Bildschirmfoto 2018 05 26 um 08.20.00Mit 85 Jahren ist Amerikas bedeutendster zeitgenössischer Schriftsteller gestorben – eine Würdigung

Monica Strauss

Das erste Buch von Philip Roth, der Erzählungsband «Goodbye Columbus» von 1960, enthält die Kurzgeschichte «Verteidiger des Glaubens». Damals erst 27 Jahre alt, wurde der Autor für das Buch erstmals mit dem National Book Award ausgezeichnet. Das jüdische Establishment konnte sich jedoch speziell mit dem «Verteidiger des Glaubens» nicht anfreunden.
Die Geschichte handelt von dem Sergeanten Nathan Marx, der im Mai 1945 aus Europa in die USA zurückgekehrt ist. Die Fronterfahrung hat ihm das harte «Herz eines Infanteristen» mitgegeben und ihn für seine neue Position als Ausbilder an einem Armeestützpunkt in Missouri präpariert. Zu­­mindest ist Marx dieser Ansicht. Dennoch kann er den kalkulierten psychologischen Manövern eines jüdischen Rekruten namens Sheldon Grossbart kaum etwas entgegensetzen.

Indem er sich auf ihre gemeinsame Herkunft beruft, verlangt Grossbart von dem Sergeanten immer absurdere Ausnahmeprivilegien wie koscheres Essen oder freie Wochenenden. Der Rekrut rechtfertigt seine Chuzpe, indem er sich zum Repräsentanten anderer Juden aufwirft, die angeblich zu fromm oder ängstlich sind, um selbst Forderungen zu stellen. Doch als Marx realisiert, dass Grossbart nur seinen eigenen Vorteil im Sinn hat, lösen sich die Fesseln der ethnischen Allianz. Am Ende rächt sich Marx nicht nur an seinem­ Peiniger, sondern übernimmt auch die Verantwortung­ für diesen Bruch mit seiner Gemeinschaft.

Eine Verweigerung

Als die Geschichte erstmals im «New Yorker» erschien, erhob die Anti-Defamation League Protest,­ und etliche Leserbriefe erklärten, Roths Darstellung eines unsympathischen jüdischen Charakters spiele Antisemiten in die Hände und schüre Vorurteile. Roth erwiderte diese Kritik wenige Jahre später mit dem Artikel «Writing About Jews» in klaren Worten: «Die gesamte in den jüdischen Charakter eingesickerte Toleranz der Verfolgung gegenüber – die Anpassungs­fähigkeit, die Geduld, die Resignation, das Schweigen, die Selbstverleugnung – muss herausgepresst werden, bis es auf jede Beschränkung ihrer Freiheit nur eine einzige Antwort gibt, nämlich: ‹Nein, ich weigere mich!›» Roth hat diese Verweigerung in einem ausserordent­lichen Oeuvre von 31 Büchern über 40 Jahre lang durchgehalten. Und fast jede dieser Publikationen berührt das Dilemma von Sergeant Marx: Werden sich amerikanische Juden jemals von der Last der Geschichte befreien können?

«Amerikanisch» ist in diesem Zusammenhang der wesentliche Begriff. Roth hat stets betont, er sei kein «jüdischer», sondern ein «amerikanischer» Autor. 1933 geboren, wuchs er als Enkel galizischer Immigranten in der Industriestadt Newark, New Jersey, auf. Obwohl sie in Amerika zur Welt gekommen waren, bevorzugten auch dieEltern von Roth das Zusammenleben mit ihresgleichen. Sie hatten sich noch nicht allzuweit von dem kulturellen Unbehagen ihrer Jiddisch sprechenden Vorfahren entfernt und waren weiterhin den antisemitischen Vorurteilen der dominierenden protestantischen Elite ausgesetzt. Obwohl sie ausserhalb ihrer Nachbarschaft gelegentlich als Juden beschimpft und bedroht wurden, nahmen Philip und sein älterer Bruder dagegen ungehemmt an der amerikanischen Kultur teil.


Massive Revolte

Roth wollte zunächst Anwalt werden. Doch als Student überwältigte ihn die Erkenntnis, dass er kaum eine Ahnung von Literatur hatte. Er war so von den großen Autoren begeistert, dass er seinen ursprünglich Berufswunsch rasch aufgab. Obwohl die Geschichten in «Goodbye Columbus» in der konformistischen Atmosphäre der Eisenhower-Ära provokant wirkten, waren sie nur zarteste Vorzeichen der massiven Revolte, die Roth 1969 mit seinem Roman «Portnoys Be­­schwerden» gegen die Ängstlichkeit anzettelte, mit der sich Amerikas Juden selbst gegen Ver­folgung und Vorurteile schützen wollten. Von einem Jahrzehnt politischen und individuellen Ungehorsams in Amerika ermutigt, brachte Roth die ungehemmten, ebenso komischen wie vulgären Bekenntnisse des Alexander Portnoy seinem Psychoanalytiker Dr. Spielvogel gegenüber zu Papier. Die «Beschwerde» des nach aussen respektablen Assistenten eines obskuren New Yorker Offiziellen besteht in der Unfähigkeit, seinen unstillbaren sexuellen Hunger – der eine breite Palette von Variationen aufwies – mit den Anforderungen seiner gutbürgerlich-jüdischen Herkunft zu vereinbaren.

