bon5Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 31. Dezember 2025, Teil 8

Redaktion 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Was hat Sie für dieses Projekt begeistert?

Hélène Vincent: Als mir Enya vor einigen Jahren das Drehbuch schickte, war ich von Anfang an von der Geschichte überzeugt und fühlte, dass ich genau verstand, was sie sagen wollte. Was mich vor allem überzeugt hat, war die komische Dimension der Geschichte, weil ich das Thema Lebensende nur in Dramen erlebt habe. Wie in DER LETZTE FRÜHLING von Stéphane Brizé, in dem ich eine an Krebs erkrankte Frau spiele, die in die Schweiz reist, um dort ihrem Leben ein Ende zu setzen Als ich dieses Drehbuch las, fiel mir auf, dass der Weg dieser alten Dame zum Tode eine Feier des Lebens ist, mit all den Entscheidungen, die man trifft, und das hat mich verblüfft. Ich hatte Lust darauf, dieses Abenteuer mit Enya Baroux einzugehen, weil ich spürte, dass sie es hinbekommen würde.



Hat das Thema des Films für Sie eine besondere Bedeutung?

Es berührt mich persönlich, weil ich Mitglied der „Gesellschaft für ein Recht auf einen Tod in Würde“ bin, aber BON VOYAGE liefert kein politisches Statement. Er wirft einfach eine Frage auf, die sich viele stellen, und berührt damit ein Thema, das man nicht einfach ignorieren kann.


Wie haben Sie sich der Rolle der Marie angenähert?

Ich finde es schwierig, diese Frage zu beantworten. Mag sein, dass ich schon in meiner Kindheit eine rege Fantasie hatte, die es mir erlaubt, mich in alle möglichen Figuren  hineinzuversetzen, die mir ähnlich sind oder auch nicht. Zumindest bin ich jetzt in einem Alter, in dem mich das Leben mit so vielen Emotionen und Begegnungen versorgt hat, dass ich vorher mir nicht viel Arbeit machen muss. Ich begnüge ich damit, die Dialoge minutiös zu lernen.

Maries Stimme und die Art zu gehen waren für mich entscheidend, mir diese Figur anzueignen, aber das kam ganz von selbst, nachdem ich in ihre Haut geschlüpft war. Und außerdem habe ich ganz bescheiden und folgsam auf die Anweisungen der Regisseurin gehört, die sich als eine großartige Schauspiel-Regisseurin herausgestellt hat: charakterfest, aber auch flexibel.



Was hat Enya Baroux Ihnen über ihre Großmutter, die sie zu dem Film inspiriert hat, erzählt?

Sie hat mir einiges über sie erzählt, aber ich fand es nicht nötig, mir zum Beispiel Fotos von ihr anzuschauen. In ihren Erzählungen spürte ich die Zärtlichkeit, mit der sie von ihrer Großmutter sprach, und das reichte mir, um die Liebe zu verstehen, die sie für diese Filmfigur empfand. Das hätte beim Dreh auch einengend sein können, wenn ich etwa einen Aspekt der Figur nicht verstanden hätte, aber am Ende war das nicht entscheidend. Viel wichtiger war es, die Figur äußerlich zu gestalten – mit der weißen Perücke, den Kompressionsstrümpfen und dem beschwerlichen Gang. Das zusammen hat so etwas wie einen Kokon gebildet, in den ich hineinschlüpfen und diese Figur zum Leben erwecken konnte.



Interview mit PIERRE LOTTIN (Rudy)

Was hat Sie an diesem Projekt angezogen?

Pierre Lottin: Ich kannte Enya Baroux‘ Kurzfilme und ich mochte ihren Stil. Er hat etwas Skandinavisches und ihre Ästhetik hebt sich von dem meisten ab, was es im französischen Kino sonst zu sehen gibt. Ich finde auch etwas von Tim Burton in ihren Bildern wieder. Und dass sie als Schauspielerin einen ausgeprägten Sinn für komische Rollen hat, waren ein weiteres gutes Vorzeichen für ihren ersten Kinospielfilm.



Wussten Sie denn noch, dass Sie Ihnen vor langer Zeit eine Rolle versprochen hatte?

Ja, aber ich hatte nicht geglaubt, dass es jemals so kommen würde.



Was war Ihr Eindruck nach dem Lesen des Drehbuchs?

