IMG 5155 KopieMein persönliches Tagebuch zur 76. Berlinale, Teil 5 (Ende)

Hanswerner Kruse


Berlin (Weltexpresso) - Ausschlafen. Saubermachen. Abschlussbericht schreiben – die 76. Festspiele sind vorbei. Doch am Montagmorgen läuft „Gelbe Briefe“, der Gewinnerfilm des Berlinale-Wettbewerbs – lange vorher von der Agentur geplant – in einer Pressevorführung.


Ich freue mich, den Film noch einmal zu sehen, ganz ohne Schreibblock, ohne vorheriges Anstehen. Entspannt verfolge ich erneut die Auseinandersetzungen der Protagonisten angesichts staatlicher Gewalt: Heftige Streitereien der Eheleute untereinander und mit ihren Kollegen an der Universität und im Theater, das Drama mit der zickigen Tochter. 

Der Gewinner des Goldenen Bären ist nicht nur ein Politfilm, sondern arbeitet genau heraus, welche Folgen der Terror eines Regimes für seine Opfer hat. Ja, er ist wirklich ein Wettbewerbs-Beitrag, der fast völlig stimmig ist: präzise erzählt, mit einer aufmerksamen Kamera angemessen gefilmt, gut geschnitten, unterlegt mit passender Musik, mit offenem Ende. 

Kaufen muss man jetzt auch wieder die Berliner Zeitungen, die es bisher für Journalisten umsonst gab, drei Stück kosten fast 10 Euro… Die konservativeren Blätter (BZ, Morgenpost) beklagen den Verfall der Berlinale, durch den nicht gebremsten Antisemitismus bei der Preisverleihung auf der Bühne und die vorherige Bedrängnis der Stars und Filmschaffenden durch Palästina-Aktivisten. So könne man nicht die Qualität des Publikumsfestivals bewahren und in Zukunft herausragende Filme und bekannte Stars auf den roten Teppich bekommen. Doch die „linke“ Berliner Zeitung hält das für kaum erwähnenswert und fand eher, dass seien die besten Festspiele seit langem gewesen.

Schade, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht viel früher kommen konnte und nur einige Werke vorab sah. „Die Blutgräfin“, zweimal gesehen, ist mein absoluter Gewinner des gesamten Festivals. In den letzten Jahren hatte ich vorher fast immer 30 bis 40 Filme gesehen. Ab Mitte Januar werden seit vielen Jahren reichlich Filme aus anderen Sektionen für Berliner oder angereiste Presseleute gezeigt. Das ermöglicht, sich während des zehntägigen Wettbewerbs voll auf dessen Filme zu konzentrieren. So konnte ich häufig fast alle Kinder- und Jugendfilme in „Generation“ sehen oder die „Panorama“-Beiträge.

Etwas melancholisch, doch erleichtert von der täglichen Anstrengung, kaufe ich Gummibären und breche bald zur Heimreise auf.

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