burguSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 6. Januar 2022, Teil 14

Redaktion 

Paris (Weltexpresso) –  Bevor Sie sich aufs Kino verlegt haben, haben Sie Literatur studiert. Wie kommt es, dass Sie Ihren ersten Film dem Berufsstand der Tierärzte gewidmet haben – woher stammt die Idee zu PLÖTZLICH AUFS LAND?

Yves Marmion, der Produzent, hat mich auf die Idee gebracht. Wir kannten uns von einem früheren Projekt, was letztendlich nicht zustande gekommen war – und drei Jahre später kam es dann zu dieser neuen Zusammenarbeit. Yves rief mich an und sagte mir, er suche jemanden, der eine Geschichte von Tierärzten auf dem Land erzählen könne. Das würde viele Leute ansprechen, weil der Tierschutz ein großes Thema sei. Er sei sicher, dass man daraus eine schöne Geschichte machen könnte. Und dann fügte er noch hinzu, wenn ich es schaffen sollte, so etwas zu schreiben, dann würde er mir auch zutrauen, Regie zu führen. Ich war tatsächlich sprachlos – denn Regie führen war seit meiner Kindheit mein großer Traum! Der Tierarztberuf war eine Welt, die ich nicht kannte. Ich beobachte seit Jahren Ärzte wie Martin Winckler, Baptiste Beaulieu und Jaddo, die Bücher über ihren Berufsalltag geschrieben haben, und bewundere ihre Leidenschaft, ihre Menschlichkeit und ihren Humor. Was die Tierärzte angeht, habe ich erst, als ich mit meiner Recherche anfing, entdeckt, unter welchen harten Bedingungen sie arbeiten, und ich fand in diesem aufreibenden Beruf denselben Humor, dieselbe Leidenschaft und dasselbe stille Heldentum wieder.


Was macht sie zu Helden?

Diese Leute haben ihr Leben in den Dienst gestellt, anderen zu helfen. Sie arbeiten unter schwierigen Bedingungen, haben irrsinnig lange Arbeitszeiten, und verdienen damit ein Geld, das in keinem Verhältnis zu der Arbeit steht, die sie aufwenden mussten, um ihr Diplom zu erwerben – eines der schwierigsten, das es gibt.

Ein Landtierarzt muss praktisch jedes Tier heilen können, Haustier oder nicht, zahm oder wild, ganz zu schwiegen von exotischen Tieren. Er muss Tag und Nacht zur Verfügung stehen, um ein krankes Tier einzuschläfern oder für andere Notfällen. Sie helfen bei Geburten, andererseits sind die die Einzigen, die die Verantwortung schultern müssen, bei ihren „Patienten“ Sterbehilfe zu leisten. Das ist enorm! Ich bewundere, mit welcher Leidenschaft und mit wieviel persönlichen Entbehrungen sie ihren Beruf ausüben, und das, obwohl ihr Ansehen nicht dasselbe ist wie früher und ihre Kunden immer mehr von ihnen verlangen.


Wie kam die Struktur der Geschichte zustande?

Ich habe zuerst meine Hauptfiguren gesucht, die Geschichte kam danach. Bei meinen Recherchen bin ich zuerst auf die Figur des Nico gekommen, einen Mann von 45 Jahren, der damit kämpft, Arbeit und Familienleben unter einen Hut zu bekommen. Ich mag Familiengeschichten. Sie sind eine meiner Leidenschaften als Autorin. Als ich Nico gefunden hatte, stellte ich mir vor, dass ihm das Wasser bis zum Hals steht, und dass er sich, um nicht völlig unterzugehen, notgedrungen einen Helfer sucht. So wurde es die Geschichte eines Generationswechsels... Damit hatte ich einen Ausgangspunkt, und die Figur der Alex ist danach sehr schnell hinzugekommen.


Habe Sie sich für die Figur des Nico von realen Personen inspirieren lassen?

Nein, aber er hat Anklänge an manche meiner Vaterfiguren und an Ärzte, die mich inspiriert haben. Und dann, als ich im Morvan war, um nach möglichen Drehorten Ausschau zu halten, bin ich einem Tierarzt begegnet, der, auch wenn er viel jünger war als Nico, einen ganz ähnlichen Werdegang hatte! Das hat mir eines gezeigt: Wenn man eine präzise Idee zu einer Figur hat, dann existiert sie wahrscheinlich wirklich irgendwo, man ist ihr nur noch nicht über den Weg gelaufen...


Und die Figur der Alex?

