AFRIKADie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Wettbewerb Teil 21


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Kellou ist mit ihren 17 Jahren ein junger aufgeweckter afrikanischer Mensch auf dem Weg vom Mädchen zur Frau. Auf jeden Fall weiß sie schon gut, was Jungens und Männer sind und trifft sich in dieser kleinen Gemeinde in der heißen Wüste des Tschad heimlich mit ihrem Freund, einschließlich küssen und streicheln, aber auch einfach schwimmen und in der Sonne liegen. Dessen Vater sieht das nicht gerne, denn der Sohn soll eine andere heiraten. Doch ans Heiraten denkt Kellou noch überhaupt nicht. Sie ist einfach neugierig auf das Leben.

 

Allerdings hat sie Probleme. Mit ihr stimmt was nicht, denkt sie und sagt es später auch. Immer wieder tauchen vor ihrem inneren Auge Bilder auf, die mal bedrohlich, mal beschützend ihr deutlich machen, dass sie anders ist als andere Menschen, über Kräfte verfügt, die ihr unheimlich sind und vor denen sie Angst hat. Mitten in der Wüste überkommen sie zum Beispiel diese Bilder von gewalttätigen, gefährlichen, unberechenbaren Männern. Sie hat das, was man Visionen nennt, weiß aber nicht, dass es so etwas gibt und hält sich für krank. Daß sie potentiell labil ist, hat viele Gründe. Am Schlimmsten ist, dass ihre Mutter bei ihrer Geburt starb und sie immer wieder von der Außenwelt darauf angesprochen wird, dass ihre Geburt ihre Mutter getötet hätte, denn diese hat tatsächlich die Geburt nicht überlebt. Aber wie kann man einem Baby daraus einen Vorwurf machen.

 

Ihr Vater ist nicht von hier, ist eines Tages mit Kellous Mutter hier aufgetaucht, aber wie man später sehen wird, haben die Einheimischen nicht vergessen, dass er aus der Fremde kam. Denn erst fordern sie ihn auf, auf seine Tochter besser aufzupassen und dann gehen sie gegen beide vor, als die engstirnige Gemeinde: wie gesagt, nur durch Männer vertreten, sogar die Familie aus dem Dorf hinauswerfen will. Denn der einst aufgetauchte Vater hat nie gesagt, weshalb er hier hängenblieb. Später wird Kellou ihm auf den Kopf zusagen, dass er in seiner Jugend einen Menschen getötet hätte, deshalb aus seiner Heimat fliehen mußte und sich in dieses Dorf rettete. Er erschrickt tief, denn das hatte er nie jemanden erzählt. Sie weiß das, was niemand wissen könnte. Sie hat ein Gesicht, hat man früher dazu gesagt, als die Welt noch nicht so rational aufgeteilt war in eine Verstandeswelt des Tags und eine Traumwelt in der Nacht. Immer wieder merkt Kellou ihr Anderssein, denn sie sieht Dinge, die niemand außer ihr wahrnimmt.

 

Nur ein Mensch im Dorf, die Frau, die von anderen verachtet, ja abgelehnt wird, weil sie auch nicht von hier ist, zudem krank, nur Aya hält zu ihr, erzählt ihr von ihrer Mutter und der Geburt, bei der sie dabei war und half, aber nicht verhindern konnte, dass die Mutter in ihrem Blut liegend starb. Nein, nicht sie habe ihre Mutter getötet, wie die gemeinen Menschen hier sagen, wenn sie sie als Blutkind bezeichnen und das Blut als ihre Schuld an der Mutter heranziehen. Damit hat Aya endlich einen Menschen an ihrer Seite, der vorbehaltlos zu ihr hält. Denn ihr Vater, der eigentlich seine Tochter glücklich sehen möchte, hat eine neue Frau und ein Baby, ist abgelenkt, aber außerdem wie Kellou, wie Aya nicht wirklich ein Mitglied dieser kleinen Gemeinde. Er bleibt ein Fremder, wie er später merkt.

