SchamSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 29. Januar 2026, Teil 13


Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Man glaubt, einen Dokumentarfilm zu sehen, wenn sich Mutter und Sohn eine Wortschlacht liefern, mit der sie Kindheit und Jugend vom heute 28jährigen Aaron (Til Schindler) aufarbeiten wollen oder sollen. Doch ist der Ausdruck „Aufarbeiten“ schon mal falsch, weil hier nicht die Heilung im Vordergrund steht, sondern die gegenseitigen Vorwürfe, wie das damals war, als sich Aaron zu Hause völlig unwohl fühlte und die Mutter ihn wegwünschte, wie es dann auch geschah.


Es ist Aaron, der das Interesse äußert, mit seiner Mutter Susanne (Heike Hanold-Lynch) ins Gespräch zu kommen, denn einst ist er ihr, der Familie, dem Haus, dem kleinbürgerlichen Umfeld entflohen. Er lebt derzeit in Berlin und zu seinem beruflichen Sein heißt es nur, dass er Künstler ist. Das ist leider eine sehr oberflächliche Zuschreibung, spielt aber letzten Endes keine Rolle, weil es tatsächlich nur um eine Auseinandersetzung, eine Abrechnung, eine Verständnissuche, eine Schuldzuweisung, ein Sich-der Schuld-Entziehen geht. Dies Situation zwischen Mutter und Sohn geht weit über das hinaus, was als letzter Filmbeitrag zu diesem Thema für immer im Gedächtnis bleibt. In STERBEN hatten sich Eidinger als Sohn und Corinna Harfouch als Mutter eine unter die Haut gehende Abneigung gestanden. Nein, hier wurde nur die Wahrheit hinter einem nach außen harmlosen Mutter-Sohn-Verhältnis gezeigt, während in SCHAM von einem Verhältnis überhaupt nicht die Rede sein kann. Es sind zwar nur vier Jahre, die Aaron nicht zu Hause war, aber diesmal will er nach Jahren des Schweigens zwischen Sohn und Mutter von dieser etwas über sein Großwerden hören und warum die Mutter so beleidigend, so ablehnend, so gemein, so wenig eben Mutter war.

Von Anfang an wird deutlich, dass das Interesse am Gespräch einseitig vom Sohn ausgeht, der aus Berlin anreist in die Provinz, aus der er stammt. Im Zug nimmt er mit dem Handy die Landschaft auf, die nun in Wackelbildern vorbeizieht. Und schon sitzt er zu Hause seiner Mutter gegenüber. Und jetzt im Vorgriff, auf das was man sieht, muß einfach zu der Filmaufnahme etwas gesagt werden. Wir haben sozusagen drei Kameras. Grundsätzlich sieht man ein getrenntes Bild auf dem Bildschirm, links sitzt der Sohn, der seine Mutter mit einem Handy bei allen verbalen Auseinandersetzungen filmt und ihr auch gesagt hat, dass er das Gespräch aufzeichnen will; rechts sitzt die Mutter, die ebenfalls ihr Handy auf ihn gerichtet hat. Dann aber gibt es wohl oben im Zimmer die Kamera, die beide einzeln aufnimmt, denn sowohl Mutter wie Sohn schauen immer nach oben und argumentieren wenig gegeneinander, sondern stärker in Richtung Kamera.

Dieses Setting muß man ansprechen, weil es die Trennung der zwischenmenschlichen Beziehung Mutter und Sohn auch optisch nachvollzieht. Ansonsten geht es um keinerlei Formalia oder Ablenkungen durch Kaffeetrinken oder Essen, die 86 Minuten Film sind voll Rohr vom Sohn aus eine Anklage an die Mutter, warum sie keine Mutter war und die Abwehrschlacht der Mutter gegenüber dem Sohn, dem sie Undankbarkeit und schlimmes Verhalten vorwirft.

Lange geht es um die Homosexualität des Sohnes, wobei er der Mutter vorwirft, warum sie ihn alleine ließ, als er überhaupt nicht wußte, was das ist, warum er schon als kleines Kind sexuell aktiv wurde, immer nur gegenüber Jungens. Es spricht ein Leid aus seinen Worten und seine Erkenntnis, dass er sich überall unmöglich gemacht hatte, in seinem triebhaften Verlangen, immer mit 16jährigen sexuelle Kontakte zu wollen, was er mit therapeutischer Hilfe auf 18jährige änderte, was zumindest nicht mehr strafbar war. Die Mutter wehrt das alles ab und wirft dem Sohn vor, sich schon in der Kindheit so schrecklich verhalten zu haben, dass sie nur durch Distanz zum Sohn überhaupt damit zurecht kam. Sie verteidigt sich nicht oder nur selten, sondern spricht von seinen Zumutungen, seinem peinlichen Verhalten, seinen Unverschämtheiten.

Es ist der Sohn, der eigentlich ruhig und bewußt seine Fragen stellt, seine Mutter dagegen spricht sehr viel emotionaler, fällt auch aus der Rolle, schreit, beleidigt und wütet. Für die Zuschauerin, die von der Konstellation her, eher zur Mutter gehalten hätte, entsteht durch deren Ausfälle und die Beleidigungen gegenüber ihrem Sohn eher eine Sympathie oder auch Mitleid mit dem Sohn.

Es ist schon unheimlich, dass erst im Erwachsenenleben der Sohn der Mutter von seinem Leid über sich selbst, erzählt. Das alles anzuhören, ist mit viel Widerstand gepaart, weil man solche Sachen einfach nicht gerne hört.

Foto:
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Info:
Stab
Regie: Lukas Röder
Drehbuch: Lukas Röder
Besetzung
Heike Hanold-Lynch, Til Schindler
D 2025,
86 min.,
FSK 16

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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