Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 16. Februar, Teil 6

Kirsten Liese

Berlin (Weltexpresso) - Ein traumatisches Erlebnis als fragwürdiges Rollenspiel. Sadomasochistische Exzesse, Perversionen, sexuelle Gewalt, gar Selbstverstümmelung: Schon oft ging es im Kino sehr brutal zur Sache, denkt man nur an Antichrist und Nymphomaniac von Lars von Trier oder an Irreversible von Gaspar Noé. 

 
Paul Verhoeven, der 1992 schon einmal mit seinem Eispickel-Thriller Basic Instinct für Aufsehen sorgte, tischt nun einen weiteren Schocker auf. Kaum hat er begonnen, befindet man sich schon mitten in einem Alptraum: Ein maskierter Fremder verschafft sich gewaltsam Zutritt in ein vornehmes Anwesen, ringt die Eigentümerin zu Boden, schlägt und vergewaltigt sie, bis Blut fließt.
Was nach dem Abgang des Täters geschieht, verstört allerdings mehr als die Attacke selbst: Die Geschändete bricht nicht zusammen, weint nicht,  erstattet noch nicht einmal Anzeige, sondern geht kurzerhand zur Tagesordnung über und berichtet fast beiläufig ihrem Ex-Ehemann und Freunden beim Essen von der schrecklichen Tat.


Dabei steht diese Michèle als Geschäftsführerin einer Videospielfirma hart im Leben und trotzt tapfer außergewöhnlichen familiären Belastungen. Der Vater, der alle Kinder der Nachbarschaft ermordete, als sie ein kleines Mädchen war, sitzt hinter Gittern, die alte Mutter hält sich, ungeachtet öffentlicher Demütigungen, einen jungen Lover. Zu allem Überfluss braucht auch noch der etwas minderbemittelte Sohn Michèles seelischen Beistand. 


So souverän wie die patente Frau das alles schultert, erscheint ihr Verhalten im Hinblick auf die Vergewaltigung nicht sehr glaubwürdig. Und ein bisschen scheint es, als versteige sich der Regisseur zu der infamen Behauptung, sexuelle Gewalt befördere bei Frauen die Lust.


Jedenfalls irritiert das Psychogramm seiner Protagonistin angesichts der Obsessionen, die er ihr anhängt: Elle beobachtet heimlich einen Nachbarn und masturbiert dabei, unvernünftig sucht sie immer wieder die Nähe des Täters und provoziert damit weitere Übergriffe, bei denen sie sich mal mehr, mal weniger wehrt.


Andererseits gilt es auch eine mutige Pragmatikerin in der Heldin zu sehen, die sich mit Pfefferspray und Axt ausrüstet, um sich selbst zu verteidigen und zu rächen.


Vor allem dank Isabelle Huppert, die die Ambivalenz ihrer Rolle fulminant auslotet, gelingt, gemessen an den üblich schematisierten Rape-and-Revenge-Filmen, mithin ein anspruchsvollerer Thriller. So wie im westlichen Europa sexuelle Übergriffe im Zuge der Flüchtlingskrise dramatische Dimensionen angenommen haben, erscheint Elle gleichwohl als ein zwiespältiger Beitrag zu einem sensiblen Thema.

 

Foto:(c)

 

Info:


Frankreich 2016
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: David Birke
Kamera: Stéphanie Fontaine
Schnitt: Job ter Burg
Musik: Anne Dudley
Mit: Isabelle Huppert, Laurent Laffitte, Anne Consigny, Charles Berling u.a.
130 Min.
Start: 16.2.