Alex habe ich als das Beste, das Nico widerfahren könnte, konstruiert, sie aber mit einem sehr widerborstigen Äußeren versehen. Sie ist mir persönlich nicht wirklich ähnlich, aber ich habe ihr doch so manches von mir selbst mitgegeben. Etwa diese Art, die Teenager haben, gleichzeitig absolut romantisch und völlig begriffsstutzig zu sein – eine Art, die ich mit 15 hatte und trotz meiner 30 Jahre immer noch nicht ganz losgeworden bin...! (lacht)


Wie sind Sie vorgegangen, um den Film so realistisch wie möglich zu machen?

Ich wollte meine Geschichte entlang einiger Episoden strukturieren, ich wusste aber, dass ich es damit nicht übertreiben durfte, damit sich die Geschichte nicht in Einzelteile auflöst. Ich habe mich dann dafür entschieden, den Fokus auf ganz bestimmte Tiere zu legen: die Ratte, den Fuchs, die Kuh und den Jagdhund Thor – die man als ebenbürtige Charaktere ansehen kann. Alle anderen waren mehr oder weniger Statisten und hauptsächlich dazu da, um in der Tierarztpraxis Leben in die Bude zu bringen.


Waren Sie mit diesen Tierarten vertraut?

Kaum. Was Thor betrifft, habe ich mich am Hund einer Bekannten orientiert, der hauptsächlich im Haus gehalten wird, obwohl er dafür nicht gemacht ist. Der Fuchs kam in die Geschichte, nachdem ich von einem Fuchs geträumt hatte. Ich bin in der Stadt aufgewachsen, ohne Haustiere, und mein Blick hat sich während des Schreibens geändert; es hat sich eine Verbindung wiederhergestellt, die ich vor langer Zeit verloren hatte.


Gab es Szenen, die risikoreich zu drehen waren?

Nicht wirklich gefährlich, aber auf jeden Fall heikel. Die Szene mit dem Kalben hat uns sehr beschäftigt. Ich wollte die Szene unbedingt im Film haben, weil es eine Schlüsselszene darstellt, in der Alex’ Schicksal eine Wendung nimmt. Wir waren schon darauf vorbereitet, dass wir schummeln und die Beine des Kalbs, die bei der Geburt als erstes zum Vorschein kommen, nachbauen müssten. Aber ich hatte in tiefsten Herzen die Hoffnung, dass wir es in echt drehen könnten. Und wir hatten unglaubliches Glück...! Im Morvan fanden wir den Stall, der uns als Motiv diente. Drin standen 15 trächtige Kühe, genau so, wie wir es wollten, denn Kühe brauchen oft die Hilfe eines Tierarztes beim Kalben. Sie sollten alle während unseres Dreh niederkommen, was perfekt war. Und dann, nach und nach, immer wenn der Tierarzt neue Ultraschallaufnahmen zur Kontrolle machte, schrumpfte die Zahl der Kühe, die zur richtigen Zeit gebären sollten – erst von 15 auf 5, dann auf 3, und schließlich war nur noch eine einzige übrig! Das errechnete Geburtsdatum kam; es war ein Freitag. Noémie konnte am Wochenende nicht vor Ort sein, wir waren also nicht sehr zuversichtlich. Und dann kam Maxime, unser tierärztlicher Berater, und sagte uns, dass wir uns bereithalten sollten, weil die Geburt unmittelbar bevorstünde. Wir haben das Licht im Stall aufgebaut und draußen beim Regiemonitor gewartet. Dort hat nach und nach jeder seine ganz persönlichen Geschichten von Geburten, die man miterlebt hatte, erzählt – fabelhaft. Und dann sagte Maxime uns, es sei so weit. Wir sind mit einer nur ganz kleinen Crew reingegangen – es herrschte eine ganz andächtige Stille, um die Kuh nicht zu erschrecken. Noémie hat sich vorbereitet, und sie hat die Geburt von Anfang bis zu Ende mitgemacht und dabei teils auch selbst mitgewirkt. Ich wollte um jeden Preis den ersten Blick des Neugeborenen auf die, die es zur Welt gebracht hatte, zeigen – und genau das haben wir dann auch wirklich filmen können. Die Emotionen haben uns überwältigt. Wir haben alle still in unsere Taschentücher geheult. Noémie war wunderbar und völlig gelassen. Sie ist nicht einmal in Ohnmacht gefallen! (lacht)


Wie haben Sie die Szenen mit dem Fuchs gedreht?

