Das Frankfurter Städel hatte immer schon die Besonderheit, daß seine Museumsdirektoren gewissermaßen didaktisch gesammelt hatten und den Anspruch, daß im Museum aus jeder Epoche Bilder und Skulpturen zur Verfügung stehen, ernst genommen. Problem war und ist, daß sehr viel mehr Gemälde im Fundus vorhanden sind, als in den – auch in den erweiterten -  Ausstellungsräumen unterzubringen sind. Die Neupräsentation bietet einen konzentrierten Überblick über die Entwicklung der europäischen Malerei und Skulptur im 19. und 20. Jahrhundert. Schwerpunkt ist die deutsche und französische Malerei. Mit Gemälden wie Claude Monets „Das Mittagessen“ (1868), Pablo Picassos „Fernande Olivier“ (1909) oder Ernst Ludwig Kirchners „Stehendem Akt mit Hut“ (1910) verfügt das Museum über Schlüsselwerke der neueren Kunstgeschichte.

 

Die Ausstellung wird die inhaltlichen Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den europäischen Kunstströmungen und den Künstlern verstärkt nachvollziehbar machen sowie erstmals Fotografien und in einem höheren Maß als bisher Werke von Künstlerinnen einbeziehen. Je ein Saal ist dem Werk von Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner gewidmet. Im Anschluß an die „Kunst der Moderne“ wird am 15. Dezember 2011 der Sammlungsbereich „Alte Meister (1300–1800)“ im Mainflügel des Altbaus seine Pforten öffnen. Den abschließenden Höhepunkt wird die Eröffnung des Erweiterungsbaus für die Präsentation der Gegenwartskunst am 25. Februar 2012 bilden.

 

Museumsinfo: Bauliche und infrastrukturelle Maßnahmen

Der Altbau des Städel Museums, bestehend aus Main- und Gartenflügel, wurde im Zuge des Erweiterungsbaus für die Präsentation der Gegenwartskunst einer Generalsanierung unterzogen. Unter der Leitung des Architekturbüros schneider+schumacher, das auch für die Architektur der Erweiterung verantwortlich ist, wurde der gesamte Altbau ertüchtigt. So wurde beispielsweise das Dach des Gartenflügels saniert und mit neuen Oberlichtern ausgestattet. Der bestehende Gebäudekomplex wurde mithilfe eines neuen Aufzugs barrierefrei gestaltet und brandschutztechnisch auf den neuesten Stand gebracht. Die Anbindung an den Neubau erfolgt über eine zentrale Treppe, die sich genau in der Achse des Haupteinganges befindet. Darüber hinaus wurden im Altbau nach Plänen der Architekten Kuehn Malvezzi die Voraussetzungen für eine zeitgemäße Sammlungspräsentation geschaffen. Die spezifischen räumlichen Qualitäten des Altbaus kommen nun durch die Wiederherstellung von historischen Raumachsen maximal zur Geltung. Die Gestaltung von Parcours, Farbe, Licht, Displays und neuer Möblierung ergibt eine optimale Wirkung aller Exponate in zeitgenössischer Präsentation. Im Bereich der klassischen Moderne wechselt eine Folge eleganter Grautöne mit einem kräftigen Blauton ab; unterstützt wird die Farbkonzeption durch ein neues Lichtsystem mit dimmbarem Kunstlicht in der Oberlichtebene und zusätzlicher Akzentuierung durch Strahler. Der Servicebereich wurde durch einen neu eingerichteten, von SPIESS Interior Design gestalteten Museumsshop mit Buchhandlung und ein Café im Eingangsbereich verbessert. Für die Weiterentwicklung des grafischen Erscheinungsbildes des gesamten Städel, das sich auf den Wandbeschriftungen ebenso wiederfindet wie auf sämtlichen Drucksorten und in einem neuen Logo, zeichnet die Peter Schmidt Group verantwortlich. „Wir freuen uns außerordentlich“, so Prof. Dr. Nikolaus Schweickart, Vorsitzender der Administration des Städel Museums, „dass wir mit der Neueröffnung der Sammlung der Moderne nun nach vierzehnmonatiger Bauzeit den ersten Auftakt zum neuen Städel setzen und unsere Sammlung dem Publikum in neuer Form präsentieren können.“

 