Ich fand darin alles wieder, was ich an ihren anderen Filmen und an ihrem Spiel liebe, und ich hatte gleich ein Gefühl für den Tonfall, den dieser Roadtrip haben würde. Und dazu hat Enya noch lauter Leute ausgewählt, mit denen ich immer schon zusammenarbeiten wollte. Ich antwortete ihr, dass ich dazu neige, meine Versprechen zu halten.
 

Was war an der Rolle des Rudy besonders interessant für Sie?

Ich mochte es gleich, dass er auf den ersten Blick ein Leichtfuß ist. Ich habe ihn ein wenig als Todesengel gesehen, der Marie bis zum Ende begleitet, aber immer leichte Ironie bewahrt und immer etwas Abstand hält. Das gab der Figur etwas Doppelbödiges, weil sich hinter der humoristischen Oberfläche etwas ganz anderes verbirgt.


Ist Rudy eine Figur, die Ihnen nahe ist?

Zumindest einem Teil von mir, den ich in meinen Komödien zur Schau stelle. Ich habe oft schräge Vögel und Borderline-Persönlichkeiten als Rollen angeboten bekommen, und Rudy ist so etwas wie eine Mischung aus beidem. Aber für mich als Schauspieler ist er eine von mir getrennte Figur, die es mir erlaubt, etwas Neues zu zeigen. 


Wie war es, mit Hélène Vincent zusammenzuarbeiten?

Dies war unser zweiter gemeinsamer Film. Es hilft, wenn man sich kennt, und die Kameradschaft ist nicht gespielt. Mit Hélène habe ich mich ohne große Worte verstanden. Sie ist eine Kino-Legende, aber es nicht so, dass sie sich als Lehrmeisterin geben würde. Das hindert einen aber nicht daran, immer wieder von ihr zu lernen, wenn man gemeinsam eine Szene spielt.


Was haben Sie aus diesem Film mitgenommen – als Schauspieler und als Mensch?

Ich finde es sehr tröstlich, dass es das Kino immer wieder schafft, eine Diskussion zu beeinflussen und vielleicht sogar Gesetze zu ändern. Als Schauspieler habe ich gelernt, mir selbst noch stärker zu vertrauen und dass man sich nicht immer den Kopf zerbrechen sollte, weil die Magie oft gerade dann entsteht, wenn man sich einfach darauf einlässt.


 
Inrterview mit  JULIETTE GASQUET (Anna)

Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?

Juliette Gasquet: Ich war mit 17 beim ersten Casting und habe für die zweite Runde das Drehbuch bekommen Als ich es las, hat mir gleich sehr gefallen, wie die Geschichte einige ganz schön schräge Figuren zusammenbringt. Ich hatte sofort Lust darauf, dieser Familie zu folgen und wollte unbedingt bei diesem Film dabei sein, auch wenn ich damals gerade mit meinem Abitur und der Bewerbung für die Schauspielschule Cours Florent beschäftigt war.



Wie haben Sie sich der Rolle der Anna angenähert?

Enya hat mir ein wenig von ihrer engen Beziehung zu ihrer Großmutter erzählt, die für sie so etwas wie die beste Freundin war. Das hat mir sehr geholfen, den Tonfall für Anna zu treffen. Anna ist ein bisschen wie der Esel in SHREK, immer fröhlich und voller Energie. Aber sie hat eben auch eine sarkastische Seite und einen ganz ähnlichen Humor wie Enya. Es war keine Riesenanstrengung, die Figur zu finden. Ich habe mich darauf konzentriert, die Dialoge in der Situation zu sprechen, den Anweisungen zu folgen und bin auf diese Weise bei einer Figur angelangt, die ganz anders ist als ich selbst. Und ich konnte auch auf Hélène, Pierre und David vertrauen, die mir geholfen haben, meinen Platz in der Gruppe zu finden und diese Figur zu erschaffen.


Wie haben Sie Enya Baroux‘ Regiestil erlebt?

Da sie selbst Schauspielerin ist, fand sie immer die richtigen Worte, um mich an die Orte zu leiten, wo es interessant wurde. Sie war immer sehr geduldig und hatte ein offenes Ohr, gerade wenn ich mir Sorgen machte. Ich hatte Sorge vor der Szene, in der meine Figur den wahren Grund für die Reise herausfindet. Im Drehbuch stand einfach nur „Anna bricht in Tränen aus“, aber das war für mich sehr abstrakt, ich fand es schwer, mich da hineinzuversetzen. Enya hat mir Mut gemacht; sie hat das, worauf es bei jedem Regisseur ankommt: Sie weiß, wie man Schauspielern Selbstvertrauen gibt.