Ich wusste, dass man Füchse zähmen kann, aber mir war nicht klar, wie furchtsam sie eigentlich sind. Unsere Tiertrainerinnen, Muriel Bec und Lisa Humblot haben mit ihrem Fuchs namens Trollus, der schon als Baby zu ihnen gekommen war, wahre Wunder bewirkt. Mit ihrer Hilfe hat das junge Fuchsmännchen seine Furcht gezügelt und eine kleine Filmcrew um sich herum akzeptiert, und er hat so lange stillgehalten, bis wir die Einstellung im Kasten hatten. Aber man musste schon sehr schnell dabei sein! Es war mir gar nicht so klar, aber die allermeisten Tiere lassen sich nur deshalb überhaupt dirigieren, weil sie dem, der in der Rangordnung über ihnen angesiedelt ist, gefallen wollen. Es ist unglaublich, was ich bei diesem Film alles über die tierische Intelligenz erfahren habe!


Haben Sie die Szene schon mit Blick auf die Schauspieler geschrieben?

Nein, aber als das Drehbuch fertig war, war der erste Name, der für die Rolle des Nico im Gespräch war, Clovis Cornillac. Wir waren uns so vollkommen einig, dass wir bereit gewesen wären, das ganze Projekt abzublasen, wenn er Nein gesagt hätte. Clovis gehört zu den Schauspielern, die ich bewundere. Ich habe schon als Jugendliche zusammen mit meiner Mutter alle seine Filme gesehen – auch sie gehört zu seinen Fans. Nachdem ich ihm das Skript geschickt hatte, haben wir uns zu einem Frühstück getroffen. An dem Tag war ich so aufgeregt wie zuletzt an einem Hochzeitstag! (lacht)

Clovis Cornillac ist ein echtes Phänomen. Als wir im Morvan auf Motivsuche waren, wurden wir immer wieder gefragt, wer im Film mitspielt, und als wir seinen Namen nannten, leuchteten die Gesichter auf. Er ist nicht nur ein großartiger Schauspieler, der schon in aller Herren Länder gedreht hat, sondern er hinterlässt überall auch nur gute Erinnerungen. Beim Dreh ist er ein unschätzbarer Partner und der aufmerksamste Darsteller, den man sich vorstellen kann. Er ist witzig, geduldig und er versteht es, die Moral der Truppe hochzuhalten. Dass er bei meinem ersten Film dabei war, war für mich ein Riesenglück. Ich bin immer noch gerührt, dass er mir sein Vertrauen geschenkt hat.


Für die Rolle der Alex habe Sie Noémie Schmidt ausgewählt...

Ich kannte Noémie aus „Versailles“ und FRÜHSTÜCK BEI MONSIEUR HENRI, und ich war völlig hingerissen von den Proben, die sie uns geschickt hatte. Für die Rolle der Alex brauchte ich eine Schauspielerin, die bereit sein musste, mit einer Ratte auf der Schulter zu spielen. Nicht jedermanns Sache, aber etwas, was Noémie tatsächlich schon einmal gemacht hatte. Am Set hat sie uns immer wieder mit ihrer Liebenswürdigkeit, ihrer Offenheit und ihrem Mumm, nicht zuletzt in der Szene beim Kalben, begeistert.


Wie kamen Sie auf Michel Jonasz für die Rolle des Michel?

Vielleicht wegen des Vornamens? Jedenfalls ist auch Michel Jonasz einer der Helden meiner Kindheit, und er ist sehr schnell am Bord gekommen. Wir haben uns zum Tee getroffen, und nach zwei Stunden hat er zugesagt. Die Rolle war ihm auch deshalb so willkommen, weil er, wie er mir erzählte, eigentlich am liebsten Chirurg geworden wäre und dass er nach wie vor von allem, was mit Medizin zu tun hat, begeistert ist. Jeder weiß es, aber man kann es gar nicht oft genug sagen: Er ist nicht nur einer der größten Songschreiber, Sänger und Komponisten, sondern auch ein fantastischer Schauspieler. Er spielt sehr genau, und auch in jeder seiner Gesten liegt höchste Präzision – sehr beeindruckend!


Sie haben PLÖTZLICH AUFS LAND im Morvan gedreht, einer Region, die selten im Kino vorkommt...

