film ‚Push‘ lässt zuweilen den Atem stocken, vermittelt die beklemmende Aussicht: die Endlösung der Menschheitsfrage ist über die Wohnungsfrage auf den Weg gekommen.

Es sind schwerste Geschütze auf den Hordenkörper des Kleingruppenwesens Mensch gerichtet. Maximale Entwürdigung ist der hierfür zuständige Ausdruck.

In den großen Metropolen wie London (Notting Hill, Highgate, Grenfell Tower), Toronto, Barcelona, Valparaiso, New York u.v.a.m. ist die übelste Verdrängung der bodenwüchsigen Einwohnerinnen und Einwohner am Laufen. Man kann es nur als Austreibung bezeichnen. Dadurch ist ein Subproletariat im Entstehen, eine Gesellschaft der zwangsweisen Ausgegrenzten und Underdogs, die ein gefundenes Fressen für Demagogen und Brandstifter sind.

Was sind Faktoren, die Wohnraum zu einem der größten Probleme der heutigen Zeit machen?

Die Gewinne explodierten erst nach der Finanzkrise. Die Anklage des Films besagt: die Politik hat sich auf die Seite der Hedgefonds und Heuschrecken (und was diesen gleicht) geschlagen. Hierzu wurden Berichte um den ganzen Globus gesammelt. Indikatoren sind der Obdachlosigkeitsbericht und die Vergrößerung der Ungleichheit. Im eigenen Land sind wir mit denselben Methoden von Venovia und Deutsche Wohnen bedient. Helmut Schäuble und Markus Söder haben 2013 vieltausendfachen öffentlichen Wohnungsbestand an TAG und Patrizia verhökert.

Damit ist ein nicht offiziell erklärter Großangriff des Finanzinvestorenkapitalismus auf die Gesellschaften angefacht worden. Der Film gelangt bei Recherchen über den ganzen Globus zu der Fragestellung: wie funktioniert Verdrängung - Push - und warum diese jetzt? Gelegentlich liefert Joseph Stiglitz, der Ökonom mit dem Weltgeisthorizont.- eine seltene Blüte in seinem Milieu – einsichtsvolle Kommentare.

Der Film startet mit dem kanadischen Gastwirt und Musiker Michael Louis. Stimmungsvoll sagt er an: Arme Leute mit Stil (gemeint: Vintage Mode) seien die ersten Vorboten der Gentrifizierung. Szenelokale und innovative Kultur lockt früher oder später jeden Banausen an; dann wird gentrifiziert und aus dem Stadtteil gedrängt. Nach seiner Einlage des Galgenhumors gibt der Gastwirt eine Runde Schnaps aus. Der Film geht mit Leilani Farha, der UN- Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen, auf eine Reise um die Welt, überall dorthin, wo Menschen auf schlimmste Art und mit abgefeimtesten Methoden um ihr Menschenrecht auf Wohnen und Leben gebracht werden. Über die Akteure meint Joseph Stiglitz: "Sie sind nicht böse, aber unmoralisch". Der Film kommt in englischer Sprache mit Untertiteln.

Das Überschusskapital beträgt das Zweifache des Weltbruttosozialprodukts. Das ist das Reservoir, das zum Lavastrom wird. Kapital trifft auf Wohnen, so sagt es die Leitmetapher des Films an. Seit 2012, dem Jahr des richtungsweisenden Artikels: ‚Ein Kampf um Hamburg‘ (FR 15.05.2001 – liegt noch vor), beträgt das ungleiche Verhältnis gestiegener Immobilienpreise zu kaum gestiegenen Löhnen 425 zu 133. So wird in “pretty grim“ gezeugt.

