DIE DASSLERS - Pioniere, Brüder und Rivalen, gestern und heute in der ARD , Teil 5/4

Elke Eich

Berlin (Weltexpresso) - Elke EichVom Grundkonflikt her hat die Geschichte durchaus etwas Archaisches. Was hätte passieren müssen, um diese destruktive Entwicklung zu vermeiden - mit Aufteilung des Unternehmens am gleichen Standort Herzogenaurach und zwei Firmen, die schließlich bis aufs Messer miteinander konkurrieren?


Oder war letztlich diese Konkurrenz zwischen den zerstrittenen Brüdern überhaupt DER entscheidende Antrieb, dass Adidas und Puma weltweit derart erfolgreich wurden?


Christian Friedel: Ich glaube, die Konkurrenz war ein Antrieb dafür, dass es in diese Dimensionen des Erfolgs ging. Auch wenn es teilweise natürlich negativ behaftet war und in einer negativen Energie auseinanderging, bekam die Entwicklung der Firmen wohl durch diese Konkurrenz und durch die unmittelbare Nähe eine Dynamik, die sich verselbständigt hat.

Christian Friedel – zum Reiz der Rolle des Adi Dassler:
Dieses leicht Nerdige von Adi Dassler und das Introvertierte sind mir auch sehr nah. Er ist ja nicht so wie Rudi, der mit seiner Empathie einfach so rausgehen und verkaufen kann. Wobei ich persönlich das mit eigenen Projekten durchaus auch mache... Jedenfalls kann ich mich mit der Figur des Adi Dassler sehr identifizieren.

Christian Friedel zum Kern der Persönlichkeit Adi Dasslers:
Ich finde auch, dass er ein sehr warmherziger Familienmensch war - und das im Alter wahrscheinlich noch stärker. In jüngeren Jahren waren wahrscheinlich andere Sachen, also seine Erfindungen, sein Handwerk und das Weiterkommen, wichtiger. Auch für Frauen hat er sich anfangs ja gar nicht interessiert. Bis er dann die wunderbare und hübsche Käthe getroffen hat.

Christian Friedel zur psychologisierenden Herangehensweise von ihm + Kollege Hanno Koffler bei der Auslotung der Figuren:
Wir beide sind ja sehr große Fans von der Psychologisierung der Figuren: Schon in der Kindheit ist der Weg einer Persönlichkeit sehr stark angelegt. Ich glaube schon, dass das Verhältnis Adis zum Vater eine große Rolle gespielt hat. Er tritt ja in dessen Fußstapfen und forscht dann sogar noch weiter, als das, was dem Vater genügt hätte. Adi hat den großen Respekt seines Vaters, während Rudi mehr zur Mutter hingezogen ist. Dabei wartet Rudi natürlich sehnsüchtig darauf, dass der Vater auch das respektiert, was er kann und was ihn ausmacht. Und unter seiner Bedürftigkeit leidet er natürlich auch.

Hanno Koffler – zu seiner Liebe für die Rolle des Rudi, der übrigens einen Tag vor ihm Geburtstag hatte:
Für den habe ich mich sofort begeistert! Wegen des Spannungsfelds dieses Menschen: Ein eloquenter Lebemann, der so eine unglaubliche Energie und Lebensfreude hatte, und auch eine große Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen, die aber gepaart war mit einem unglaublichen Geltungsbedürfnis und fast einer Angst davor, zu fallen und zu scheitern. Und dann hatte Rudolf Dassler noch diese Sehnsucht danach, nicht allein zu sein. Dieser Charakter hat mich total berührt, und ich fand den aufregend. Ich dachte noch: „Da hat man was zu spielen! Das hat eine Menge Futter!“

Hanno Koffler zur Besetzung der Brüder-Paars: Das Verrückte und Tolle ist, dass man uns auch andersrum hätte besetzen könnte. Natürlich hat der Christian auch Seiten vom Rudi! Christian ist Musiker und kann wunderbar extrovertiert auf der Bühne sein. Und er hat einen unglaublichen Humor und ist wunderbar im Umgang mit Menschen. Alles Eigenschaften, die man erst man augenscheinlich dem Rudolf Dassler zuschreiben würde. Aber die hat der Christian eben auch.

