gegartSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Oktober 2020, Teil 6

N.N.

London (Weltexpresso) - „Zwischen den Zeilen jeder Geschichte findet sich eine andere Geschichte, und die wird niemals gehört und kann nur vermutet werden von Menschen, die gut im Vermuten sind.“ Frances Hodgson Burnett David Heyman verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Adaption von Büchern für die große Leinwand – nicht zuletzt ist er der Mann hinter den Harry Potter-Filmen. „Ich denke, am Wichtigsten ist es, dem Wesen des Buchs gerecht zu werden, das ist wichtiger, als an jeder einzelnen Zeile zu kleben“, sagt er.

„DER GEHEIME GARTEN ist ein Klassiker. Da gibt es natürlich gewisse Kriterien, nach denen man sich richten muss. Aber wir haben auch ein paar Änderungen vorgenommen. Wir haben die Geschichte beispielsweise in einer anderen Ära angesiedelt, wovon wir uns versprechen, den Film visuell ansprechender zu machen, ohne in irgendeiner Form Hodgson Burnetts Erzählung zu beeinträchtigen.“

Obwohl die Schriftstellerin den ersten Teil ihrer Erzählserie 1910 veröffentlichte, beschlossen die Produzenten, die Geschichte nicht in der Ära von König Edward spielen zu lassen. Schon bevor überhaupt die Suche nach einem Drehbuchautor und einem Regisseur unternommen wurde, hatte man sich dafür entschieden, die Geschichte in der Zeit nach vorne zu bewegen. „Wir fanden, dass die Geschichte Kindern von heute weniger fremd vorkommen würde, wenn man auf die typischen Hauben der Zeit verzichtete und doch unterstrich, dass die Geschichte in der Vergangenheit spielt“, erklärt Rosie Alison. „Wir haben uns für das Jahr 1947 entschieden, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf diese Weise erlebt Mary den tragischen Verlust ihrer Eltern zu einer Zeit, in der eine Cholera-Epidemie während der Partition in Indien wütete.“

Diese Entscheidung erlaubte den Filmemachern einen historischen Kontext für den Niedergang von Misselthwaite Manor, das im Film seinen Einsatz als Hospital für verletzte Soldaten verkraften muss. „Auf diese Weise ist die Atmosphäre der Trauer, mit der Mary fertigwerden muss, viel persönlicher“, meint die Produzentin. „Alle Figuren sehen sich konfrontiert mit den Nachwirkungen des Krieges. Das Haus ist ein Rückzugsgebiet, weit weg von der großen Welt da draußen. Das lässt die Geschichte größer erscheinen und verleiht ihr größeren Nachhall.“

Obwohl Mary zu Beginn der Geschichte weiterhin das kämpferische, privilegierte und emotional vernachlässigte Mädchen wie im Roman ist, haben die Filmemacher zusätzlich ein paar Nebenfiguren gestrichen, um das Narrativ stärker auf die Kernbeziehungen zu fokussieren, speziell das komplizierte Verhältnis zwischen Colin und seinem trauernden Vater Archibald.

Archibalds Bruder und Marys böser Onkel Dr. Craven wurden indes ausgelassen. Ebenso verfuhr man mit dem Gärtner. Dagegen führte Jack Thorne eine neue Figur ein, einen Hund, zu dem Mary eine Freundschaft während ihrer frühen Isolation in Misselthwaite knüpft. Dieser Hund ist es, der sie in den Garten führt.

Das Bestreben der Filmemacher, tiefer in das Geheimnis der Familientrauer einzutauchen, das schwer auf Misselthwaite lastet, inspirierte die Filmemacher dazu, zusätzlich zwei Geister neu in die Geschichte einzuarbeiten, sowohl metaphorischer wie buchstäblicher Natur. Ihre Anwesenheit unterstreicht das emotionale Elend, das die Menschen in Misselthwaite befallen hat. Marys Mutter und Archibalds Frau bzw. Colins Mutter sind als körperliche Elemente greifbar. Im Leben waren sie Schwestern, im Tod treten sie gemeinsam auf.

