Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 20. März 2025, Teil 3
Hanswerner Kruse / Hannah Wölfel
Berlin (Weltexpresso) - Niki de Saint Phalle, wuchs teilweise in New York auf und kehrt Anfang der 1950er-Jahre nach Paris zurück. Hier überfallen sie diffuse Ängste, blutige Träume und vage dämonische Erinnerungen. Als sie mit einem Messer unter dem Bett schlafen gehen will, zwingt ihr Ehemann sie, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben.
In diesem seelischen Tohuwabohu werden Niki auch die einstigen sexuellen Übergriffe ihres Vaters schmerzhaft bewusst. Mit Elektroschocks traktiert man sie in der Nervenklinik, ansonsten wird sie ruhiggestellt, Beschäftigung ist ihr verboten: „Die Behandlung ist so intensiv, dass sie keine Kraft für anderes haben“, heißt es. Sie darf nicht malen wie ein Mitpatient, dessen grellfarbene Gemälde sie faszinieren. Heimlich sammelt sie Müll, den sie gestaltet oder malt mit Schlamm und Wasser auf Pappkartons. Das wird ihr untersagt, die „Helfer“ kapieren nicht, dass ihr diese eigene Gestaltung der Welt - durch die Entdeckung der Kunst - hilft und Kraft gibt. Überhaupt nicht hilfreich ist dagegen die würdelose Behandlung in der Irrenanstalt und der vom Psychiater geleugnete väterliche Missbrauch. Jedoch fügt sie sich in die Zwänge der Anstalt um entlassen zu werden.
Wieder zuhause arbeitet Niki künstlerisch wie besessen, doch sie verzweifelt: „Ich male wie eine Zehnjährige, ich will lernen!“ Auf der Suche nach Unterstützung lernt sie in der losen experimentierfreudigen Pariser Szene Yves Klein, Daniel Spoerri und Jean Tinguely kennen. Niki und Tinguely verstehen sich gut, aber in seiner Clique wird sie anfangs heftig angefeindet: „Du bist keine Künstlerin, du bist nur die die malende Frau eines Schriftstellers.“ Dagegen ermuntert Tinguely Niki, die brave Malerei sein zu lassen: „Komm, wir spielen Kunstpolizei“, ruft er, hält sich seine Schweißermaske vors Gesicht und kommandiert: „Fort mit Farben, Leinwänden und Pinseln!“
Niki beginnt mit großen Gipsfiguren zu arbeiten, in die sie Beutel mit roter Farbe einschließt und darauf schießt. Weitere bizarre Gestaltungen und brisante Aktionen folgen, sie schleudert ihre Wut durch die Kunst in die Welt hinaus. Sie verlässt ihren Mann, heiratet Tinguely und wird zunehmend - als einzige Frau - in der männlich dominierten Kunstszene dieser Jahre bekannt. Durch den Film erleben wir diese kurze Episode ihres Lebens, die Ereignisse zwischen 1952 bis 1961, in der sie zur Künstlerin heranreift und später die lockere Avantgarde-Gruppe Nouveaux Réalistes mitbegründet.
Im gleichnamigen Dokumentarfilm wie der hier besprochene Film, in „Niki de Saint Phalle“ von Ulrich Schamoni aus dem Jahr 1995, vermissten Kritiker diese frühen Jahre. Nun bekommen sie sie... Denn genau diese Zeit hat sich Regisseurin Céline Sallette vorgenommen, doch erstaunlicherweise - für viele Presseleute und demnächst wohl auch für das Publiukum - zeigt sie in ihrem gesamten Debutfilm konsequent kein einziges Bild, kein Objekt der Künstlerin.
Dazu meint die Filmemacherin: „Ich wollte, dass der Film die Geschichte vor der Geschichte erzählt (...) Ich war an Nikis Metamorphose interessiert, und der Blickwinkel ihres Werks schien mir völlig angemessen. Es ging nicht darum, zu wissen, was der Betrachter von den Werken selbst halten würde, sondern darum, die Künstlerin in ihrer Katharsis aus nächster Nähe mit ihrer Schöpfung zu konfrontieren.“
Sallette verweigert jegliche Psychologisierung von Nikis Kunst. Respektvoll reduziert die Filmemacherin die künstlerische Arbeit nicht auf Traumabewältigung, der Film ist kein psychiatrisches Lehrstück. Sie fragt nicht nach dem WARUM von Nikis Kunst, denn deren Wut und Schmerz aufgrund des Traumas sind ja überaus deutlich:
„Statt Terroristin zu werden, wurde ich zu einer Terroristin der Kunst“, meint sie über sich selbst in dieser Zeit. Die Regisseurin erforscht WIE Niki zur Künstlerin wurde, WIE sie Zorn und Leid in ihrer künstlerischen Arbeit herausschleudert, transformiert und sich befreit.
Ein weiteres Zitat von Niki de Saint Phalle fasst zusammen: „Ich wurde Künstler, weil es für mich keine Alternative gab – infolgedessen brauchte ich auch keine Entscheidung zu treffen. Es war mein Schicksal. Zu anderen Zeiten wäre ich für immer in eine Irrenanstalt eingesperrt worden – so aber befand ich mich nur kurze Zeit unter strenger psychiatrischer Aufsicht, mit zehn Elektroschocks usw. Ich umarmte die Kunst als Erlösung und Notwendigkeit!“
Diese Umarmung der Kunst wird in dem Spielfilm vor allem durch die geniale schauspielerische Leistung von Charlotte Le Bon authentisch und nachfühlbar!
Fotos
© Neue Visionen Filmverleih
Info:
„Niki de Saint Phalle“, Frankreich / Belgien 2024, 98 Minuten, FSK ab 12 Jahren. Filmstart 20. März 2025
Regie / Buch Céline Sallette mit Charlotte Le Bon als Niki de Saint Phalle, Damien Bonnard als Jean Tinguely, Judith Chemla als Eva Aeppli und anderen.