deutschlandfDAS JÜDISCHE LOGBUCH  Ende Juni

Yves Kugelmann

Jerusalem (Weltexpresso) -  Georg ist 80 Jahre alt. Seine Eltern stammen aus Frankfurt und Budapest. Beide waren im Konzentrationslager Buchenwald. Der Vater wurde durch den englischen Diplomaten Robert T. Smallbones gerettet. Die spannenden, symptomatischen Lebensgeschichten enden in den USA. Die staatenlosen jüdischen Flüchtlinge bauen eine neue Zukunft in den USA. Georg wird später sehr erfolgreich, erinnert sich noch an die Eltern, die wöchentlich den Aufbau lesen. Deutsch spricht er kaum.

Ein lauer Dienstagabend im Zentrum Jerusalems. Georg kommt zum Abendessen noch etwas ermüdet vom Flug aus den USA. Jahrzehntelang ist er um die halbe Welt gereist. Doch mit zunehmendem Alter, sagt er, würde er den Jetlag bemerken, um dann gleich hellwach loszugehen. Zum Auftakt des Abendessens legt er rund zehn Seiten aus amerikanischen Zeitungen der letzten Tage auf den Tisch. Eine Headline nach der anderen: «‹Jewish-Free› – Berkeley groups ban Israel backers», «Anti-semtism now runs show at Cuny», «The Meaning of Stanfords Apology to Jews» und so fort.

Georg ist besorgt. Der Antisemitismus in den USA greife um sich, werde zunehmend virulent. Was im Dezember 2020 mit einer Serie von Attacken und Anschlägen vorwiegend in New York weit über die USA sichtbar wurde, greift längst über auf die Unversitäten mit verbalem Antisemitismus rund um BDS oder Cancel-Politik. Georg erlebte in jungen Jahren Antisemitismus in Ohio, wo er aufgewachsen ist. Doch erst seit vier, fünf Jahren sei er in seinem Leben wieder ein Thema geworden. «Wer hätte gedacht, dass Juden in den USA dereinst wieder einmal in Frucht leben würden?» fragt Georg und taucht ein in eine Analyse der Verwerfungen in den USA. Georg wählt demokratisch. Wenngleich die Regierung Biden in diesen Wochen ein Strategiepapier gegen Antisemitismus verabschiedete, möchte er, dass die Regierung mehr tut. Dass Donald Trump mit seinem demagogischen Populismus die Schleusen für Judenfeindlichkeit geöffnet hat und einer längst verschwunden geglaubten neonazistischen Szenerie den Weg ebnete, anerkennt Georg zwar, kompensiert dies aber mit dem Engagement Trumps für Israel.

Längst ist es dunkle Nacht an diesem lauen Jerusalemer Abend. Georg erzählt von Bildungs- und anderen Defiziten. Seine Stimme klingt tief amerikanisch. Er redet wie ein eingefleischter New Yorker und denkt doch sehr europäisch. Er reflektiert die Amerikaner von außen und analysiert sie sozusagen aus dem innersten.

Es sind die Tage nach dem so genannten Putschversuch von Moskau. Der Barbar Putin hat das Duell mit Barbar Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin abwehren können und geht dennoch geschwächt in die immer ungewissere Zukunft Russlands. Die Konfrontation am letzten Wochenende zwischen Wagner-Söldnern und der Russlands Armee sind eine neue Eskalationsstufe, eine neue Wendung in diesem Krieg, die Dimensionen des Grauens von vorgestern in die Gegenwart rücken. Denn was, wenn neben Demokratien Verbrecherstaaten zur Norm werden, die Barbarei und nicht Demokratie, Gesetz, Recht gelten lassen? Zivilisatorische Errungenschaften sind mit einem Male in Frage gestellt, wenn am Rande Europas Verbrecherbrigaden gegeneinander auflaufen. Wie sehr die Verwerfungen über die einzelnen Länder hinausgehen, zeigte schon der Putschversuch in der Türkei.

Georg sinniert über US-Wirtschaftspolitik und erklärt vieles in den USA, was sich mit europäischem Blick nicht erschliesst. Georg lebt säkular. Seine Eltern haben mit der Emigration nach USA die Religion in Europa gelassen. Wenn er in die Synagoge geht, dann in ein sephardisches Minjan beim Central Park. Israels Ringen mit der Demokratie bewegt Georg über die Sorgen rund um das jüdische Amerika hinaus. Georg führt ein sehr bescheidenes, gutes Leben ohne Sorgen. Doch die Emigrationsgeschichte seiner Eltern wird auf einmal wieder präsent. Denn irgendwie sind die USA eine Heimat auf Zeit geworden. Georg packt die Zeitungen ein und verschwindet in der dunklen Nacht. Die Schlagzeilen werden in den kommenden Tagen nicht besser werden. Das Echolot aus der Vergangenheit irritiert die Menschen in der Gegenwart. Ist alles wieder gleicher geworden – oder anders gleich? Der Blick auf das Welttheater ist einer, der für viele existentieller Alltag geworden ist. Und vielleicht es einfach so, wie es die Geschichte lehrt: Es gibt keine Kontinuität der Vernunft – doch die Ohnmacht ist keine Antwort.

Foto:
©Deutschlandfunk Kultur

 Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom   2023 
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.