Neue Serie 2026: Schreibwettbewerb. Was bedeutet Pressefreiheit heute – jenseits von Schlagzeilen und Sonntagsreden?, Teil 3/Maja Geiger
Leipzig (Weltexpresso) - Ich bin jung.
Und ich bin informiert.
Zumindest fühlt es sich so an.
Ich scrolle. Ich teile. Ich lese Überschriften, Zusammenfassungen, Kommentare. Ich weiß, was trendet, wer sich empört, wer recht hat – zumindest für diesen Moment. Nachrichten erreichen mich in Häppchen, verpackt in Bilder, Emotionen, Algorithmen. Ich sehe viel. Vielleicht zu viel. Und doch frage ich mich manchmal, wie viel davon bleibt.
Pressefreiheit bedeutet für mich: Alles ist da. Jeder kann sprechen. Jede Meinung findet ihren Raum. Ich entscheide selbst, was ich sehen will. Oder bilde ich mir das nur ein?
Denn ich merke, wie ich auswähle. Wie ich wegwische, was schwer ist. Wie ich stehen bleibe bei dem, was unterhält, berührt, aufregt. Tiergeschichten. Liebesdramen. Prominente. Kleine Skandale. Sie fühlen sich näher an als politische Zusammenhänge, die mich zwar betreffen, aber keine Gesichter haben. Keine schnellen Bilder. Keine einfachen Schuldigen.
Vielleicht ist das meine Freiheit.
Vielleicht ist es auch meine Flucht.
Sie ist alt.
Und sie liest die Zeitung.
Jeden Morgen, am Küchentisch. Die Hände ruhig, die Brille auf der Nase. Sie liest langsam. Von vorne nach hinten. Nicht alles gefällt ihr, aber sie liest es trotzdem. Weil man wissen muss, was in der Welt passiert. Weil Information Verantwortung bedeutet. Für sie ist die Presse kein Zeitvertreib. Sie ist Orientierung.
Pressefreiheit war für sie nie selbstverständlich. Sie kennt Zeiten, in denen geschwiegen wurde. In denen Dinge nicht gedruckt werden durften. In denen Worte Gewicht hatten, weil sie selten waren. Journalisten waren für sie Wächter. Einordner. Mahner. Keine Influencer. Keine Unterhalter.
Wenn sie sagt: „Das muss man wissen“, meint sie nicht: „Das will ich lesen.“
Sondern: „Das betrifft uns.“
Ich frage mich, ob wir über dasselbe sprechen, wenn wir Pressefreiheit sagen.
Für mich ist Freiheit Auswahl.
Für sie ist Freiheit Verpflichtung.
Ich lebe in einer Welt, in der ich alles sehen kann – aber nichts sehen muss. Sie lebte in einer Welt, in der das Gedruckte Bedeutung hatte, weil es geprüft, abgewogen, verantwortet war. Ich vertraue meinem Gefühl. Sie vertraut der Redaktion.
Manchmal beneide ich sie um diese Klarheit.
Manchmal belächelt sie meine Geschwindigkeit.
Und doch treffen sich unsere Fragen an einem Punkt:
Was passiert mit einer Gesellschaft, die lieber konsumiert als versteht?
Ist Pressefreiheit nur das Recht, alles zu veröffentlichen – oder auch die Verantwortung, nicht alles zu vereinfachen?
Ist sie nur ein Schutzschild für Medien – oder auch ein Bildungsauftrag gegenüber denen, die lesen?
Und was geschieht, wenn Freiheit sich dem Geschmack des Publikums anpasst, statt ihm etwas zuzumuten?
Vielleicht liegt die größte Gefahr für die Pressefreiheit nicht im Verbot, sondern in der Gewöhnung.
Nicht im Schweigen, sondern im Überhören.
Nicht im Mangel an Information, sondern im Verlust an Tiefe.
Die Freiheit, die ich meine, steht zwischen uns beiden.
Zwischen Scrollen und Lesen.
Zwischen Gefühl und Einordnung.
Zwischen Jetzt und Erinnerung.
Und vielleicht besteht ihre Zukunft genau darin:
Dass wir einander zuhören.
Bevor wir weiterwischen.
Foto:
©Logo des Veranstalters
Info:
In Weltexpresso veröffentlichen wir bis zur Leipziger Buchmesse eine Auswahl der Shortlist-Texte zum Schreibwettbewerb "Die Freiheit, die ich meine. Pressefreiheit". Sie zeigen, wie gegenwärtig das Thema Pressefreiheit ist – und wie aufmerksam, reflektiert und sprachlich überzeugend sich insbesondere junge Menschen mit dem Zustand demokratischer Grundrechte auseinandersetzen. Begleitend läuft noch bis 11. März das Publikumsvoting, bei dem Leserinnen und Leser ihren Favoriten wählen können.