Hanno Koffler zum Profil seines Kollegen Christian Friedel: Was der Adi Dassler aber brauchte, war auf jeden Fall eine Feinheit, etwas fast Feingeistiges. Ein Tüftlertum, ein In-Sich-Gekehrt-Sein, ein zumindest zu Anfang NICHT nach Außen-Gehendes. Und der Perfektionismus in der Sache war wichtig. Das sind Dinge, die auf den ersten Blick erst mal dem Christian Friedel als Schauspieler zugeordnet werden.

Die POLITISCHE DIMENSION – Als Unternehmer arrangierten sich die Dasslers mit den Nazis:

EE: Diese 50 Jahre spielen zum Teil in einem historisch brisanten Zeitraum statt: Die Nazis kommen auf, es gibt Krieg. Eine Epoche, mit der Sie, Herr Friedel, in Ihrer Rolle des Hitlerattentäters Elser, zu tun hatten und Sie, Frau Levshin, durch ihr Projekt „Unsere Mütter, unsere Väter“. Es geht hier um ein großes deutsches Unternehmen, das mit den Nazis kooperiert hat. Wie sehen Sie die moralische Dimension dabei?
Christian Friedel: Ich glaube, dass beide Brüder keine überzeugten Nationalsozialisten waren. Als Unternehmer haben sie sich aber mit den Nazis arrangiert, damit sie die Firma weiterführen konnten. Ich finde, man muss vorsichtig mit der Aussage aus heutiger Sicht sein, man wäre auf jeden Fall in den Widerstand gegangen oder hätte seine ganze Karriere aufs Spiel gesetzt, damit der Hitler stirbt. Das ist zu leicht gesagt - mit dem Wissen von heute ist diese Aussage allerdings verständlich. . Ich sehe es aber schon als einen schwarzen Fleck, dass die ein Parteibuch hatten, worüber die Familien auch nicht gerne sprechen.

Christian Friedel zu Adi Dasslers Idee, bei der Olympiade Jessie Owens mit Schuhen auszustatten: 

Der Adi findet: „Der beste Läufer soll in meinen Schuhen laufen!“ und er sagt NICHT „der deutsche beste Läufer“. Seine Haltung: Wir, die Dasslers, denken schon international und NICHT wie die Nazis, die alles „überdeutschen“ wollen. Und das ist eher ein deutliches Zeichen, dass keine Solidarität mit der nationalsozialistischen Ideologie bestand.

..... Ich glaube, dass der Adi einfach Schuhe machen wollte! Vielleicht kann man das als Naivität sehen und ihm das vorwerfen, aber nicht jeder muss ein politischer Aktivist sein. Indem er den Jessie Owens ausgestattet hat und sie als Firma darum gekämpft haben, das machen zu können, hat er aber indirekt auch ein politisches und fast mutiges Signal gesetzt. 


Christian Friedel:
Der Adi denkt gar nicht politisch. Er denkt eher perfektionistisch und einfach: „Wenn der Beste in meinen Schuhen läuft, dann sind auch meine Schuhe die besten!“

Hanno Koffler zur positiven Dynamik zwischen ihm und seiner Filmfrau, die den Lebemann trotz seiner Treue über alles liebte und alles andere als ein „Mütterchen am Herd“ war: Der Rudolf Dassler ist in dem Film das, was er ist, auch nur, weil Hannah Herzsprung eine fantastische Friedl gespielt hat. Die hat ihn, obwohl er so war, wie er war, trotzdem geliebt. Und diese Liebe strahlt ja auf den Rudolf Dassler auch ab. Deswegen kann man den auch nicht so abtun! Wenn ich denke, diese tolle Frau liebt diesen Kerl! Dann muss doch was an ihm dran sein!
Hanno Koffler zeigt ein starkes Bild von „seiner“ Frau Friedl mit zentraler Bedeutung!
Die Friedl ist wirklich so eine starke, tolle Frau gewesen. Jemand, der die auch kennen gelernt hat, erzählte mir, dass sie in der Firma immer „Puma-Mutter“ hieß. Die war eben alles andere, als das Mütterchen am Herd. Und sie wurde auch nicht von Rudolf in die Ecke gestellt. Obwohl er ein Lebemann war und andere Frauen gehabt hat: Oben drüber war immer die Friedl. Obwohl er untreu war, hat er sie immer als „The One and Only!“ angesehen. Dass das so gehen kann, kann man sich gar nicht so vorstellen. Aber es hat funktioniert.