Nach «Portnoy» nahm die Öffentlichkeit Roth jahrelang lediglich als Skandalautor wahr. Doch nachdem er die siebziger Jahre über weiter vorwiegend als Satiriker geschrieben hatte, wandte sich Roth am Ende dieses Jahrzehnt neuen und substanzielleren Themen zu. Dafür waren nicht zuletzt seine Kontakte zu regimekritischen Autoren in Prag ausschlaggebend, die er bei seinen Besuchen dort ab 1972 kennenlernte. Diese Erfahrungen brachte er auf die Formel, in Amerika sei «alles möglich und nichts zählt», während für seine tschechischen Gesprächspartner exakt das Gegenteil gelte. Roth gab seinen Sympathien Ausdruck, indem er den Penguin-Verlag zur Serie «Writers from Another Europe» anregte, die unter anderem Übersetzungen der Werke von Milan Kundera und Danilo Kiš sowie die erste englischsprachige Publikation von Bruno Schulz überhaupt veröffentlich hat.


Alter Ego Zuckerman

Die hinter dem Eisernen Vorhang beobachtete Bedeutung von Literatur mag Roth mit zu einer seiner glücklichsten Erfindungen als Schriftsteller inspiriert haben – seinem Alter Ego Nathan Zuckerman. Dieser trat erstmals 1979 in «Der Ghostwriter» als 23-jähriger Autor von Kurz­geschichten auf. Zuckerman sollte in den fol­genden zwei Jahrzehnten zum Gefäss der Re­flexionen Roths über die Rolle von Autoren werden. Im Zuckerman-Zyklus ging Roth die mühsame Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte an (erstmals auf kreative Weise in der auf Anne Frank anspielenden Figur in «Der Ghostwriter»), aber auch Notorietät und ihre Folgen­ («Zuckermans Befreiung», 1981) und amerikanische­ Reaktionen auf jüdisches Leben im Ausland (Antisemitismus in England und Nationalismus in Israel mit «Gegenleben», 1986). Indem er mit der Verbindung zwischen seiner Figur und ihrem Schöpfer spielt, thematisiert er in sämtlichen Zuckerman-Romanen aus dieser Zeit auch den Akt des Schreibens. Dies erreichte einen Höhepunkt in Roths Versuch einer traditionellen Autobiografie in «Die Tatsachen» (1988). Dort tritt Zuckerman im letzten Kapitel auf und sabotiert die Posen des Autors.

Danach beschränkte Roth seinen Protagonisten auf eine «vermittelnde Intelligenz», die seine meisterhaften Zuckerman-Romane über die amerikanische Zeitgeschichte aus jenen Jahren zu Höhepunkten seines Werkes macht. So setzt sich «Amerikanisches Idyll » (1997) mit dem Konflikt zwischen der erfolgreichen Generation Roths und den zerstörerischen Neigungen ihrer radikalen Nachkommen auseinander. Mit seinen Schilderungen der Blütezeit Newarks muss der Roman keine Vergleiche mit Spitzenwerken des viktorianischen Realismus scheuen. Anschliessend griff «Mein Mann, der Kommunist» (1998) die Paranoia der Rechten während der McCarthy-Ära auf, und «Der menschliche Makel» (2000) thematisierte die Selbstgerechtigkeit der Linken und die schlimmen Folgen der politischen Korrektheit während der Clinton-Jahre. In «Verschwörung gegen Amerika»­ prophezeit Roth im Jahre 2004 die Ära Trump vor historischem Hintergrund am fiktionalisierten Piloten und Nazisymphatisanten Charles Lindbergh, der mit rassistischem und Autokraten-Programm Präsident Amerikas wird .

Zum Leidwesen seiner Leser hat Roth, der mehr Auszeichnungen erhalten hat als jeder andere amerikanische Autor, mit dem Roman «Nemesis» von 2010 sein Werk abgeschlossen und zu schreiben aufgehört. Es erscheint nur als angemessen, dass «Nemesis» an den Schauplatz zurückkehrt, der eine zentrale Bedeutung für Roth hat – das Newark seiner Kindheit. Zwischen beruflicher Pflicht und tribaler Solidarität zerrissen, greifen die Konflikte seines Protagonisten Bucky Cantor, der als Sportlehrer mit der Polio-Epidemie von 1944 konfrontiert wird, die Schuldgefühle des Nathan Marx in «Verteidiger des Glaubens» auf. Doch während der junge Autor seinem Soldaten vor 50 Jahren erlaubte, sich den Verrat an seinesgleichen zu verzeihen, wehrt Bucky in diesem tragischen Alterswerk Roths jede Absolution ab und geht an seiner Schuld zugrunde. In der Nacht auf Mittwoch ist Philip Roth verstorben und hinterlässt ein reflektierendes und bisweilen satirisch-vorausnehmendes Werk, um das Amerika nicht umhin kommt.

Foto:
Der grosse US-amerikanische Autor Philip Roth ist in der Nacht auf Mittwoch verstorben – er hatte 2010 mit dem Schreiben aufgehört
© tachles

Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 24. Mai 2018