DustDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 10


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Sie wirken so, wie man erfolgreiche Manager kennt. Der eine, Luc, ein belgischer Unternehmer, etwas dicklich und aussehend wie ein vertrauenswürdiger Vertreter mit Halbglatze und Brillengläsern, bringt gerade unter unseren Augen auf einer internationalen Veranstaltung seine Papiere mit extremen Gewinnchancen gut unter die Leute, denn es geht um ein groß aufgezogene Kapitalgeschäfte, wie sie in Belgien in den 90er Jahren florierten, wo man glaubte, reich zu werden, wenn man rechtzeitig investiert und das Ganze nur so lange gut ging, wie sich im Schneeballsystem, einem Netzwerk aus Briefkastenfirmen immer mehr Leute beteiligten.


Daß aber seine und seines Partners Geschäfte auf hohle Luft aufgebaut sind, die beiden richtige Finanzbetrüger sind, hat ein Journalist herausgefunden, der Luc steckt, dass am nächsten Tag in diesem Frühjahr 1999 alles auffliegen wird, der Artikel über den Betrug der beiden wird gerade gedruckt. Auch Geert, der zweite Manager, das Verkaufsgenie wird darüber informiert und schnell kommt die gesamte gemeinsame Firma in einer Vorstandssitzung zusammen. Nun verläuft erst mal alles wie im Kino! Die Geschäftspapiere werden durchgesehen, die belastenden sofort geschreddert, die Rollen werden verteilt, Die Vorstandssitzung wird damit beendet, dass die beiden zu ihrem Vergehen stehen, damit alle anderen weiß gewaschen sind.

Aha, hier werden die verbrecherischen Finanzgeschäfte einmal vom anderen Ende aufgedröselt, geht es doch sonst im Krimi und auch im Film meiste darum, die Verbrecher zu entlarven. Doch das hat ja der gewisse Journalistenkollege schon vollbracht. Die sonstige Frage, die Spannung erzeugt: wer war es, wie hat er es gemacht, ist damit schon beantwortet, jetzt kommt die innere Spannung, die innere Dimension zum Tragen, was passiert mit Menschen, die sich lange auf ihrem Lügengebäude behaupten konnten, immer erfolgreicher wurden und nun, von einem auf den anderen Tag mit dem Zusammenbruch ihres System und ihrem persönlichen Absturz rechnen müssen.


Die beiden könnten ins Ausland fliehen, so ist das meistens, ein gewisser Jan Marsalek ist das beste Beispiel. Der ist als ehemaliges Vorstandsmitglied des insolvent gewordenen deutschen Zahlungsdienstleisters Wirecard nach Moskau geflohen. Aber für Luc und Geert ist das nur gedanklich, nicht faktisch eine Option, die Familien leben hier. Was heißt Familien? Luc, der ein genialer Techniker ist, bewohnt eine Villa, wo seine Frau Alma aber irgendwie und irgendwo schon immer Bescheid wußte. Wichtig ist, den Kompagnon Geert zu erreichen. Der nun wiederum war der geniale Vermittler, ein verführerischer Finanzmogul, der den Leuten den letzten Dreck als Gold verkaufte. Doch der hat sich eingeigelt in seiner Villa. Nur sein Fahrer, der in Personalunion sein Liebhaber ist, soll ihn trösten. Doch in Geert brodelt es. Was soll er machen? Andere mitbelasten, abhauen, den Rest den anderen zumuten. Einen ganzen Tag haben beide Zeit, sich eine Strategie und auch eine Taktik auszudenken, mit der Katastrophe umzugehen.

Aber sie haben nie geprobt, wirklich miteinander zu sprechen. Das waren jeweils Fachgespräche, wie man am besten betrügen kann, aber keine echte menschliche Kommunikation zwischen beiden. Alle beide sind das gewesen, was man Charaktermasken nennt, denn ihr wahres Gesicht kennen sie vielleicht selber nicht. Die Musik folgt dieser Situation, sie verschleiert und zieht dann den Schleier weg. Wer sind die beiden? Wenn aus erfolgreichen Managern arme Würstchen werden.

Letzten Endes kommt es gar nicht auf das Geld und den eigentlichen Anlaß an, sondern man kann an beiden durchspielen, wie Menschen damit umgehen, wenn von einer Sekunde auf die andere alle Gewißheiten fallen, und man damit konfrontiert wird, welchen Schaden man jahrelang angestellt hat. Persönlich spricht man von Schicksalsschlägen, die meist unvermutet kommen, aber hier haben sie ja alles selbst in Gang gesetzt, das heißt , es stellt sich die Frage der persönlichen Verantwortung. Reiche, erfolgreiche, begehrte Männern verlieren in Stunden ihr Renomee und Ansehen, ihren Status, ihr Geld, ihre Zukunft. Was bleibt übrig von Luc und Geert, wenn das, was sie getragen hat, Lug und Trug ,und verschwunden sind? Die Frage von Identität ist aber nur das eine, viel virulenter ist die Frage nach Verantwortung. Und die verläuft bei beiden in die Richtung, nicht zu fliehen, sondern sich der Verantwortung zu stellen.

Informativ der Hinweis der Regisseurin im Pressegespräch. Da meinte sie, die beiden seien typische belgische Exemplare und die Geschichte sage viel über belgische Kultur aus. „Wir sind bescheiden. Alles fliegt hoch, endet aber im flämischen Torf.“ Auf jeden Fall regnet es im Film so unaufhörlich, dass sich der flämische Tourismus sicher beschwert. Doch sei das das typische belgische Wetter, Sturm, Schlamm, Dreck, versichert die Regisseurin, genauso stecken die beiden nun im Gegenwind, im Schlamm und Dreck fest, erst am Ende scheint die Sonne. Allerdings nicht für die beiden, die von zwei Polizeiautos abgeholt werden und mit dieser typischen Handbewegung des Kopfschutzes auf die hinteren Sitze geleitet werden. Sie müssen sich ihrer Verantwortung stellen und wollen das auch.

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