
Hanswerner Kruse & Hannah Wölfel
Berlin (Weltexpresso) - Im Garten des Gropius-Baus sind Stämme und dicke Äste einiger Bäume in rote Stoffe mit weißen Punkten gewickelt. Zwischen duftenden roten Rosen locken bereits hier, die zu Kunstobjekten gewordenen Bäume, in die Ausstellung der Japanerin Yayoi Kusama.

Ohne auf Wartende zu achten streben viele faszinierte Leute in einen hell-weißen Spiegelraum, dessen Boden von zahlreichen weißen Stoffbeuteln mit roten Punkten bedeckt ist. Die Spiegelungen der Säckchen suggerieren endlose Weiten, in denen man sich auflöst: Ein fröhliches aber auch beklemmendes Erlebnis im ersten „Infinity Mirror Room“. Als Performerin legte Kusama sich häufig in ihre Arbeiten, um in die Unendlichkeit einzutauchen. Sogar das Publikum durfte früher diese Installationen betreten: „Skulptur und Betrachter wurden eins“ (Kusama). Ambivalente Gefühle ruft ein weiterer „Infinity Mirror Room“ hervor, ein äußerst dunkler Raum vollgehängt mit bunten spiegelnden Kugeln. Beim Betreten des glänzenden Bodens fürchtet man sich, in die scheinbar schwarze Tiefe zu stürzen.

Dieses Betupfen ihrer Werke ist keine modische Marotte, sondern eine lang andauernde meditative Arbeitsweise, die ein ästhetisch-philosophisches Konzept verfolgt: „Wenn ich meinen gesamten Körper mit Punkten bemale und auch den Hintergrund mit Punkten versehe, ist das ein Akt der Selbstauslöschung.“ Vom Publikum forderte Kusama: „Werden Sie eins mit der Ewigkeit. Löschen Sie ihre Persönlichkeit aus. Werden Sie Teil Ihrer Umgebung. Vergessen Sie sich selbst.“

Doch die Tausende von Phalli die sie anfertigte, befreiten sie von ihrer Furcht - lösten sich allerdings auch vom Abbild und wurden zu freien Objekten. „Psychosomatische Kunst“ nannte sie ihre Arbeiten, in denen - möglicherweise - zugrundeliegende Kränkungen aufgehoben sind: Sie sind kein Therapiematerial, sondern autonome Kunstwerke! Kusama ist keine Outsiderin, keine Geisteskranke mit Talent zum Gestalten, sondern als studierte Künstlerin erfolgreich in der internationalen Kunstszene verwoben.

Kusama drehte auch Filme, die auf Festivals prämiert wurden, schrieb etliche Romane und Gedichte, kreierte Musicals und gründete eine Tanzgruppe - aber immer blieb sie Malerin. Schon als junges Mädchen hatte sie wie besessen ihre Phantasmagorien gemalt. Zum Beginn des Rundgangs rekonstruiert der Gropius Bau eine japanische Ausstellung früher Öl-Bilder. Gezeigt werden dann ihre abstrakten New Yorker Gemälde, mit denen sie nach zwei Hungerjahren sofort erfolgreich wurde. Auf dunkle Flächen trug sie rhythmisch weiße oder rote Farbe so auf, dass zellartige Öffnungen entstanden, durch die der Grund sichtbar blieb. Einflussreiche amerikanische Kritiker lobten diese riesigen, unendlich wirkenden Bilder ohne Anfang und Ende. Die stellte sie gemeinsam mit Mark Rothko, Lucio Fontana und Yves Klein sogar in Deutschland aus.
Mitte der 1970er-Jahre kehrte sie nach Japan zurück, um die dortige Kunstszene aufzumischen - aber auch weil es ihr gesundheitlich nicht so gut ging. Seitdem malt sie wieder intensiver, am Ende der Ausstellung sieht man ihre Arbeiten aus den letzten Jahrzehnten: Strenge schwarz-weiße Siebdrucke mit Silhouetten, Gesichtern, Punkten und Mustern, die eigenartige Landschaften bilden oder reine Kompositionen zeigen („Love Forever“). Für ihre Serie „My Eternal Soul“ malt sie bis heute ähnliche Motive, jedoch mit kräftigen Acrylfarben auf Leinwand. Diese optisch überwältigenden Gemälde zeigt sie immer noch weltweit in Ausstellungen.

Info:
„Yayoi Kusama - eine Retrospektive“ bis 15. August 2021.
Tickets immer freitags ab 12 Uhr online www.gropius-bau.de
Deutsche Literatur (Auswahl):
Gropius Bau: „Yayoi Kusama - Retrospektive“, Ausstellungskatalog, 352 Seiten, 38 Euro
Yayoi Kusama: Infinity Net - Meine Autobiografie, Piet Meyer Verlag, 368 Seiten, 28 Euro
Fotos:
Hanswerner Kruse und Gropius-Bau-Berlin
Oben: Titel der Installation im Lichthof „A Bouquet of Love I Saw in the Universe“ (Hw. Kruse)
Mitte: „Infinity Mirror Room“, Installation mit Polka Dots, Kürbismotive (alle Hw. Kruse), Happening auf der Broklyn Bridge (Gropius Bau)
Unten: Porträt Yayoi Kusama (Gropius Bau)

Info:
„Yayoi Kusama - eine Retrospektive“ bis 15. August 2021.
Tickets immer freitags ab 12 Uhr online www.gropius-bau.de
Deutsche Literatur (Auswahl):
Gropius Bau: „Yayoi Kusama - Retrospektive“, Ausstellungskatalog, 352 Seiten, 38 Euro
Yayoi Kusama: Infinity Net - Meine Autobiografie, Piet Meyer Verlag, 368 Seiten, 28 Euro
Fotos:
Hanswerner Kruse und Gropius-Bau-Berlin
Oben: Titel der Installation im Lichthof „A Bouquet of Love I Saw in the Universe“ (Hw. Kruse)
Mitte: „Infinity Mirror Room“, Installation mit Polka Dots, Kürbismotive (alle Hw. Kruse), Happening auf der Broklyn Bridge (Gropius Bau)
Unten: Porträt Yayoi Kusama (Gropius Bau)