Finanzierung

Die Kosten der Altbausanierung betragen rd. 18 Millionen Euro. Davon wurden 11,4 Millionen von der Stadt Frankfurt aufgebracht. Die restliche Summe wird vom Städel Museum getragen. Die Gesamtkosten für die Erweiterung und die Sanierung des Altbaus werden sich auf 50 Millionen Euro belaufen. Dank der Unterstützung durch die öffentliche Hand, durch Unternehmen, Stiftungen und zahlreiche Privatpersonen, die sich mit Klein- und Großspenden beteiligt haben, konnten bereits über 90 Prozent der Gesamtfinanzierung gesichert werden. „Die Stadt Frankfurt hat mit ihrer finanziellen Unterstützung ein deutliches Zeichen für das Städel gesetzt. Sie beweist damit einmal mehr, dass durch das Zusammenwirken von öffentlicher Hand und bürgerlichem Engagement Großes bewegt und ein Museum an einem neuralgischen Entwicklungspunkt maßgeblich in seinem Wirken gestärkt werden kann“, so Petra Roth, Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt. Mit den Werken der Städtischen Galerie beherbergt und betreut das Städel seit 1907 einen wichtigen Teil der Sammlungen der Stadt Frankfurt. „Das Städel ist sich seiner Doppelaufgabe als Stätte der Wissenschaft und publikumsorientierter Museumsbetrieb gleichermaßen stark bewusst“, sagt Prof. Dr. Felix Semmelroth, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt. „Mit der Neupräsentation der Moderne beweist das Städel, wie lohnend eine stetige Auseinandersetzung mit einer Sammlung sowohl für die Wissenschaft als auch für das Publikum sein kann. Das muss und will die Stadt Frankfurt unterstützen“, so Semmelroth.

 

Neupräsentation der Sammlung

Mit der baulichen Sanierung ist eine grundlegende Neuordnung des Sammlungsbereichs „Kunst der Moderne“ einhergegangen. „Die Neupräsentation bot einen Anlass, den eigenen, im Bereich der Moderne rund 1.200 Werke umfassenden Bestand mit frischem Blick zu sichten“, so Dr. Felix Krämer, Leiter der Sammlung der Kunst der Moderne. Viele der rund 200 gezeigten Werke gehören schon lange zum festen Inventar der Galerie. Oftmals wurden ihnen nun jedoch Neu- und Wiederentdeckungen zur Seite gestellt. Zu den spektakulärsten Entdeckungen aus dem Depot zählen das in den Wirren des Zweiten Weltkriegs nicht inventarisierte Gemälde „Der heilige Hieronymus“ (1874) von Jean-Léon Gérôme sowie ein Akt, der 2010 zweifelsfrei Ernst Ludwig Kirchner zugeschrieben werden konnte. Andere Künstler wie Ernst Deger, Anton Zwengauer, Ottilie W. Roederstein, Angilbert Göbel oder Helmut Kolle sind weitgehend vergessen, lohnen aber die Wiederentdeckung. Während bisher der nationale Kontext der Künstler stärker betont wurde, setzt die Neupräsentation deutliche Akzente auf die inhaltlichen Zusammenhänge und den kulturellen Austausch zwischen den europäischen Künstlern und den unterschiedlichen Strömungen. So hängen Werke der deutschen Brücke-Maler neben Gemälden von Henri Matisse und Edvard Munch – ihren großen Vorbildern.

 

Der Parcours der Ausstellung beginnt bereits im Treppenhaus mit Monumentalwerken von Philipp Veit, Friedrich Overbeck und Carl Friedrich Lessing, die die Gründungsjahre des Städel zu Beginn des 19. Jahrhunderts widerspiegeln (dieser einleitende Teil wird ab 15. Dezember im Zuge der Neueröffnung des Mainflügels zu sehen sein). Nach dem ersten Saal mit der Kunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dessen Zentrum Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins berühmtes Goethe-Porträt hängt, folgt in den beiden großen Ausstellungssälen die Kunst ab 1850 mit Werken von u. a. Gustave Courbet, Victor Müller oder Arnold Böcklin. Zu beiden Seiten setzt sich die Hängung fort – mit symbolistischen Tendenzen (Odilon Redon, Franz von Stuck, Max Klinger, Pierre Puvis de Chavannes) bzw. dem Impressionismus und der klassischen Moderne (Claude Monet, Auguste Renoir, Édouard Manet, Max Liebermann, Brücke-Künstler, Henri Matisse, Edvard Munch, Pablo Picasso). Die Gewichtung der Auswahl orientiert sich an den gewachsenen Sammlungsschwerpunkten, sodass Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner eigene Säle gewidmet werden konnten.

 

Die Sammlungspräsentation berücksichtigt auch die Schattenseiten der deutschen Geschichte. Bewusst werden neben den Arbeiten von im Dritten Reich verfolgten Künstlern in einem Kabinett auch einige Werke gezeigt, welche die offizielle Kunstproduktion dieser Jahre repräsentieren. Hierbei geht es nicht um Skandalisierung. Vielmehr soll der Kontext die gestalterische Kreativität der „entarteten Künstler“ und ihren Drang nach Erneuerung noch deutlicher zutage treten lassen. Gänzlich neu ist die Integration von Fotografien in die „Kunst der Moderne“. Durch den Erwerb der Sammlung Wiegand durch den Städelschen Museums-Verein mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Hessischen Kulturstiftung konnte die Fotografie als neuer Sammlungsbereich im Städel etabliert werden. Die gemeinsame Präsentation von Malerei, Skulptur und Fotografie ermöglicht nun die Darstellung der Wechselwirkungen zwischen den Medien, die gerade im Bereich der Moderne zu großartigen künstlerischen Resultaten geführt haben. Die Neupräsentation der Sammlung „Kunst der Moderne“ wurde von der Crédit Agricole Corporate and Investment Bank Deutschland als Corporate Sponsor gefördert.

