silentSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Januar 2026, Teil 2

Christel Schmidt

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Ildiko Enyedi ist eine Ausnahme-Regisseurin. Eine Zauberin. Sie bringt reine Magie ins Kino. Ich weiß das, weil ich von ihrem ersten Film - ‚Mein 20, Jahrhundert‘ - immer noch verzaubert bin. Es war 1989, und es war meine erste ‚große‘ Filmkritik für‘s Fernsehen. Eine Sternstunde. Unvergesslich. ( Also der Film, nicht meine Kritik!). Und ich war auch nicht die einzige, die so absolut hingerissen war. Gleich mit ihrem Debüt hat die ungarische Regisseurin, die auch das Drehbuch geschrieben hatte, die Goldene Palme in Cannes für den besten Nachwuchsfilm gewonnen.


Auch nach fast 37 Jahren ist mir die märchenhafte Erzählung noch berührend präsent. Zwillingsschwestern, die als Kinder in Ungarn getrennt werden, und als hübsche junge Frauen unwissentlich gemeinsam nach Amerika reisen, und dort auf einem Jahrmarkt zum ersten Mal das Wunder von Edisons strahlenden Glühbirnen erleben. So ein Leuchten vergisst man nicht! Und es könnte gut möglich sein, dass alle, die die Regisseurin jetzt mit ihrem neuen Film ‚Silent Friend‘ kennenlernen, auch solch bleibende, magische Momente erleben. Denn da ist dieser Sog, das sanfte Gleiten durch die Geschichte, die drei unterschiedliche Zeitebenen miteinander verbindet, ohne dass wir je aus dem Rhythmus fallen. 

 

Es fängt sehr herzerwärmend und niedlich an. Mit Babys. Wir beobachten einen Neurowissenschaftler, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht. Der von Tony Leung Chiu-wai (‚In the mood for love‘) gespielte Forscher kommt 2020 für eine Gastprofessur nach Marburg.  Er landet direkt im ersten Lockdown, der ihn an die verlassene, leere Uni fesselt. Auf sich allein gestellt - denn außer dem übellaunigen Hausmeister (Sylvester Groth) begegnet ihm keine Menschenseele - entwickelt er eine Faszination für diesen unglaublich schönen, majestätischen, jahrhundertealten Gingko Baum, der im Botanischen Garten steht. Wie ein König, ein stiller Beobachter, ein ‚silent friend‘.

 

Dieser berauschend schöne Baum stand auch schon 1908 dort, als Grete vor die Prüfungskommission der Universität tritt. Sie bewirbt sich darum, als erste weibliche Studierende aufgenommen zu werden. Wir ZuschauerInnen leiden mit ihr, wenn sie die himmelschreienden Unverschämtheiten und Ungerechtigkeiten, die dümmlich-überheblichen Kommentare der alten weißen Männer und die zugefügten Demütigungen ertragen muss, freuen uns aber auch, dass sie sich mit wachsendem Kampfgeist behaupten kann. Diese Szene ist so schmerzlich genau beobachtet, so pointiert geschrieben und exzellent und erdrückend realistisch gespielt und gefilmt, dass sie fast körperlich schmerzt.

Ja, so grauenvoll war das wohl, wenn eine junge kluge Frau sich erdreistete, in Männerdomänen eindringen zu wollen. Luna Wedler wurde für ihre schauspielerische Leistung bei den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnet. 

Die Geschichte von Grete, der ersten Studentin der Marburger Universität, ist in schwarz-weiß Bildern erzählt, und bietet noch einige Überraschungen. Mit Grete, und der neuen Technik der Fotografie, die sie mehr und mehr faszinieren wird, entdecken wir die Welt, ein Blatt, oder auch nur eine Haarsträhne, ganz neu.

 

Eine dritte Zeitebene setzt einen ganz anderen Ton. Und eine andere andere Ästhetik. Bunte, grobkörnige Filmaufnahmen. Wir sind in den 70ern. Freies Studentenleben blüht in der mittelalterlichen Universitätsstadt. Ein Sommer, eine Geranie auf der Fensterbank, und ein Student, der für eine Kommilitonin Experimente mit dieser Pflanze aufzeichnet. Mit verblüffenden Ergebnissen. Pflanzen reagieren auf Menschen. Wer ihre Signale sichtbar machen kann erfährt, dass sie nicht nur stille Beobachter, silent friends, sind. Diese Erkenntnis bringt uns wieder zurück zu unserem einsamen Gastprofessor aus Hongkong. Der hat aus der Not, also dem erzwungenen Verlust menschlicher Kontakte, und seiner eigentlichen Forschungsobjekte (den Babys), nun den Gingko Baum mit Elektroden versehen. Er will herausfinden, wie der Baum kommuniziert. Ja, ich weiß, jetzt klingt es fast ein bisschen wie bei Peter Wohlfahrts ‚Das geheime Leben der Bäume’. Aber wir sind ja Gott-sei-Dank in einem wunderbaren Film von Ildiko Enyedi. Eine Regisseurin, die schon einen Schlachthof mit Poesie und Träumen geflutet hat in ihrem Film ‚Körper und Seele‘.

Auch Silent Friend wohnt ein Zauber inne, der uns Zuschauer sanft berührt und einhüllt. Und wir dürfen einfach nur staunen, und das Film Wunder mit allen Sinnen genießen.


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Info:
Buch und Regie: Ildiko Eyedi
Cast: Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke und Lea Seydoux
Deutschland, Frankreich, Ungarn 2025
Länge 147 Minuten