 

So wundert es nicht, dass die Männer des Dorfes militant auftreten und erst Aya des Hauses verweisen wollen und dann auch Kellou ihren Vater und seine Familie. Doch das kommt später, erst einmal gibt es den Konflikt um Aya. Sie hat ihren Husten, klingt wie Keuchhusten, nicht überlebt und es steht die Frage ihrer Beerdigung an. Kellou weiß, dass Aya im Sand der Erde beerdigt werden wollte, was nach der Religion unmittelbar vor der Nacht geschehen soll.

 

Als ihr Vater und seine neue Frau, die Kellou sehr gewogen ist, nur manchmal in Rage gerät und dann Sachen sagt, für die sie sich gleich entschuldigt, Aya Leiche im weißen Tuch auf dem Tragewagen an eine geeignete Stelle fahren und die Grube schon ausgehoben haben, kommt diese

dörfliche männliche Übermacht und verlangt, dass Aya verbrannt werden solle und ihre Asche verstreut, damit sie nie wieder Unglück bringe, gegen doch die Männer des Dorfes von ihr als einen bösen Geist aus. Während man sich noch wundert, wie unterschiedlich in den Kulturen das Verbrennen der Leiche behandelt wird – schließlich galt es im christlichen Mittelalter als verpönt, weil es bei der Wiederauferstehung keinen Leib gäbe, wird aber in unseren Tagen insbesondere in dicht besiedelten Gebieten, den Großstädten erst recht, geradezu eine Modeerscheinung, sei es ein FriedWald mit Urnenbestattung oder das Verstreuen der Asche im Garten, im Wald, auf der See . Doch diese Überlegungen waren sinnlos, denn es gibt diesen Verbrennungskult überhaupt nicht in Afrika, es war eine Setzung des Regisseurs – handelt Kellou und wird Ayas Leiche noch vor Sonnenuntergang an der vorgesehenen Stelle beerdigen. Es gibt nämlich die Schutzstätte für Frauen, massive, aber schöne Felsen, wo auch Aya ihren Frieden finden soll.

 

Man muß sich um Kellou keine Sorgen mehr machen. Sie hat die Lektion gelernt, wird nicht mehr sich die Schuld am Tod der Mutter geben, sondern weiß, dass diese Männer ihr feindlich gesinnt sind und sie sie verlassen wird und dorthin gehen wird, wo sie einen Freiraum findet und gemocht wird. Doch das phantasieren wir jetzt hinzu. Es ist einfach die Erwartung, die die Tatsache mit sich bringt, dass innerhalb von Tagen Kellou erwachsen geworden ist. Daß ihr Freund, den sie so liebte, sich gegen seinen Vater nicht behauptet hat und wegschleicht, wird ihr nicht mehr wehtun, weil sie mit solchen unterwürfigen Menschen nichts im Sinn hat.

 

Sie wird in ihrem Leben dafür sorgen, dass ihre Gabe, hinter die Dinge zu sehen, die Vergangenheit aufscheinen zu lassen, durchzublicken ihr nicht mehr Angst, sondern sie stark macht. Stark zu handeln, wie sie es gerade bewiesen hat. In der Tat, um Kellou muß man sich keine Sorgen mehr machen, sie wird aufrecht ihren Weg gehen.

Für unseren Kulturkreis liegen afrikanische Mythen erst einmal fern. Aber im Kern geht es in allen Kulturen immer um das selbe: um das Leben und um das Sterben und das, was danach kommt. Ob etwas kommt und was, kann nur geglaubt und nicht bewiesen werden. Aber die Menschheit tut sich leichter, wenn sie den Toten Respekt entgegenbringt und sie als Teil der Welt betrachtet. Gerade die Erde ist eigentlich in allen Religionen mit dem Tod in Verbindung gebracht, aus ihr entsteht der Mensch, und zu ihr wird er wieder. In welcher Form ist unerheblich. Wir sagen heute, daß, solange man an einen Menschen denkt, dieser noch nciht ganz tot ist. 

Foto:
©Berlinale

Info:
Stab
Regie Mahamat-Saleh Haroun
Kamera Mathieu Giombini
Buch Mahamat-Saleh Haroun, Laurent Gaudé

Besetzung
Maïmouna Miawama (Kellou)
Ériq Ebouaney (Garba)
Achouackh Abakar Souleymane (Aya)