„Die Geister der beiden toten Mütter sind anwesend“, sagt Rosie Alison. „Colin und sein Vater Archibald erleben am Ende eine überwältigende Wiedervereinigung, aber in unserer Version hat auch Mary ihren eigenen Moment der Wiedervereinigung – mit dem Geist ihrer eigenen Mutter.“


 
Die Geister der beiden Mütter sind durch und durch harmlos und gutmütig. „Aber es ist eine Geschichte über Familiengeister“, merkt die Produzentin an. „Es ist eine Geschichte über eine Kette emotionaler Gleichgültigkeit, die gesprengt werden muss. Mary muss die Wunden ihrer zerbrochenen Familie heilen – und damit ihre eigenen Wunden.“

Im Original von Frances Hodgson Burnett, merkt Alison an, sind Marys Eltern ein wenig inkompetent, sie gehen auf Partys und ignorieren ihre Tochter weitestgehend. „Dann sterben sie, und dieses privilegierte Kind ist auf einmal auf sich allein gestellt. Im Buch kommt sie ihrer Mutter nicht wieder näher, weil es sich auf die Beziehung von Colin und seinem Vater konzentriert. Aber in unserer Version wird Mary nicht losgelassen von der emotionalen Abwesenheit ihrer Mutter. Es schmerzt sie zutiefst. Und wir fügen nach und nach kleine Stücke zusammen, die uns ein Gefühl dafür geben, dass sich hinter dem vernachlässigten Kind eine trauernde, depressive Mutter befand.“

Als Mary in Misselthwaite ankommt, hört sie in der Nacht Schreie. Sie glaubt, das sind die Geister der verletzten Soldaten, die hier gestorben sind. Sie entdeckt einen geheimen Raum und beginnt dort die Echos ihrer Mutter und ihrer Tante zu hören. Nach und nach wird ihr bewusst, dass der Garten Colins verstorbener Mutter gehörte. „Unsere Geschichte ist also unterfüttert mit einem Sinn dafür, dass man mit den Geistern der Familienvergangenheit leben muss“, erklärt Rosie Alison.

Marc Munden gefiel die Idee mit den Geistern besonders gut. „Ich wollte den Film in einer Schwebe halten, in einem Traumzustand – eine Art von Fiebertraum“, berichtet er. „Wir erzählen von einem kleinen Mädchen, das in Indien ein unfassbares Trauma erlebt, weil sie alleingelassen wird und für sich allein kämpfen muss. Sie befindet sich also in einem posttraumatischen Zustand, als sie nach England kommt, dieses völlig fremde Umfeld. Alles, was sie besitzt, ist ihr Vorstellungsvermögen.“

Es gibt Stellen im Film, da changiert die Kamera nahtlos zwischen Marys Traumzustand und der kalten, nebelverhangenen Realität. „Manchmal kann man sich nicht ganz gewiss sein, wo welcher Zustand beginnt und der andere endet“, erklärt der Regisseur. „Ich denke, das beschreibt das Wesen eines Traumas ziemlich gut. Und mehr noch finde ich, dass wir damit sehr genau widerspiegeln, wie sich Mary gefühlt haben muss.“

„Auf Erwachsene trifft das sicherlich ebenso zu“, fährt er fort. „Die von Colin Firth gespielte Figur, Archibald Craven, hat ein ähnliches Trauma durchlitten. Es war für ihn so schlimm, dass er in seiner finstersten Phase ausblendet, was er seinem Sohn angetan hat, wie er ihn eingesperrt und bestraft hat.“ Im Verlauf des Films kommt aber auch er an den Punkt, wo er dem Geist seiner verstorbenen Frau entgegentreten kann.

Eine letzte und sehr entscheidende Abweichung vom Ausgangsstoff kommt am Ende des Films. Manche Kritiker haben angemerkt, dass es dem Ende der literarischen Vorlage an Drama mangelt. Also brachten die Filmemacher ein Feuer ins Spiel, mit dem die Dramatik und Dringlichkeit am Höhepunkt des Films deutlich gesteigert wird. In dieser Szene manifestieren sich die beiden Geister endlich vollständig.

„Der Film steuert mit dem Feuer auf eine aufregende Klimax zu“, beschreibt Produzentin Rosie Alison. „Das erinnert ein bisschen an ,Jane Eyre‘ – dieses Buch hatte unverkennbar einen großen Einfluss auf die Arbeit von Frances Hodgson Burnett. Aber als wir uns bei der Suche nach einem geeigneten Anwesen für den Dreh umsahen, stellten wir fest, dass fast jedes dieser Häuser an einem Punkt einmal in Flammen aufgegangen war. In den stattlichen Anwesen von England ist ein Brand ein alltägliches Ereignis.“

Das Feuer steht auch für eine Reinigung und ebnet den Weg für die Wiedergeburt des Hauses am Ende des Films, parallel zur Erneuerung der Familie.

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Info:
Der geheime Garten (Großbritannien 2019)
Regie: Marc Munden
Drehbuch: Jack Thorne nach dem gleichnamigen Roman von Frances Hodgson Burnett (1911)
Darsteller: Dixie Egerickx, Edan Hayhurst, Amir Wilson, Colin Firth, Julie Walters, Isis Davis u.a.