Filmthese: Das ist keine Gentrifizierung mehr - Wohnungen sind Kapital und bloß Orte, um Geld anzulegen

Ein Hedgefond wie Blackstone (geführt von John Gray) kauft ganze Viertel auf, um sie zu gentrifizieren. Das wird zu einem Krieg gegen Menschen. Er wurde auch in Schweden mit großen übernommenen Beständen aktiv. Dazu hat die Politik verholfen. Es sind nicht nur Metropolen, die im Visier sind, sondern auch Einzugsgebiete, wie der Chiemgau. Dieser gehört samt seinem Korridor zur Metropolregion München. Wird eine Wohnung frei, dann wird die Miete verdoppelt. Es geht darum, in Metropolen ganze Viertel aufzukaufen und sie dann zu gentrifizieren. Auch auf Einfamilienhäuser aus Nachlässen, etwa in ländlicheren Einzugsgebieten, kann langfristig das Auge geworfen werden. Es wird gekauft, saniert – „40 Jahre nichts gemacht“ - und dann zu Wucherpreisen vermietet. Derartige Finanzakteure können auch 'schlichte' Pensionsfonds für die Altersvorsorge sein, sodass die Devise gilt: Rentner schmeissen Rentner raus.

Auf ihrem Weg um die Welt trifft Leilani Farha auf Konflikte, die vom Terror gegen Mieter und von Zwangsräumung zeugen. Es werden von dem neuen Moloch Reparaturen verschoben, Hinhaltetaktik ist eine beliebte Methode. Auch werden Konflikte konstruiert, um Kündigungsgründe in die Hand zu bekommen. Diese Methodik wird auf ganze Areale und Stadtgebiete ausgedehnt. Arme haben es schwer, sich zu wehren. So können Menschen, die nur eine angemessene bezahlbare Wohnung brauchen, flugs auf der Straße landen. Auch die Methoden: Leerstehen lassen zur Spekulation, Abreißen oder Entkernen für Luxus, Mieter mitten im Bauprojekt belassen (währen dessen das Fundament absackt), sie drangsalieren, gehören zum normalen Geschäft.

Namen, die trennen: Notting Hill und Grenfell Tower

London ist das Dorado der Geldanlage in Immobilien. 20 Millionen Pfund, auch für Kartenhäuser, sind schnell erreicht. Auch hier begann es immer mit dem Schwinden der älteren oder jüngeren Szenen, die so possierlich einladend waren. Jetzt haben sich derartige Nachbarschaften in Luft aufgelöst. Alteingesessene müssen raus aus London. Viele der gekaperten Wohnungen stehen dauernd leer, manche seit 2003, wie Leilani Farha erfährt. Alt und Gediegen übt einen unwiderstehlichen Reiz aus. Man will es in Besitz nehmen und macht ihm dabei den Garaus. Es gibt baufällige Züge, die nur aus Einreihern bestehen, aber trotzdem in Millionen gehandelt werden.
Es geht nicht um Wohnraum, die Immobilie ist nur ein Verwaltungsobjekt. Die Investoren sind nicht arm, sie haben nur ein leerstehendes Wohnhaus, das sich in die Spekulation einreiht. Wo, so fragt der Film, ist die Internationale Menschenrechtsverpflichtung abgeblieben?

Grenfell brennt, Notting Hill - das Edelste vom Edlen

Push 4073736.jpg r 1920 1080 f jpg q x xxyxx1Rückblick auf den Brand. Ein Überlebender kann nicht mehr schlafen. Es gab vor dem Brand Klagen wegen mangelnder Bausubstanz und diversen Mängeln. Hier waren und sind die Bewohner arm trotz Arbeit. Grenfell wurde vernachlässigt. Es bleibt das Anschauungsobjekt für Verdrängung und Ausgrenzung. Die Umgebung ist wohlhabend. Gesagt wird: wer sich nicht erlauben kann, in Notting Hill zu wohnen, soll rausziehen. Ein Rapper gibt die Einlage zu Grenfell: Menschen rausgedrängt, where are humen rights obligations, there ist a monster, nobody can see: Who ist it? - 72 fanden im Tower den Tod.

Städte wurden zum Spielplatz für Reiche – auch das New York von Greenwich Village

Einer der es mit Blackstone zu tun bekam, weiß nicht, wo er hinsoll. Er soll neunzig Prozent des Einkommens für Miete zahlen. Sie soll auf 3400 Dollar erhöht werden. Er ist, ganz unamerikanisch, nur noch bedingt optimistisch. Wie soll er sich erklären? Carnegie, der schwedische Ableger von Blackstone, will nach der Renovierung fünfzig Prozent mehr Miete. Das schwedische Modell ist nicht mehr geschützt. Stiglitz erklärt generell: den Anlegern wird Sicherheit verkauft. 1 Prozent Sicherheit, 1 Prozent Geld, das ist das Amalgam, um das es sich handelt. Eine Fiktion nur. Hochfrequenzhandel gehe 35 Mal in der Sekunde. Finance, das ist nur durchlaufendes Postengeschacher, Finance verkauft im Grunde, was es nicht hat, es ist ein unerschöpflicher Brunnen. Blackstone sagt ein schon zugesagtes Treffen mit Leilani Farha von höchster Stelle ausgehend ab.

