P1070702Wolfgang Niedecken auf „Dylan-Reise“

Eva Mittmann

Bad Nauheim (Weltexpresso) - Im wunderschönen Jugendstil-Ambiente der Trinkkuranlage von Bad Nauheim waren am gestrigen Donnerstagabend unter dem Titel „Niedecken liest und singt Bob Dylan“ zwei Künstler der Extraklasse zu Gast: nämlich Wolfgang Niedecken (g/voc) und Mike Herting (p). „Er wollte schon immer mal solche Texte wie der Typ mit der Sonnenbrille schreiben“, bemerkt Niedecken in seiner betont süffisant lässig-humorvollen Art gleich zu Beginn des Konzerts - und meint hiermit natürlich sein unbestrittenes Idol: Bob Dylan.

P1070718Dessen Musik habe ihn nämlich schon sehr früh inspiriert. Und um dies noch zu bekräftigen, fügt Niedecken schelmisch lächelnd hinzu: „Sie ist so etwas wie Balsam auf die Seele pubertierender Jungs – ohne Führerschein im Internat.“ Und damit hat er vermutlich recht. Deshalb nun also erneut eine Hommage an Bob Dylan und sogleich lässt das Duo einen seiner populärsten Hits ertönen, nämlich „Times they are changing“. Gleich anschließend erklingt die ebenso legendäre Bob-Dylan-Ballade „Like a rolling Stone“, wo Niedecken dann auch gekonnt stilecht zum Gitarrenspiel noch die „Blues-Harp“ (Mundharmonika) zum Einsatz kommen lässt.


P1070808Treffender wäre in diesem Moment der Titel „I’m singing in the rain“ gewesen, denn just in diesem Moment wird das Publikum von einem ersten Regenschauer überrascht. Rasch werden Plastikumhänge ausgepackt und Regenschirme aufgespannt, während Niedecken uns wissen lässt, dass er ohne den Einfluss seines großen Idols Bob Dylan vermutlich nach dem Zivildienst von der Malerei hätte leben müssen. Doch so kam schließlich alles anders: Er komponierte und dichtete Songs auf Kölsch. Zunächst die durch BAP bekannt gewordenen Songs wie „Helfe“, „Jraadus“ und „Anna“. Sein Vorbild war Bob Dylan und natürlich coverte er zunächst dessen Songs. Unter anderem bei einem seiner ersten Auftritte, nämlich einem Ständchen zum 93. Geburtstag seiner „Lieblingsoma“, Frau Hermanns (1883-1976), die als Kölsches Original galt. Für sie spielte er damals den Bob-Dylan-Song “You don't count the dead when god's on your side“. Und sicherlich hat er Oma Hermann damit ein bisschen glücklicher gemacht.

P1070843Als richtungsweisenden Wendepunkt in seinem Leben beschreibt Niedecken seinen 16. Geburtstag, als er die „Rolling Stones“ live in der Sporthalle erleben durfte. Das sei sozusagen ein unausweichliches Schlüsselerlebnis gewesen, das ihn veranlasste Gitarre spielen zu müssen. Jedoch schränkt er gleich anschließend humorvoll scherzend seine virtuosen Fähigkeiten am Instrument mit einer lapidaren Zwischenbemerkung ein: „Flamenco-Gitarre zählt nicht unbedingt zu meiner Kernkompetenz.“
Unbestritten zeigt Niedecken jedoch seine außerordentliche, intelligent-intellektuelle Sprachkompetenz. Gleichzeitig brilliert Pianist Mike Herting mit meisterhaftem Können am Flügel und umspielt mit sich jagenden Arpeggien unglaublich geschickt die Vorgaben von Gitarre und Gesang. Ein faszinierender Ohrenschmaus!
Und abermals bestätigt es sich: In der Kunst mühelos den Humor transportieren, das können nur die wahrhaft Großen!


Fotos:
© Michael Dellermann

Info:
https://www.bad-nauheim.de/de/lebenswert/kulturarbeit/sommerreihe
https://www.wetterauer-zeitung.de/aktionen/ferien-zu-hause/eine-hommage-an-bob-dylan-wolfgang-niedecken-live-in-bad-nauheim-92466393.html