Was hat Ihnen die Erfahrung des Drehs gebracht?

Mir ist klargeworden, dass mich die Projekte am meisten interessieren, bei denen ich meine Komfortzone verlassen muss. Anfangs hatte ich Angst davor, mich auf etwas Neues einzulassen, aber jetzt bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich weiß, dass ich immer wieder etwas dazulernen und ausprobieren möchte.


Wie war es, als Sie den Film zum ersten Mal gesehen haben?

Beim ersten Mal musste ich mich erst einmal dran gewöhnen, mein Gesicht im Riesenformat auf der Leinwand zu sehen und ich habe nur auf meine Fehler geachtet. Aber beim zweiten Mal habe ich es hinbekommen, den Film als Ganzes zu sehen und mich von der Geschichte und den anderen Darstellern, von den Bildern und vom Ton mitreißen zu lasen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Mein Eindruck war, dass dies ein einzigartiger Film geworden ist. Ich habe noch keine Mischung aus Drama und Komödie gesehen, die so tiefgründig und intelligent ist, und bei man gleichzeitig weint und lacht.



Interview mit DAVID AYALA (Bruno)

Was hat Sie an diesem Projekt interessiert?

David Ayala: Ich musste gleich bei den ersten Seiten des Drehbuchs lachen, gerade in der Szene in der Bank, weil ich mich sofort in Bruno wiedererkannt habe. Der Typ verwendet genau dieselben Worte wie ich, wenn ich mit meiner Bankberaterin verhandle!


Was war das Besondere daran, eine Figur wie Bruno darzustellen?

Die Figur hat mir Spaß gemacht. Mir hat sehr gefallen, dass er ein sympathischer Typ ist, der aber nie ganz ehrlich ist und immer wieder auf die Nase fällt. Es ist rührend mit anzusehen, wie er versucht, sich durchzuschlagen, aber selten mal Erfolg hat. Vor dem Dreh habe ich Enya viele Fragen zur Figur gestellt. Ich wollte wissen, wie sie Bruno sieht, wer er ist und was sie von mir erwartete. Schließlich habe ich verstanden, dass ich mich bei Bruno nicht zu sehr von mir selbst entfernen dürfte. Aber es war ja noch die große Unbekannte, wie sich das Quartett der Hauptfiguren zusammensetzen würde. Und wir waren vorher etwas unruhig, ob es funktionieren würde. Aber schon vom ersten Drehtag an schien sich Enya ihrer Sache absolut sicher, und dank ihres Selbstvertrauens hat sie uns alle beruhigt.


Wie kamen Sie mit Enya Baroux als Regisseurin zurecht?

Sie ist sehr präzise und weiß, was sie will. Wir haben kaum jemals Szenen wiederholen müssen, und dabei sie uns immer die Freiheit gelassen, ganz wir selbst zu sein, uns vielleicht sogar ein wenig verrückt zu benehmen. Wir haben uns intensiv ausgetauscht, es war eine sehr warmherzige Stimmung beim Dreh, und wir vier waren wie Verbündete. Enya war eine sehr gute Regisseurin für uns Schauspieler.
 
Was ist Ihre schönste Erinnerung an den Dreh?

Ich erinnere mich an eine besonders bewegende Szene mit Hélène. Wir drehten die Szene, in der Bruno von Maries Entscheidung erfährt, und sie stehen am Auto und rauchen zusammen eine Zigarette. Sie bringen es nicht über sich, etwas zu sagen, obwohl sie sich so gern wichtige Dinge sagen würden. Das war eine zärtliche Szene, die mir gerade wegen der Unbeholfenheit der beiden Figuren lange im Gedächtnis geblieben ist.


 
Foto:
©Verleih


Info:
OT: ON IRA
von Enya Baroux
mit Hélène Vincent, Pierre Lottin, David Ayala, Juliette Gasquet u.v.m.

Besetzung
Marie Hélène VINCENT
Rudy Pierre LOTTIN
Anna Juliette GASQUET
Bruno David Ayala
in weiteren Rollen Henock CORTES
Gabin VISONA
Brigitte AUBRY
Fanny OUTEIRO DA COSTA
Jeanne ARENES
Nicolas LUMBRERAS
Ariane MOURIER
Cléa GODJI
Nicolas MARTINEZ

Stab
Regie Enya BAROUX 
Drehbuch Enya BAROUX, Martin DARONDEAU, Philippe BARRIÈRE

Abdruck aus dem Presseheft