Die politische Vertretungsklasse ist mitverantwortlich. Die Regierungen sind ärmer als in den Achtzigern, als alles begann. Das haben sie sich selbst zuzuschreiben. Im Grunde ist der Bereich Geldwirtschaft verlassen worden. In allen diesen neuerlichen Instituten lagern 217 Billionen Dollar an Assets. Experten - sie seien das Finanzwesen. Es ist eine Welt ohne den Menschen. Diese Abgespaltenen waren die Gewinner der Finanzkrise.

Wohnraum ist zu einem der größten Probleme der heutigen Zeit geworden

Die Abwärtsdrift scheint nicht gestoppt zu werden. Die Menschen werden auf sich sitzen gelassen. Es ist ein Riesenloch im System. Kein Einzelner wird noch ernst genommen. 9 Monate später wurde Grenfell wiederaufgebaut. Das ging schnell. Die nächste Generation wird sich keine Eigenheime mehr leisten können.
In Highgate wurde was nach Singapur verkauft, jetzt tropft das Waschbecken. Besitzer unbekannt. In Barcelona heißt es: „Ihr Vertrag ist nicht gültig“, überall Kameras, wie im Gefängnis, „20 Jahre hier gelebt“, altes Wohngebiet; ein anderer wird reingelegt – Stiglitz schaltet sich ein: Eliten verletzen Grundgesetze, "Working Class wird erbost"; kein Wohlstand mehr, nur anderen wegnehmen. - Dann doch noch Treffen des gänzlich abgehobenen Vermieters Blackstone mit Leilani.

In den augekauften Wohngebieten gibt es keine Kleinzirkulation mehr. Gewerbe und Lokale gingen kaputt. Ein Thema kommt immer wieder auf: „Wissen nicht, wie lange sie hier noch leben können“, Appartementhäuser sollen entstehen, „Möchte mit ihnen verhandeln“, „wenn nicht, dann Kündigung“. Ein Betroffener ist gefangen im eigenen Laden, hat die Ausstattung auf Pump gekauft. Wie also klarkommen?

In Kreuzberg hat Florian Schmidt erfolgreich gegengehalten, nach dem Motto: Stadt zurückkaufen; 40 Häuser, über 1000 Wohnungen. „AlrBnB fuckup“ lautet hier der Spruch gegen den Ausverkauf; denn, wer kein Geld hat, ist weg. Brauchen wir denn globale Konzerne, um Cafe im Stadtteil zu trinken?

Roberto Saviano (‚Gomorrha‘) bringt die organisierte Wirtschaftskriminalität für italienische Verhältnisse ins Spiel, deren Wille es ist, legale Käufe in Sachwerten mit legal gemachtem Geld aus organisierter Kriminalität zu tätigen. Dazu geht der Weg über Steuerparadiese. Banken helfen. Das Geld geht in Tourismus, Hotels, in Kunst und Museen. Die Politik assistiert. Alles, was irgendwie als Wirtschaft durchgeht, ist willkommen, ebenso wie das möglichst wenig Steuern zahlen.

Foto © Mindjazz Pictures

Info:
Schweden 2019
Original-Titel: PUSH
Filmstart in Deutschland: 06.06.2019
R: Fredrik Gertten
B: Fredrik Gertten
P: Margarete Jangård
K: Janice d’Avila, Iris Ng
Sch: Erik Wall Bäfving
M: Florencia Di Concilio
Ton: Martin Hennel
V: Mindjazz Pictures
L: 92 Min
FSK: keine Beschränkung
Mit: Leilani Farha, Saskia Sassen, Josef Stiglitz, Roberto Saviano