Bildschirmfoto 2022 09 17 um 08.40.57Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. September 2022, Teil 8

Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso)  – WIE WÜRDEN SIE CATHY MARIE BESCHREIBEN?

Cathy Marie ist eine Autodidaktin mit dem festen Plan im Kopf, Küchenchefin zu werden. Sie ist eine Rebellin mit großem Herzen, die hohe Ansprüche hat und Autoritäten nur schwer akzeptiert. Als sie als Kantinenchefin im Heim landet, hält sie das für eine vorübergehende Episode. Was mir an dieser Figur gefällt, ist ihre Entwicklung. Von dem Moment an, in dem sie die Jugendlichen trifft, sie an ihrer Leidenschaft teilhaben lässt und sich mit ihnen austauscht, lernt sie, noch auf andere Weise großzügig zu sein als durch das Kochen. Diese wilde, aufbrausende, herausfordernde Wölfin wird reifer, indem sie ihre Leidenschaft weitergibt und sich auf neue Weise verwirklicht – bis sie am Ende versteht, was es wirklich bedeutet, Chefin zu sein. Sie bekommt endlich die Möglichkeit, etwas zu tun, man nimmt sie ernst – und diese jungen Leute bewundern sie und bereichern sie mit ihrer Kultur und ihren Erfahrungen. Diese Frau, die sich von ganz unten hochgekämpft hat, wird sich mit ihrer Küchenbrigade eine Familie schaffen.


IM WEITEREN VERLAUF DER GESCHICHTE NIMMT SIE SICH IMMER WEITER ZURÜCK...

Je weiter sie selbst in ihrer Entwicklung kommt, desto mehr will sie diese Jugendlichen ins Licht rücken, damit sie auch gesehen werden. Darum geht es Louis-Julien Petit: Menschen ins Licht rücken, die man nicht sieht, zu zeigen, was um uns herum geschieht, gesellschaftliche Probleme aufzugreifen und sie auf menschliche Weise und im Tonfall der Komödie zu behandeln. Louis-Julien hat eine ganz eigene Art, seine Themen zu behandeln. Er zwingt niemanden, auf diese oder jene Weise zu denken. Er öffnet Türen und ermöglicht es uns damit, auf Fragen antworten, die wir uns anfangs vielleicht gar nicht gestellt haben.


LOUIS-JULIEN PETIT SAGT, DASS ER IN IHNEN EINE ART ALTER EGO GEFUNDEN HABE.

Es ist ein bisschen so wie mit jemandem, mit dem tanzt und denkt: „Mensch, mit dem kann ich gut tanzen, mit dem fließt es und der kann mich auch noch überraschen.“ So geht es mir mit Louis-Julien. Wir haben im Vorfeld viel über Cathy Marie gesprochen, wir haben gearbeitet, recherchiert, geredet, und dann war da noch die ganze Vorbereitung, die Monate, die ich in großen Restaurants verbracht habe... Es war ein wahres Glück für mich. All diese Arbeit bereichert mich und gibt mir Kraft. Wenn dann die Dreharbeiten beginnen, habe ich ein Fundament. Dann kann man es sich erlauben, im letzten Moment eine Szene umzuschreiben, eine Improvisation zu machen – denn Improvisation ist nur möglich, wenn es ein klares Fundament gibt. LouisJulien vertraut mir und bietet mir immer wieder Rollen an, die anders sind als alles, was man mir bisher angeboten hat. Er liebt Schauspieler. Es ist ein Geschenk, mit so einem Regisseur zu arbeiten.


HABEN SIE IN CHRONOLOGISCHER REIHENFOLGE GEDREHT?