Alina Levshin zur Rolle der Käthe, der Frau von Adi Dassler:
Käthe hat mich interessiert, weil sie in diese starke und gewaltige Familiengeschichte eingebunden ist: Eine Frau, die hinter ihrem Mann steht, ihn aber genauso stark unterstützt und damit auch in eine moderne Frauenrolle schlüpft. Damals war es ja nicht üblich, dass eine Frau so ins Business einsteigt. Sie hätte ja auch, so wie die Friedl zu Hause bleiben und auf ihre Kinder aufpassen können. Sie hatte schließlich 5 Kinder. Käthe hat aber diesen Bogen geschlagen zwischen Familie und Geschäft.

Alina Levshin zur Herausforderung, über 5 Jahrzehnte zu bespielen: Ich habe jede Dekade genossen. So etwas wird nicht oft gemacht. Und es hat sehr viel Spaß gemacht, obwohl wir teilweise 5 Stunden in der Maske saßen, um die Illusion des älter Werdens hinzubekommen.

Thema Sportschuhe - Zeigt her Eure Füße, zeigt her Eure Schuh!
Hanno Koffler: Mein erstes cooles Turnschuhpaar war tatsächlich von Puma. So blaue mit dem markanten Puma-Streifen drüber. Die hatten damals solch einen Klettverschluss. Da muss ich 6 gewesen sein. Später hatte ich dann mal ein Paar Kangaroos. Bei den Dreharbeiten habe ich natürlich auch ein Paar Puma-Schuhe abgestaubt. Ich bin aber nicht Puma fixiert und trage auch andere Turnschuhe.

Christian Friedel: Ich trage Boss. (lacht) Nach dieser introvertierten Rolle habe ich beschlossen, extrovertierter und der Boss zu werden. Ich habe aber eine große Adidas-Affinität und hatte auch noch nie Puma-Schuhe. Das habe ich auch beim Casting gesagt und dann hatte ich die Rolle (lacht)... Tatsächlich habe ich sehr viele Adidas-Schuhe zu Hause.

In der damaligen Zeit kam während des Aufschwungs von Adidas und Puma das Sportsponsoring auf.
EE: Hat es Sie eigentlich überrascht, dass damals auch schon Bundestrainer Sepp Herberger bestechlich war, was die Auswahl der Fußballschuhe für das Nationalteam betraf?  Offensichtlich haben ja alle möglichen Sportler dann mitgemischt und den Wettbewerb zwischen Adidas und Puma befeuert.
Christian Friedel: 
Ich fand spannend, wie sich die Sportgeschichte damals entwickelt hat. ... Wenn man sich vorstellt, welche Bedeutung das Zubinden des Schnürsenkels und die Dauer des Zubindens bekam - vor allem, dass der Schuh schön groß im Fernsehen zu sehen ist! Pervers! Und gleichzeitig denkt man heute: „Es ist halt so!“ Wenn wir Fernsehen gucken und sagen, dass das nichts mehr mit Sport zu tun hat, merken wir, dass das, was gesät wurde, nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Hanno Koffler zur Erzählweise, die vieles offen lässt: Was ich wahnsinnig mag an der Art, wie wir das erzählt haben, ist, dass viele Sachen nicht auserzählt werden und dass Vieles auch tatsächlich nicht erklärt wird.

Wir fanden zudem, dass das Spannende und das Einzigartige auch darin besteht, uns auf keine Seite zu schlagen und eher Fragen dazu zu provozieren, wie es dazu kommen kann. Dadurch wird Alles auch noch berührender und fast noch dramatischer.


