astaUraufführung am 11.11. 1911, vor 111 Jahren in Frankfurt, Teil 2/2

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Wer ist denn eigentlich DER FREMDE VOGEL ist die einzige Frage, die in der Matinee im Kino des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums (DFF) mir im Nachhinein kam, nachdem ich so überrascht wie angetan den 45minütigen Stummfilm mit dem Untertitel ‚Eine Liebestragödie aus dem Spreewald‘ gesehen und gehört hatte.

Bildschirmfoto 2022 11 21 um 04.35.09Gehört beim Stummfilm? Und das nicht aus der Retorte. Aus den Niederlanden war erneut die Filmkomponistin und Pianistin Maud Nelissen (links) gekommen, um den Klavierpart zu spielen, den sie selbst für die Kinothek Asta Nilsen 2007 zu diesem Film komponiert hatte, deren Gründerinnen Heide Schlüpmann und Karola Gramann damals eine Nielsen-Retrospektive durchführten und am heutigen Tage Film und Komponistin vorstellten.

Meine Überraschung gilt in erster Linie der Kameraarbeit von Guido Seeber, der eine verwunschene Spreewald-Landschaft mit all ihren Licht- und Schattenseiten auf die Leinwand zaubert, was in Schwarz-Weiß besonders eindrucksvoll ist. Die anderen Überraschungen später, denn jetzt muß erst der Plott her, der harmlos beginnt und tragisch endet. Das war geschätzt, das Melodramatische.

fahrtDer Spreewald ist für Touristen beliebt, insbesondere die Amerikaner kommen gerne, der Landschaft und der typisch deutschen Bevölkerung mit ihren Trachten wegen. Wir sind dabei, wenn der amerikanische Geschäftsmann Arthur Wolton (Hans Mierendorff) mit Tochter May (Asta Nielsen), der Gesellschaftsdame Miss Hobbs (Eugenie Werner) und Herbert Bruce (Louis Ralph), nach dem Wunsch des Vaters der zukünftige Schwiegersohn, mit Überseekoffern ankommt und der Naturbursche Max (Carl Clewing, ein damals sehr bekannter Schauspieler) die Gäste mit seinem Kahn (eigentlich eine Plätte, mit einem langen Stecken) zur Unterkunft bringt. Ist es Liebe auf den ersten Blick? Auf jeden Fall auf den zweiten und sicher hilft dabei, daß May den avisierten, ach was, aufgedrückten potentiellen Ehemann auf keinen Fall leiden mag.

So sehen wir zu, wie einerseits die beiden sich ineinander verlieben, andererseits Max’ Verlobte Grete (Frl. Carsten) etwas dagegen hat, genauso wie Mays Vater, vom aufdringlichen Bruce ganz abgesehen. Auch die Mutter von Max, die anfänglich noch zugewandt ist, verweigert dem Sohn das Haus, als er mit May zu ihr flüchten will.

Denn inzwischen war die Situation eskaliert, Bruce wurde übergriffig, May hielt dagegen, der Vater erst verunsichert ob der beleidigten und weinenden Tochter, dann aber bei Wahrnehmung ihrer Sympathien für den Spreeländer knallhart entschieden, sie endlich mit Bruce zu verheiraten.

filmmuseum potsdamUnd so kommt es zur Flucht, die nach der Weigerung der Mutter in die Tiefen des Spreewaldes führt – wunderbar der Mond, wie er den Spreewald durchflutet und auf den Wassern reflektiert. Doch Max wurde von seiner Verlobten überwacht, die sein Stelldichein bei May beobachtet und die Flucht der beiden und dies noch des Nachts dem Vater mitteilt, der mit einer ganzen Suchmannschaft sich auf Booten und Kähnen auf den Weg macht, die schnell vorankommen und schon die Flüchtigen sichten. Da legen die rasch an und der erfahrene Max führt May durch den Wald, doch der dichte Wald schützt zwar die Liebenden, aber für May ist das alles zum Fürchten. In dem Moment, als Max den weiteren Weg erkundet, ist sie körperlich fix und fertig und andererseits völlig verängstigt ob der Dunkelheit und den Gefahren des Waldes. Sie läuft einfach los und als der zurückgekehrte Max sie sucht, findet er sie ertrunken im Wasser, in das sie in ihrer Angst gefallen war. Natürlich liegt sie wunderschön in einem Blumenarrangement. Und wunderschön wird sie dann auch blumenbedeckt im Sarg zur Bestattung übers Wasser geleitet. 

Und nun kommt das Überraschende. Obwohl die Handlung schlicht ist, ist sie nicht primitiv, denn die handelnden Personen sind eher Typen, Ausprägungen von herkömmlichen Figuren wie der liebevolle, aber strenge Vater, die nüchterne, nicht ihrer Klientin, sondern dem bezahlenden Vater verpflichtete Gesellschaftsdame, der übergriffige Mann, dem nicht die Gefühlslage der Angebeteten wichtig ist, sondern nur seine eigene (wobei man vermutet, daß May auch Geld in die Ehe bringt), die eifersüchtige Spreewälderin in ihrer strammsitzenden Tracht, die Mutter, die den Sohn immer gewähren läßt und in der Not im Regen stehen läßt – und vor allem das Liebespaar.

