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Yves Kugelmann

Brüssel (Weltexpresso) - Am letzten Sonntag hat der fünfjährige Eitan seine Familie beim Seilbahnunglück am Lago Maggiore verloren. Er liegt schwer verletzt im Spital in Turin und wird in diesen Stunden aus dem Koma geholt. Der israelische Junge weiß noch nichts von der Tragödie – doch die Öffentlichkeit wird fast schon im Minutenprotokoll informiert.

Ärzte im Spital von Turin organisieren regelmässig Pressekonferenzen, Boulvardmedien publizieren Familienfotos und ausufernde Details aus Eitans Umfeld. In der Schweiz triggert die Ringier-Gruppe das Thema online, Psychologen geben Interviews, was der Junge für Therapien erwartet und wie mit dem Trauma umgegangen wird. Anstand, Bescheidenheit, Respekt vor Privatsphären, Demut vor solchen Schicksalsschlägen – Fehlanzeige.
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Fremde Menschen nutzen die Tragödie für PR und öffentliche Präsenz und klickgetriebene Medienhäuser liefern sich einen primitiven Schlagzeilen-Wettbewerb. Die hohen Güter Persönlichkeitsschutz, Öffentlichkeitsprinzip, Presseauftrag werden ad absurdum geführt und entlarven so viele Journalistinnen und Journalisten beim Verlassen des Berufsethos. Anteilnahme und Journalismus gehen anders. Der kleine Eitan erlebt gerade die Tragödie nach der Tragödie – beide hätten verhindert werden können. Doch an der zweiten wird öffentliche Gier und somit das Publikum mitschuldig.

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Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 28. 5. 2021
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG