01 IchWillAlles c PrivatarchivHildegardKnef KopieSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 3. April 2025, Teil 3

Hanswerner Kruse / Hannah Wölfel

Berlin (Weltexpresso) – „Ich will. Ich will alles oder nichts", sang Hildegard Knef 1968 – und auch als ältere Dame wollte sie immer noch „alles oder nichts. Für mich sollst rote Rosen regnen.“ Von Anfang an war es ihr widersprüchliches Lebensmotto berühmt zu werden und doch „was Einfaches zu machen“, Erfolg zu haben und ihn nicht zu mögen. 


Jetzt kommt „Ich will alles“ in die Kinos, der Dokumentarfilm über Hildegard Knef (1925 -2002), der auf der Berlinale im Frühjahr seine Uraufführung hatte. Die Regisseurin Luzia Schmid hat aus dem umfangreichen Archivmaterial der Deutschen Kinemathek in Berlin einen unterhaltsamen, spannenden und doch sehr informativen Film collagiert. Die einzelnen Lebensabschnitte der letzten deutschen Diva werden immer mit einem ihrer Songs eingeleitet: „Ich glaube eine Dame werde ich nie“ oder „Es tut beim letzten Mal noch ganz genauso weh“, singt sie mit ihrer rauchig-heiseren Stimme, fast im Sprechgesang. Dann folgen die jeweiligen Ereignisse, die sich aus historischen Interviewfetzen, Gesangsproben und Filmaufnahmen, sowie aktuellen Kommentaren ihrer Tochter Christina Palastanga zusammensetzen. 

Deutlich wird bald für uns Zuschauer, dass „die Knef“, wie sie in Deutschland immer genannt wurde, als Schauspielerin begann. Erfolgreiche Chansons kamen erst später dazu und dann ihre literarisch anspruchsvollen Bücher. Bereits in den letzten Kriegsjahren entdeckte die UFA ihr schauspielerisches Talent, dort wurde sie ausgebildet; auch Theaterengagements erhielt sie. Listig gelang es einer ihrer Lehrerinnen zu verhindern, dass Josef Goebbels den Teenager missbrauchte.

Im Nachkriegsdeutschland wurde sie zunächst mit dem kritischen Thriller „Die Mörder sind unter uns“ (1946) bekannt, ein früher Streifen, der überraschend dramatisch die Nazi-Verbrechen anprangerte. Zur „Sünderin“ (1950) wurde sie in dem gleichnamigen Film von Willi Forst, als sie nicht nur 6 Sekunden lang als nacktes Malermodell auftauchte, sondern sich prostituierte, um ihren totkranken Liebhaber eine Operation zu ermöglichen und ihm später bei der Tötung auf Verlangen half. Jahrelang bewegte dieser „Skandal“ die „gesund empfindende Bevölkerung“ (so ein Staatsanwalt) in den beginnenden Wirtschaftswunderjahren. 

Zunächst waren ihre Jahre, die sie in den USA unter dem Namen Hildegard Neff verbrachte, eine Katastrophe, weil eine Filmfirma sie zwar bezahlte, ihr aber keine Rollen anbot. Dabei war sie eigentlich „maßlos und wollte immer die Erste sein“, wie sie sich in der Doku erinnert. Mitte der 1950er-Jahre arbeitete sie dann erfolgreich am New Yorker Broadway, drehte aber auch „schlechte Filme mit weltbekannten guten Regisseuren.“ Als poetische Chansonette wurde sie in Deutschland sehr erfolgreich und erhielt auch im Ausland wichtige Filmrollen.

Doch in den 1970er-Jahre wurde sie schwer krank – „als die Nacht mich erstickte“ und „ich allein blieb auf der Insel meiner Angst“, schrieb sie in ihrem zweiten Buch „Das Urteil“ (1975). Es erstaunt noch heute, mit welcher Kraft und Kreativität sie ihre Lebensgeschichte in „Der geschenkte Gaul“ (1970) und dann ihre Krebskrankheit hochliterarisch beschrieb. Eine späte Schönheitsoperation musste sie damit rechtfertigen, dass von Frauen Zeitlosigkeit verlang werde, „von Männern aber nie.“ Doch auch dieses unbequeme und kritisierte Erlebnis verteidigte sie offensiv gegenüber der Öffentlichkeit.


Aber wer kennt heute noch Hildegard Knef, trotz ihrer langen Karriere mit den vielen Höhepunkten und beklemmenden Niederlagen? Für den Verfasser und die Verfasserin dieser Zeilen war sie in den frühen 1960er-Jahren die Verheißung einer anderen, fantastischen Welt – im deutschen Gruselkabinett von Freddy Quinn und Heidi Brühl. Dicken Soßen und Schweinebraten mit Fettkruste. Sissi und Eierlikör, beide mit Zuckerrand. Kaufhauskunst mit röhrenden Hirschen und Ludwig Erhard über Intellektuelle: „Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an."


Wie gut, dass es „die Knef“ gab, mit ihren mutigen Brüchen und manchen Fehlern, dem Spagat zwischen Anpassung und Rebellion. In einem Interview regte sie sich einmal über Journalisten auf: „Sie machen aus mir 24 Personen auf einmal!“
Aber so vielfältig war sie tatsächlich, das zeigt uns dieser fantastische Dokumentarfilm…

Foto:
Oben Privatarchiv Hildegard Knef
Unten: Aus Presseheft Zero One Film © Lothar Winkler Agentur Hipp

Info: 
Ich will alles“, D 2025, 98 Minuten, Filmstart 3. April 2015, FSK 6 Jahre
Regie & Buch Luzia Schmid, mit Tochter Christina Palastanga, Knefs letztem Lebensgefährten Paul von Schell sowie der Stimme von Nina Kunzendorf.