Duden PhantasieEine Gender-Variante des Wörterbuchs spaltet künftig die deutsche Sprache

Klaus Philipp Mertens

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Hat Ihnen der DUDEN-Korrektor, den Sie im Hintergrund Ihrer PC-Textverarbeitung laufen lassen, auch schon mal vorgeschlagen, das Alte Testament, den älteren Teil der Bibel, „Alttestament“ zu schreiben?

Algorithmen sind eben so klug oder so dumm wie jene, die sie definiert haben. In der DUDEN-Redaktion scheinen offenbar nicht nur kluge Geister am Werke zu sein. Seien Sie also vorgewarnt. Denn es kommt bald noch schlimmer. Nicht nur die Algorithmen einer Grammatik-, Rechtschreib- und Stilprüfung werden der Unlogik unterworfen. Die Redaktion des Wörterbuchs hat angekündigt, die Online-Variante des Rechtschreib-DUDENS umzuschreiben. 12.000 Artikeln über Personen- und Berufsbezeichnungen soll jeweils ein zweiter, nämlich weiblicher, hinzugefügt werden. Das könnte ein erster Schritt zur Abschaffung des generischen Maskulinums sein, das allgemeingültig alle Geschlechter umfasst; unabhängig von seiner Nennform.

Beispielsweise ist ein „Mieter“ künftig nicht mehr „jemand, der etwas gemietet hat“. Vielmehr gilt er bald ausschließlich als „männliche Person, die etwas gemietet hat“. Zwangsläufig muss eine zusätzliche Bedeutung angefügt werden. Nämlich die „Mieterin“ als „weibliche Person, die etwas gemietet hat“. Bislang wurde unter dem Suchwort „Mieterin“ auf die männliche Form verwiesen. Denn „Mieter“ war ein typisches generisches Maskulinum, das Männlichem und Weiblichem gleichermaßen Raum bot und nicht zu Verständnisschwierigkeiten führte. Die in Vorbereitung befindliche Online-Ausgabe, die Ende 2021 abgeschlossen sein soll, bereitet dieser Geschlechtsneutralität ein Ende. Allerdings werden diese Ergänzungen nicht in die gedruckte Ausgabe übernommen. Denn Gendern kostet mehr Platz, mehr Papier, eine stabilere Bindung, mehr Druckkosten.

Zum Jahresende könnte also nicht nur mit Corona Schluss sein, sondern auch mit der ungeteilten deutschen Sprache. Der eine Teil der DUDEN-Nutzer wird seinen Wortgebrauch und dessen Schreibweise nicht verändern und diese Sünde mit Hinweis auf den gedruckten „DUDEN traditionell“ rechtfertigen. Und der andere seine umständliche und verwirrende Ausdrucksweise mit dem „Online-DUDEN gendergerecht“ entschuldigen.

Kathrin Kunkel-Razum, die Leiterin der DUDEN-Wörterbuchredaktion, beschreibt die Abkehr von Sprachfluss und Eindeutigkeit so: „Wir sehen in der Kernbedeutung tatsächlich die Beschreibung eines Geschlechts und zwar in der Symmetrie zur weiblichen Bezeichnung. Das heißt nicht, dass wir leugnen, dass es stärker generische Verwendungen gibt im Sinne von ‚zum Arzt gehen‘ oder ‚die Ärzte dieses Krankenhauses operieren‘. Wobei wir letzteren Fall schon für kompliziert halten, weil man dann eben tatsächlich nicht genau weiß: Sind da auch Frauen beteiligt oder nicht?“

Solcher Begründung wollen nicht alle Fachleute folgen, halten sie sogar für naiv bis unverfroren. So meint die Sprachwissenschaftlerin Ewa Trutkowski von der Freien Universität Bozen:

„Das generische Maskulinum gehört einfach zur deutschen Sprache dazu. Von daher finde ich diese Neudefinition ziemlich problematisch.“ Und sie wirft der Redaktion vor, dass der DUDEN seine Deutungs- und Definitionshoheit über die deutsche Sprache missbrauche. Er propagiere eine einseitige Sichtweise im Streit um sprachliche Geschlechtergerechtigkeit.

Dem hält die DUDEN-Chefredakteurin entgegen: „Wir positionieren uns hier überhaupt nicht einseitig. Wir konkretisieren unsere Einträge im Online-Wörterbuch für männliche und weibliche Personenbezeichnungen.“

Allerdings scheitert die Verständlichkeit von Texten eher selten an mangelnder Konkretion von männlich und weiblich. Das liegt erfahrungsgemäß mehr an der Wort- bzw. Spracharmut der Schreiber und Sprecher und häufig an ihrer Absicht, durch sprachliche Verschleierung Leser und Zuhörer über tatsächlich verfolgte Ziele täuschen zu wollen. In einer Zeit, in der die Manipulation der Menschen durch unzulässige Vereinfachung komplexer Zusammenhänge bedrohlich zugenommen hat (man denke an Rechtspopulisten, Verschwörungsideologen oder Corona-Leugner), unterstützt eine vermeintlich gerechte Sprache die vorhandene Ungerechtigkeit. Wer formale Sprachkosmetik betreibt, möchte Inhaltliches und damit Wesentliches nicht zur Sprache bringen. Möchte vor allem nichts an überkommen Machtverhältnissen ändern.

Doch die DUDEN-Redaktion beharrt auf ihrer Sicht: Das generische Maskulinum habe in einem Bedeutungswörterbuch keinen Platz. Auf gesellschaftliche Korrelationen, die eigentlich in der Sprache exakt wiedergegeben werden müssten, gehen die selbsternannten Sprachwächter nicht ein. Möglicherweise wäre es zu viel verlangt, eine solche intellektuelle Transferleistung von ihnen zu erwarten.

Ewa Trutkowski befürchtet, dass der Reform beim Online-Wörterbuch des Duden weitere Schritte folgen werden: „Man hat sich jetzt Definitionen erschaffen, die ausschließlich eine Binarität abbilden. Und jetzt muss man irgendwie handeln, um nichtbinäre Menschen auch mit ins Boot zu nehmen. Und ich kann mir vorstellen, dass jetzt das Sternchen kommt, mit der Begründung, dass nichtbinäre Menschen auch abgebildet werden müssen in der Sprache.“

Doch Kathrin Kunkel-Razum verneint das: „Der DUDEN hat das Sternchen generell nicht eingeführt. Wir äußern uns zum Sternchen an verschiedenen Stellen und ansonsten plädiert DUDEN nach wie vor dafür, so wie wir das schon seit mehreren Jahren machen, alle Möglichkeiten geschlechtergerechter Sprache zu nutzen. Das empfehlen wir auch in den drei Ratgebern, die wir zu diesem Thema inzwischen aufgelegt haben, und da ist das Sternchen ja nur eine von vielen Varianten.“
Um der Gender-Verwirrung und der Sexualisierung der deutschen Sprache zu entgehen, hält die Bozener Sprachwissenschaftlerin Ewa Trutkowski dieses generische Maskulinum für das beste Mittel.

Foto:
Collage DUDEN-Phantasie
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