Über Max muß man sich keine Gedanken machen. Der ist völlig aus dem Häuschen, solche zarte Wesen, die Elfen gleich durch die Welt schweben, kennt er nicht. Und da sie ihm eindeutig Avancen macht, handelt er – sozusagen in ihrem Auftrag. Die Überraschung ist diese May, die so zart sie ist, doch als Nuß für ihren Vater ihren eigenen Weg gehen will. Den Weg, der mit ihrem Tod endet. Doch empfindet der Zuschauer diesen Tod nicht als Konsequenz des Handelns der Tochter, sondern eher als Ergebnis der Verfolgung durch den Vater und der ganze Meute.

Will sagen, trotz der holzschnittartigen Personenkonstellation sind diese Personen psychologisch stringent dargestellt und zeigen eine junge Frau ohne Chance, ihr Leben selber zu bestimmen. Der Zuschauer muß einfach auf ihrer Seite sein.

Überraschend war mir auch die Darstellung durch Asta Nielsen. Sie ist ein androgyner Typ, als junges Mädchen ist sie einerseits in sich gekehrt und schweigend, mit großen Augen traurig in die Welt blickend, andererseits wird sie in Anwesenheit von Max wie aufgezogen lebendig, gurrt um ihn herum wie ein Täubchen( das kann man natürlich nicht hören, aber in der Körpersprache), leicht verschämt, dann wieder offen zupackend.

Man muß sich in diesem Kontext einfach die Frage stellen, warum eine solche Art Frau eine derartige Popularität errang, daß die PAGU einerseits mit ihr und ihrem Regisseur Gad einen Vertrag über 30 Filme in 3 Jahren abschloß und andererseits Kinobesitzer und Kinopächter, insbesondere die Unions-Kinos blind diese Filme im voraus kauften.

Auf jeden Fall war dieser Film am 11.11. 1911 mit der gleichzeitigen Uraufführung des Unions-Kinos in der Frankfurter Kaiserstraße 74 - 10 Hausnummer, gleich fünf Häuser weiter als die PAGU - zusammen mit fünf Unions-Kinos in Berlin der Auftakt für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Und der Erste Weltkrieg? Mußte der nicht den Erfolg für den deutschen Film beenden?  Nur kurz. Asta Nielsen war Dänin, ihr Regisseur und Ehemann auch. Das fiel einfach unter den Tisch, daß es deutsche Filme waren. Die Zwischentitel gab es sowieso in den jeweiligen Landessprachen, hauptsächlich englisch, sonst französisch, italienisch, spanisch...

Was mir, die ich eigentlich durch die amerikanischen, italienischen und französischen Busenstars der Fünfziger und Sechziger Jahre filmisch sozialisiert wurde, erstaunlich ist, ist, daß die erste weibliche Filmschauspielerin, die wirklich ein Weltstar wurde, so androgyn daherkommt. Zwar spielt sie hier die zarte junge Amerikanerin in weißen Spitzenkleidern, aber sie wendet sich gegen die Bevormundung der Männer, ob Vater oder Zwangsverlobter. Es sind also vielleicht auch ihre Rollen, die sie so beliebt machen, so daß am Schluß das eine von der anderen nicht mehr zu unterscheiden ist. Das wäre eine These, die zu überprüfen ist. So führt das Ergebnis des Filmforschungsteams die Zuschauerin zur nächsten Forschungsfrage. 

PS.
Es git noch ein Kuriosum, das man kaum glauben mag. Am 30. Oktober wurde der Film durch die Zensur (Kaiserreich!) geprüft und als jugendgefährdend mit einem Jugendverbot belegt. Nicht der Handlung, sozusagen einem Liebestod wegen, sondern wegen einer in unseren Augen völlig harmlosen Szene. Als der Nachen einmal auf einer Sandbank festsitzt, zieht die praktische Amerikanerin rasch ihre Schuhe und Strümpfe aus, watet an den Strand -man sieht tatsächlich ihre Waden! - und versucht zusammen mit Max, der es ihr nachmacht mit dem Ausziehen von Schuhen und Strümpfen, den Kahn wieder flott zu kriegen. Mit Erfolg. Die Zensur fand diese Szene wohl schlüpfrig und befand sie als zu ‚pikant‘.

Fotos:
Titel:
Vater, Tochter, dahinter die Spreewälderin©Deutsche Bioscope GmbH., Berlin, Projektions-AG Union (PAGU
Maud Nelissen©Redaktion
Die Ankunft©Deutsche Bioscope GmbH., Berlin, Projektions-AG Union (PAGU
Gesellschafterin, Vater, stehend Max, Tochter, Spreewälderin, Verlobte von Max©Filmmuseum Potsdam