Ja. Es ist aber so, dass Louis-Julien im Schnitt noch einmal viel verändert. Die Kontinuität des Drehbuchs ist eigentlich immer in Bewegung. Auch wenn er vor und während der Dreharbeiten genau weiß, was er will, stellt er sich selbst immer wieder in Frage. Die Einstellung zum Beispiel, die jetzt den Film eröffnet, mit Cathy Marie am Strand, war eigentlich für später geplant. Dieses Bild gleich zu Beginn zu platzieren, erzählt auf sanfte Weise etwas Stärkeres: Man ahnt, dass sie sich in einer Situation der Einsamkeit und Ungewissheit befindet. Louis-Julien bleibt nie bei dem Drehbuch stehen, an dem er vorher anderthalb Jahre gearbeitet hat.


WIE WAR ES FÜR SIE, MIT FRANÇOIS CLUZET ZU ARBEITEN?

Ich hatte davon geträumt, mit ihm zu drehen. Als Louis Julien mir sagte, dass er François Cluzet anfragen würde, habe ich nicht wirklich daran geglaubt. Ich dachte, er würde ablehnen, weil es sich nicht um eine echte Hauptrolle handelte. Als mir Louis-Julien dann sagte, dass er in François Cluzet seinen Lorenzo Cardi gefunden habe, habe ich vor Freude geweint. Später, am Tag der Licht- und Kostümprobe, stellten wir uns einander vor. Was hat dieser Mann für eine Klasse! Er ist, genau wie ich, überzeugt davon, dass man nie alleine spielt. Ich komme auf den Tanz zurück: Sie können der beste Tänzer der Welt sein, aber wenn Ihr Partner schlecht ist, geht der Tango genauso daneben wie der Walzer.


DIE JUGENDLICHEN DER KÜCHENBRIGADE HATTEN VORHER NOCH NIE FILME GEMACHT. WIE WAR DIE ARBEIT MIT IHNEN?

Ich hatte die Jugendlichen vor dem Dreh nicht kennengelernt. Louis-Julien wollte unbedingt, dass wir uns zum ersten Mal am Set sehen: Sie sollten Cathy Marie kennenlernen, nicht Audrey Lamy. Er sagte mir, dass sie das Drehbuch nicht kannten, und warnte mich: „Sie werden nie den Dialog aus dem Drehbuch sagen. Du kennst deinen Text, du kennst den roten Faden, du kennst die Situation, du passt dich an. Es wird sportlich, aber es wird großartig.“

Dank seiner Inszenierung werden diese Jugendlichen als Menschen und Persönlichkeiten gezeigt. Sie wurden nur nicht mit den richtigen Aufenthaltspapieren in der Hand geboren. Die Sequenz, die mich am meisten beeindruckt und die dann im Schnitt einen neuen Platz gefunden hat, war die, in denen sie von ihren Lebenswegen erzählt haben. Sie machen das ganz ruhig, sie reden von tragischen Dinge, ohne mit der Wimper zu zucken, mit einer unglaublichen Kraft. Louis-Julien behielt Teile dieser Aussagen und setzte sie als Voice-over in die „Madeleine“- Sequenz im Restaurant.

Nach dem Dreh dieser Sequenz haben wir noch ein paar Stunden zusammen verbracht, es entstand noch einmal eine ganz andere Verbindung zwischen uns. In den Tagen danach fiel es uns noch leichter, gemeinsam zu improvisieren. Es gab eine sehr schöne Chemie zwischen uns, eine Komplizenschaft, eine Osmose. Als Amadou in der Szene in Cathy Maries Zimmer sagt: „Ich habe sie wirklich sehr gern, Chefin“, brauchte ich nicht zu spielen. Die Tränen kamen von ganz allein. Wie schon „Der Glanz der Unsichtbaren“ hat auch dieser Filme tiefe Spuren bei mir hinterlassen, als Schauspielerin, aber vor allem Mensch.

Foto:
©Verleih

Info:
DIE KÜCHENBRIGADE (La brigade)
von Louis-Julien Petit, F 2022, 97 Min.
mit Audrey Lamy, François Cluzet, Chantal Neuwirth, Fatou Kaba, Yannick Kalombo
nach Idee von Sophie Bensadoun
Sozialkomödie