o 1Walkyrie c CaroleParodi 15 thumbRheingold und Walküre an der Oper Genf, Teil 1/2

Jacqueline Schwarz

Genf (Weltexpresso) - Furchtlos, sichtlich bemüht, die eigene Wut zu unterdrücken und erhobenen Hauptes stellt sich Brünnhilde ihrem
zornigen Gottvater Wotan: „Hier bin ich Vater, gebiete die Strafe“. Petra Lang hat sich in dieser Partie schon mehrfach als eine der Besten unserer Zeit empfohlen, ob 2013 in Marek Janowskis unvergessenem Berliner Wagnerzyklus oder 2018 im Dresdner „Ring“ unter Christian Thielemann.

Stets groß, schlank und schön strahlt ihr Sopran in allen Registern. Psychologisch wirkt ihre Wunschmaid seit ihrem Rollendebüt vor sechs Jahren noch ausgereifter. Souveräner, energischer und trotziger noch tritt sie dem aufgebrachten, strengen Vater jetzt entgegen, nuancenreich spiegeln sich ihre Emotionen in ihren Blicken und Gesten. In dem Isländer Tómas Tómasson hat sie einen kongenialen Partner zur Seite, der sein aus vertraglichen und moralischen Zwängen resultierendes Unglück glaubwürdig durchlebt und mit seiner starken Präsenz an so große Wotan-Darsteller wie John Tomlinson oder Albert Dohmen erinnert. Mit Ausnahme von Anja Kampe und Vitalij Kowaljow bei den Osterfestspielen Salzburg 2017 kommen mir keine anderen Sänger in den Sinn, die in den vergangenen Jahren in dieser Szene vergleichsweise tief berührt hätten. Was Lang und Tómasson hier aufbieten, wenn sie um ihre Positionen ringen, bis er, mit seinen Widersprüchen konfrontiert, schließlich einwilligt, die Lieblingstochter mit einem Feuerwall zu umgeben, den nur ein tapferer Held durchschreiten kann, und sie sich in den Armen liegen und gar nicht mehr loslassen wollen, ist großes, packendes Theater.

Überhaupt beweist die Genfer „Ring“-Tetralogie, dass die universelle Parabel um Macht und Liebe keineswegs auserzählt ist, wie Kritiker bisweilen schon befürchteten und nichts Verkehrtes daran ist, auf märchenhafte Fantasiebilder zu vertrauen. Jedenfalls waren mit Regisseur Dieter Dorn und seinem Ausstatter Jürgen Rose zwei Altmeister am Werk, die mit raffinierten Bühnentricks überraschen und Wagners latentem Humor Rechnung tragen, wenn sich etwa Alberich im „Rheingold“ in eine Rauch speiende Riesenschlange verwandelt. „Mache vor Staunen mich stumm“, hatte Loge (trefflich als wendiger Filou: Stephan Rügamer) den Schwarzalben aufgefordert, und tatsächlich verschlägt es einem die Sprache, wie Alberich plötzlich durch Zauberhand unsichtbar wird. So etwas können nur ausgefuchste alte Theaterhasen!

Vor allem im „Rheingold“ gibt es noch viele weitere solcher staunenswerten, trefflichen szenischen Ideen: So werden die vom Komponisten beanspruchten sechs Harfen - beim zweiten Auftritt der Riesen als Blickfang auf der Bühne positioniert - unwillkürlich Teil des goldenen Nibelungenhorts.

Bemerkenswert zudem, wie Dorn den Rhein als ein bewegtes Gewässer andeutet, indem er die Rheintöchter und andere nicht näher definierte Flussbewohner auf Rollschuhen in fließenden Bewegungen über die Bühne schickt. Und auf den hübschen Einfall, die Götter im „Rheingold“-Finale bei ihrem Einzug nach Walhall in einem Heißluftballon nach oben entschweben zu lassen, muss man auch erst einmal kommen. Möge sich die schlüssige, lebendige, Wagner-nahe Inszenierung noch recht lange im Repertoire dieses Hauses halten! Aber noch aus einem weiteren Grund reiht sich das Genfer Opernhaus in die Riege der für Wagneraufführungen bedeutsamen Bühnen zwischen Berlin, München, Dresden, Wien, Salzburg und Bayreuth ein: Nach dreijähriger umfangreicher Sanierung ist das im Februar wiedereröffnete Opernhaus selbst zu einer imposanten Sehenswürdigkeit geworden. Siebzig Millionen (!) hat sie gekostet. Die Prunkfassade des von dem Architekten Jacques-Elysée Goss nach dem Vorbild der Pariser Opéra Garnier entworfenen prächtigen Second-Empire-Palais‘ und die mit Deckengemälden und Vergoldungen reich geschmückten Foyers erstrahlen nun in historischem Glanz.

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Fotos:
© Carole Parodi