1971 Warnung vor einer heiligen Nutte Werkfoto 960x540Ausstellung des DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, 2. April 2025 bis 1. Februar 2026, Teil 1

Redaktion

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Eines der virtuosesten Stil- und Erzählmittel des Films, sogenannte Plansequenzen – ungeschnittene Szenen mit aufwändigen Kamerabewegungen – sind das Thema der neuen Ausstellung des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, "Entfesselte Bilder" (2. April 2025 bis 1. Februar 2026). DFF-Kurator Michael Kinzer lädt dazu ein, die Entfesselung der Kamera im Laufe der Jahrzehnte anhand dutzender Filmausschnitte zu erkunden. Der Fokus liegt dabei auf „mobilen Long Takes", langen Einstellungen mit Kamerafahrten, bei denen die Person hinter der Kamera häufig selbst in Bewegung ist und so eine mitreißende Dynamik der Bilder entsteht.

Von den ersten Versuchen elaborierter Kamerabewegungen in der Stummfilmzeit bis hin zu den One-Shot-Filmen des 21. Jahrhunderts, die (mitunter nur scheinbar) komplett ohne Schnitte auskommen, spannt die Ausstellung einen großen filmhistorischen Bogen, der sowohl Arthouse- als auch Mainstream-Kino umfasst. Angelegt als ein Labyrinth aus Projektionen und Monitoren, auf denen Kamerakunststücke aus mehr als 100 Jahren Filmgeschichte gezeigt werden, entsteht eine verschachtelte Architektur aus bewegten Bildern, die den Film als einzigartige Kunstform präsentiert und dem Publikum eine neue Art des Sehens vermittelt – ein ästhetisches, audiovisuell mitreißendes Erlebnis.

Zur langen Kamerafahrt, genannt Plansequenz

Orson Welles‘ TOUCH OF EVIL (US 1958): Plansequenz zu Beginn des Films. In der Eingangsszene von Orson Welles‘ TOUCH OF EVIL (US 1958) ist ein Mann zu sehen, der eine Bombe mit einem auf drei Minuten eingestellten Zeitzünder im Kofferraum eines Autos platziert. Die Kinobesucher:innen wissen also, anders als die Akteur:innen im Film, dass das Auto – jetzt gleich – in die Luft gehen wird. Die Kamera fährt daraufhin in schwindelnde Höhe über die Hausdächer bis das anfahrende Auto wieder in den Blick kommt, das durch ein belebtes Ausgehviertel gleitet. Das Ehepaar Vargas (Charlton Heston und Janet Leigh) läuft von rechts ins Bild und die Kamera fokussiert auf das flanierende Paar, während das Bombenauto zunächst aus dem Bild rollt, bald von den Flaneuren überholt wird und dann auf dem Weg zu einer Grenzkontrolle immer in Sichtweite hinter dem Paar bleibt, das die Grenze (von Mexiko in die USA) schließlich zügig passiert, ebenso wie das Bombenfahrzeug, das aus dem Bild rollt. Während sich das frischgebackene Ehepaar küsst – die 3 Minuten sind jetzt vorbei – ist eine Explosion zu hören und – Schnitt (der erste des Films) – ist das in einem Flammenmeer explodierende Auto zu sehen. Die gesamte Szene bis zur Explosion ist in einer langen, technisch aufwändigen Kamerafahrt gedreht (ohne einen einzigen Schnitt), einer sogenannten Plansequenz.
 
Foto:
Ballhaus, Fassbinder
©Peter Gauhe, Quelle: DFF – Sammlungen und Nachlässe 

Info:
https://www.dff.film/wp-content/uploads/2025/03/PM-Entfesselt-Haupt_FM_final_f.pdf
https://www.youtube.com/watch?v=vm97MdLVdPU