 

Neuankäufe und Dauerleihgaben

„Die Neupräsentation der Moderne lässt erstmals erkennen, mit welchem Engagement wir die Sammlung in den letzten Jahren auch in diesem Bereich gezielt erweitern konnten“, so Max Hollein. Zu den bedeutendsten Ankäufen zählten – neben über 200 Fotografien aus der Sammlung Wiegand – Werke von Malern aus dem Umfeld der Neuen Sachlichkeit wie Karl Hubbuch, Anton Räderscheidt und Volker Böhringer. Eine kapitale Erwerbung des Städelschen Museums-Vereins stellt Félix Vallottons „Blonder Akt“ von 1921 dar. Weitere Neuankäufe galten Werken von Karl Wilhelm Diefenbach und Hanns Ludwig Katz. Eine Bereicherung für das Städel ist auch eine Gruppe von Dauerleihgaben der Commerzbank aus der ehemaligen Kunstsammlung Dresdner Bank. Hierzu zählen u. a. Arbeiten von László Moholy-Nagy, Ljubov Popova, Max Ernst, Paul Klee und Max Beckmann. Weitere wichtige Dauerleihgaben von Max Beckmann, Marc Chagall und Ernst Ludwig Kirchner wurden dem Städel von privaten Sammlungen zur Verfügung gestellt.

 

Publikation und erweitertes Rahmen- und Vermittlungsprogramm

Die Publikation „Kunst der Moderne. 1800–1945 im Städel Museum“ begleitet die Neupräsentation und bietet einen umfassenden Überblick über die Sammlung. Neben einer Einführung in die Sammlungsgeschichte, Kapiteleinleitungen und Werkkommentaren zu allen ausgestellten Arbeiten enthält der Band auch die Rubrik „Der andere Blick“, in der Peter-André Alt, Eva Demski, Mathias Döpfner, Wilhelm Genazino, Durs Grünbein, Katharina Hacker, Ulla Hahn, Martin Mosebach, Neo Rauch, Helmut Schmidt, Wolf Singer und Roger Willemsen jeweils über ein ausgewähltes Werk der Städelschen Sammlung schreiben. Die wissenschaftliche Arbeit an der Publikation wurde von der Familien-Schultz-Frentzel-Stiftung unterstützt.

 

Die Neupräsentation „Kunst der Moderne“ wird von einem umfassenden Rahmenprogramm begleitet. Zu den Höhepunkten zählen Vorträge in der Reihe „Standpunkte der Kunst“ von Dr. Felix Krämer (Donnerstag, 17. November 2011, 19 Uhr), Roger Willemsen (Donnerstag, 24. November 2011, 19 Uhr), Florian Illies (Mittwoch, 30. November 2011, 19 Uhr), Prof. Dr. Wilfried Wiegand (Mittwoch, 7. Dezember 2011, 19 Uhr) und Prof. Dr. Sabine Schulze (Donnerstag, 19. Januar 2012, 19 Uhr). Zusätzlich hat das Städel eine Reihe von neuen Vermittlungsprogrammen entwickelt – darunter „Post it!“ (für Jugendliche ab 14 Jahren), „Basiswissen Kunst“ oder spezielle Familienführungen –, mit denen sich auch die Vermittlungsarbeit im Städel im Zuge der Wieder- und Neueröffnungen in ihrer Bandbreite weiter entfaltet.

 

Daten und Fakten

 

Kurator der Sammlungspräsentation: Dr. Felix Krämer (Städel Museum)

Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Nerina Santorius (Städel Museum)

Publikationen: Sammlungsüberblick „Kunst der Moderne. 1800–1945 im Städel Museum“, hrsg.von Felix Krämer und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein, einer Einleitung von Felix Krämer sowie Texten von Peter-André Alt, Ingo Borges, Eva Demski, Mathias Döpfner, Chantal Eschenfelder, Karolin Feulner, Anna Fricke, Wilhelm Genazino, Durs Grünbein, Katharina Hacker, Ulla Hahn, Felix Krämer, Martin Mosebach, Neo Rauch, Nerina Santorius, Helmut Schmidt, Wolf Singer und Roger Willemsen. 304 Seiten, 274 Abbildungen, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-941399-03-7 (dt. Ausgabe), 35,00 €.

Kunstkrimi für Kinder ab 8 Jahren „Das Geheimnis des Raben“, von Karin Hagemann, 215 Seiten, Fischer Verlag, Frankfurt 2011, ISBN 978-3-596-85462-2, 12,95 €

Weitere Publikationen erscheinen in Kürze: „Alte Meister. 1300–1800 im Städel Museum“, hrsg. von Jochen Sander und Max Hollein, ca. 264 Seiten, ca. 230 Abbildungen; „Gegenwartskunst. 1945–heute im Städel Museum“, hrsg. von Martin Engler und Max Hollein, ca. 304 Seiten, ca. 400