Ursprünglich wollten wir im Jura drehen, aber das wäre für Muriel Bec eine zu weite Anreise gewesen, die mit den Tieren nicht allzu weit reisen konnte. Also haben wir geschaut, was in Reichweite war, und kamen aufs Morvan und seinen Naturpark. Wir haben dort lauter Dörfer angeschaut, ohne das Richtige zu finden – bis Yves Marmion in seinem Michelin-Führer ein Foto aus dem Ort Mhère fand. Das war das letzte Dorf, das wir besichtigt haben, und es war perfekt! Sein Dorfplatz mit dem Rathaus kam uns wie aus einem Western vor. Es war haargenau das, wonach ich gesucht hatte. Um Bilder mit einer gewissen Weite zu drehen, war es ideal. Danach haben wir die nähere Umgebung durchkämmt, und ich hatte die Gegend gefunden, von der ich geträumt hatte.


Wie haben Sie es erlebt, sich mit Ihrem ersten Film einen Kindheitstraum erfüllen zu können?

Ich war hingerissen und konnte es kaum fassen – aber ich hatte noch bis zum ersten Drehtag auch einen ziemlichen Bammel. Aber die Freude am Drehen hat die Oberhand gewonnen, selbst in den schwersten Momenten, vor allem dank der fantastischen Crew, mit der ich arbeiten durfte. Und auch, weil Yves Marmion mir nicht von der Seite gewichen ist. Er hat mich von Anfang bis Ende durch dieses Abenteuer begleitet.


Hatten Sie andere Filme als Vorbilder?

Manche französischen Filme, die ich liebe und die mich geprägt haben; davon gibt es viele, aber sie spielen in ganz anderen Welten als PLÖTZLICH AUFS LAND. Ich hatte kein direktes Vorbild. Ich hatte noch nicht einmal DER LANDARZT VON CHAUSSY von Thomas Lilti gesehen; das habe ich erst nachträglich getan. Mir war von Anfang an klar, dass ich eine warmherzige Komödie drehen wollte, die in der Realität verankert ist und ihre Emotionen nicht verrät.


Hatten Sie als Regiedebütantin mit großen Emotionen zu kämpfen?

Oh ja - sehr! Natürlich bei den ersten Aufnahmen, beim ersten Mal, „Action!“ zu rufen. Oder beim ersten Nachtdreh mit einer ganzen Schar von Statisten, bei dem nichts funktionierte. Michel Jonasz hat dabei mit erheblichem Krafteinsatz die Moral am Set hochgehalten und alle zum Lachen gebracht! Dann war da natürlich noch die Szene mit dem Kalben, die wie durch ein Wunder genau im richtigen Moment zustande kam. Aber die Szene, die mich ganz besonders bewegt hat, war eine der letzten, die wir gedreht haben. Die Szene, in der Noémie, nachdem sie erfahren hat, dass sie in ihrem Traumberuf anfangen kann, sich bewusst wird, was sie mit dem Morvan alles aufgegeben hat. Das ist der Kern der Geschichte: seinen Platz in der Welt zu finden, sich seinen Stamm auszusuchen und sich ihm anzuschließen. Noémies Spiel hat mich zu Tränen gerührt. Es war ein ganz starker Moment.


Sie drehen einen Film, der tief in der französischen Provinz spielt und wählen dafür englischsprachige Musik aus. Ist das mit Ihrer Familiengeschichte, als Tochter des Musikers André Manoukian, nicht ein gewisses Paradox?

(Lacht) Ganz und gar nicht. Es war so: Ich wollte für den Film Folkmusik haben. Ich hatte den Song „Jimmy“ von Moriarty im Sinn. Und ich hatte das Glück, dass ich noch zwei weitere Stücke der Band verwenden durfte. Den Film mit der Stimme von Rosemary Standley zu eröffnen, ist ein großes Glück für mich. Später habe ich Mattéi Bratescot gebeten, Musik in diesem Stil zu schreiben. PLÖTZLICH AUFS LAND war einfach nicht der richtige Film, um mit meinem Vater zusammenzuarbeiten. Aber ich hoffe, dass wir bei meinem nächsten Film etwas zusammen machen.


Wie würden Sie die Botschaft des Films umschreiben? Dass Tierärzte unverzichtbar sind – und dass sie bessere Bedingungen für ihre Arbeit verdienen.  

Dass Tierärzte unverzichtbar sind – und dass sie bessere Bedingungen für ihre Arbeit verdienen.

Foto:
©Verleih

Info:
BESETZUNG
Nico             Clovis Cornillac
Alexandra    Noémie Schmidt
Lila              Carole Franck
Marco          Matthieu Sampeur
Zelda           Juliane Lepoureau
Nath            Lilou Fogli
Morille         Christian Sinniger
Michel         Michel Jonasz

STAB
Regie          Julie Manoukian
Drehbuch   Julie Manoukian

Abdruck aus dem Presseheft