Hanno Koffler zum Weglassen von Vermutungen: Überall dort, wo die Meinungen auseinander gingen– wie z.B. zur Frage, ob denn der Rudolf Dassler wirklich eine Affäre mit der Frau von seinem Bruder hatte - lässt man das so im Raum stehen. Weil man es ja auch nicht wirklich weiß! Und es wäre ja eigentlich auch eine Frechheit, es einseitig darzustellen. Aber vorstellen kann man es sich irgendwie bei so einem Typen. Und vielleicht reicht auch schon die bloße Vorstellung aus, um in den Brüdern was so stark zu triggern, dass ein Konflikt entsteht und man dann lieber auseinandergeht. Da gab es auch Konflikte, die wir jetzt so nicht auserzählt haben, weil wir nicht immer zu viel erklären wollten.

Christian Friedel: Die tolle Produzentin Susanne Hildebrand und die Regisseure Cyril Bos und Philipp Stennert haben haben ja wahnsinnig gut recherchiert. Ich glaube deshalb, dass viele dieser historischen Fakten - wie im Film gezeigt - auch auf Fakten beruhen und belegt sind. Alles, was im Privaten liegt, ist hingegen eher Interpretation.

EE: Es gibt nur zwei Teile! Wo wären Sie bei einem längeren Serienlauf gerne noch mehr in die Tiefe gegangen, bzw. welche Phasen oder Dinge hätten Sie gerne noch stärker akzentuiert.


Christian Friedel:  Ich war froh, dass wir überhaupt so viel Zeit hatten! Aber jede dieser Dekaden hätte auch genügend Stoff für eine ganze Folge abgegeben, und es hätte so auch ein Sechsteiler werden können.

Hanno Koffler: Mit mehr Zeit wäre ich gerne in diesen Charakter von Rudolf Dassler im Austausch mit seiner Frau Friedl noch tiefer reingegangen, überhaupt noch tiefer in diese einzelnen Familienkonstellationen. Was war da wirklich los mit der Friedl und dem Rudi? Auch weil ich die so gerne gehabt habe als Paar!

Eine Schlüsselszene des Films: Adi seinen todkranken Bruder zu einem geheimen Treffen in ein Hotel, nachdem sie 26 Jahre keinen persönlichen Kontakt mehr hatten. Als Zuschauer fiebert man mit, ob Rudi die Tür offnen wird, hinter der sein Bruder auf ihn wartet:
Christian Friedel: Man hat sich oft fragt, ob es da doch noch mal einen Austausch gab zwischen den Beiden. Wir haben ja in unserem Film mit Absicht zum Schluss ein versöhnliches Bild einer Begegnung zwischen den Brüdern gefunden, die so nicht nachweislich ist.
EE: Die Brüder haben sich also in der Realität nicht mehr getroffen?


Christian Friedel: Man geht nicht davon aus, dass sie sich nochmals wieder getroffen haben, aber man weiß es nicht. Man denkt sich das so kitschig, aber wenn man die Figuren und die Situation spielt, merkt man, dass der Graben sehr tief ist und - je mehr Zeit vergeht - immer tiefer wird. Und dann Ist es eigentlich auch nicht mehr möglich, wieder zueinander finden - so sehr man sich das als Zuschauer oder als Betrachter von außen wünschen würde.



Hanno Koffler über Charakterkonflikte unter Geschwistern und die Chancenlosigkeit, sie manchmal zu überwinden :
ich kann gut nachvollziehen, dass sich Menschen, die sich sehr lieben und sehr eng sind, mal irgendwann überwerfen.
Auch wenn man sich mit Brüdern oder Schwestern nahe sein will und durch das Blut der Familie und der Geschwisterschaft irgendwie aneinander gebunden ist, können sich trotzdem Brüder und Schwestern charakterbedingt teilweise abstoßen, was dann Konflikte mit sich bringt.

 

Hanno Koffler dazu, warum der Konflikt bei den Dassler-Brüdern wohl derart krass eskalierte:
Im Fall von Adi und Rudi war das dann auch etwas Zerstörerisches, ein Zerreißen. Lange begleitet von einem „Ich will doch, dass es funktioniert. Ich will es doch hinbekommen.“
Bei denen ist natürlich noch hinzugekommen, dass sie über einen so langen Zeitraum etwas so Großes miteinander geschaffen haben und so auch die Konflikte viel existenzieller und größer geworden sind. Und das auch durch die zeitgeschichtlichen Hintergründe.

 

Foto: (c) ARD