Bildschirmfoto 2023 11 02 um 06.38.58Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 2. November 2023, Teil 3

Bianca Jasmina Rauch

Paris (Weltexpresso) - Ob als perfekte Verkörperung von Unschuld, Inbegriff der Verführung oder als „schlechte“ Mütter: einen Blick darauf zu werfen, welche Rolle Frauen vor Gericht in der (Film-)Geschichte einnehmen, wie Lebensweisen verhandelt werden, verrät einiges über die dominieren- den Erwartungshaltungen einer Gesellschaft. Während Mae West im Pre-Code Hollywood in ICH BIN KEIN ENGEL noch offen die moralischen Doppelstandards der US-amerikanischen Gerichts mit komödiantischen Pointen entlarvte, verunsicherten Laura Marion in ANATOMIE EINES MORDES, Christine Vole in ZEUGIN DER ANKLAGE oder Dominique Marceau in DIE WAHRHEIT mit ihrem Changieren zwischen Zurückhaltung und Verführung ihr Publikum im G richtsaal und vor der Leinwand in seinem (moralischen) Urteil.


Eine Frau, die weiß, was sie will und das auch einfordert, die ein im Auge des Gerichts moralisches Doppelleben führt, wirkt verdächtig. Zum Stein des Anstoßes wird die (potenzielle) Promiskuität dieser Frauen und die daran anknüpfende Frage, wem eher geglaubt wird: der verführerischen Femme fatale oder der zurückhaltenden Haus- und Ehefrau?


Auch in ANATOMIE EINES FALLS lässt der Staatsanwalt keine Zweifel an seiner Skepsis gegenüber einer bisexuellen, selbstbestimmten Frau, die mit mehr beruflichem Tatendrang durchs Leben schreitet als ihr Partner. Sandras Vorpreschen in beruflichen und privaten Angelegenheiten – ihre höhere Zahl an Publikationen, ihre größere Zahl an Liebhaber*innen – habe die psychische Belastung ihres Mannes in erheblichem Maße zu verantworten, so die Behauptung seines Psychiaters und der Vorwurf des Anwalts. Samuels Homeschooling des Sohnes wird ebenso zum Gegenstand der Verhandlung: Brachte er damit ein großes Care-Arbeits-Opfer oder erlebte er die viel wertvollere gemeinsa- me Zeit? Der Kern des Beziehungskonflikts, den das Gericht versucht zu sezieren, habe in der vermeintlich ungleichen Verteilung von Karriere und Care-Arbeit zwischen den Partner*innen gelegen. Eindeutig schwingen in der Verhandlung Sandras Rolle als Mutter des gemeinsamen Sohns Daniel und damit verbunden gesellschaftliche Erwartungen gegenüber Elternschaft in heteronormativen Beziehungen mit. Eine Mutter, die ihr Kind verlässt, oder nicht mehr Care- Arbeit leistet als der Vater, muss damit rechnen, moralisch abgestraft zu werden – das wird auch in Robert Bentons Scheidungsdrama KRAMER VS. KRAMER deutlich oder in Barbara Lodens WANDA.


Im Angesicht des „Chaos’ einer Beziehung“ können sich Anwält*innen, Richter*innen und Geschworene oft nicht an Beweisstücke klammern und das Urteil fällt der Verhandlung zwischen den Instanzen im Gerichtssaal zu. Jedes Detail aus der Vergangenheit, jeder Streit, jede Uneinigkeit kann nun zum Indiz für die Schuld an einer folgenschweren Tat werden. Die Geschworenen entscheiden, indem sie die Wirkung von Glaubwürdigkeit einer Person beurteilen. Ihre Glaubwürdigkeit wurde auch Amber Heard im Zuge der extremen Aufmerksamkeit, die auf den Prozess fiel, im Schatten des mächtigen, beliebten Johnny Depp vielfach abgesprochen. Heards Emotionen wurden zum Gegenstand von Spott. Trotz der Beweislage in puncto häuslicher Gewalt entschied die Jury gegen Heard. Der Prozess zwischen den beiden Celebrities verdeutlichte in erheblichem Maße, wie ein starkes mediales Echo dazu beitragen kann, Vorstellungen von Moral in explosiven Gefechten zur Schau zu tragen.


Sandra bleibt in ANATOMIE EINES FALLS die meiste Zeit über ruhig und dennoch emotional nahbar. Auch auf den Tod ihres Mannes wirkt ihre Reaktion anfangs gefasst – ein Moment, den wir als Zuschauende als Indiz für ihre vermeintliche 

Täterinnenschaft in Erinnerung bewahren könn- ten. Die Frage, wie viel Gefühl eine Person zeigt, wird im Zusammenhang mit einem Prozess wie unter einer Lupe maximiert. In SAINT OMER sorgt gerade die Gefasstheit der Angeklagten für großes Erstaunen im Rätsel darum, den Mord an ihrem Baby zu verstehen. Wie in ANATOMIE EINES FALLS steht auch hier eine Richterin dem Prozess vor und erweitert die meist US-amerika- nischen Courtroom-Dramas um einen europäi- schen Blick. In beiden Filmen erzeugt nicht nur die Präzision der herausgestellten Inszenierung eines Gerichtsprozesses eine gewisse Anspan- nung, sondern auch die Gewissheit darüber, wie Schicksale von gesellschaftlichen, kapitalisti- schen Strukturen bestimmt werden. Im besten Fall lassen Gerichtsdramen – mal leise-subtil mal laut-tosend – erkennen, wie die großen Miss- stände unserer Zeit Einzug ins Private nehmen, um die medial (über-)präsenten Prozesse unse- rer Gegenwart neu zu beleuchten.

Foto:
©Verleih

 Info:
"Anatomie eines Falls", Frankreich 2023, 150 Minuten, Filmstart 2. November 2023
Regie Justine Triet mit Sandra Hüller, Milo Machado Graner, Swann Arlaud, Samuel Theis und andere