Ganslmayr1... und dabei seinen bedeutendsten Aufklärer vergisst

Klaus Jürgen Schmidt

Nienburg/Weser (Weltexpresso) - Im September 1981 wartete ich auf der Bühne des Bremer Übersee-Museums mit dessen Direktor Herbert Ganslmayr auf das Zeichen für den Beginn meiner ersten „Matinee in Übersee“, live übertragen von Radio Bremen, vom RIAS Berlin, vom Deutschen Programm der Deutschen Welle und mit einer Satelliten-Schaltung zu einem Partner-Sender auf Sumatra in Indonesien. Doch es war nicht etwa eine Sendung v o n Radio Bremen. Dessen Chefredakteur hatte mich mit meiner Idee zur Unterhaltungsredaktion geschickt. Dort hielt man mein Konzept für einen „Unterhaltsamen Nord-Süd-Dialogs“ für „zu politisch“.

Direktor Herbert Ganslmayr kam zu Hilfe und offerierte mir Büro und Bühne seines Museums als Asyl. Die drei Hörfunk-Sender übernahmen von dort mein Programm, Radio Bremen stellte nur den Übertragungswagen. Wie das zustande kam und was mich als Journalist noch mit Herbert Ganslmayr verbunden hat, kann nachgelesen werden in meinem soeben bei Bremer Kellner-Verlag erschienenen Buch „Wie ich lernte, die Welt im Radio zu erklären“ (www.radiobridge.net)

Fast vierzig Jahre später geben neue Entwicklungen Anlass, zu fragen, wie es sein konnte, dass in Bremen Herbert Ganslmayr vergessen wurde:

„Seit einigen Jahren wird endlich über Deutschlands koloniale Vergangenheit geredet, über Ausbeutung, Raubkunst und die Verantwortung, die wir tragen. Hamburg, das sich gern als Kaufmannsstadt präsentiert, galt im 19. Jahrhundert als koloniale Metropole Europas. Jetzt beschäftigt sich erstmals eine große Ausstellung mit der kolonialen Vergangenheit der Hansestadt und den Folgen bis heute. 'Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand' heißt das Projekt, das im Museum der Arbeit gezeigt wird.“ Annette Schneider / NDR / 29.09.2020

ERST SEIT EINIGEN JAHREN?

O.K., schon am 16.11.2019 schrieb Benno Schirrmeister in der taz-Nord:

„... So langsam beginnen auch deutsche Museen, die Herkunftsgeschichte von Objekten zu erforschen, die aus ehemaligen Kolonien stammen. Oft gaben ihre damaligen Besitzer sie nicht freiwillig her, von Gleichheit konnte sowieso keine Rede sein. Doch reicht es, eigene Räume für das Thema einzurichten, oder ist nicht vielmehr die Rückgabe fällig? ... In den Museen gibt es vielfach Ängste, abgeben zu müssen, was zu Unrecht erworben wurde. Es gibt Sorgen, die Grundidee der eigenen Sammlung zu verlieren. Sie sind begründet: Denn es ist klar, dass beides geschehen muss. Bremens Überseemuseum leistet da Pionierarbeit. ... Die Impulse der zivilgesellschaftlichen Akteure, dem panafrikanischen Verein und dem Afrika-Netzwerk Bremen, vom Informationszentrum für Menschenrechte und vom Institut für postkoloniale Studien der Uni haben Wirkung gezeitigt. Im Jahr 2016 hatte die Bürgerschaft schließlich ein „Erinnerungskonzept Kolonialismus“ beschlossen, das auch vorsieht, „sich in Gesprächen mit dem Überseemuseum für einen Ausstellungsschwerpunkt Kolonialismus einzusetzen“. Und dann ist da noch Museumsdirektorin Ahrndt, die das Thema schon lange umtreibt.“

Zwei Tage später schrieb ich an den Autor:

„Ich finde keine Erklärung dafür, dass in Ihrem umfangreichen Artikel zu Geschichte und Raubkultur des Bremer Übersee-Museums ein Mann nicht gewürdigt worden ist, der als Direktor dieses Museums (1975-1990) die Debatte überhaupt erst angestoßen hat: Dr. Herbert Ganslmayr (z.B. als Vorsitzender des ICME - International Committee for Museums of Ethnography - von 1974 bis 1980 sowie von 1986 bis zu seinem Tode.) Ganslmayr veröffentlichte mit Gert von Paczensky 1984 das Buch „Nofretete will nach Hause“. Er starb während einer Konferenz der UNESCO, die sich mit der Rückgabe von geraubtem Kulturgut an die Herkunftsländer beschäftigte.

Wie konnte das geschehen? Es grüsst Klaus Jürgen Schmidt ... besonders betroffen, weil ich Herbert Ganslmayr als einen großen Unterstützer überfälliger Nord-Süd-Kommunikation kennen- und schätzengelernt habe.

Antwort am selben Tag:

Lieber Klaus Jürgen Schmidt, auch ein umfangreicher Artikel muss sich beschränken. Mir schienen die gegenwärtigen Stimmen in diesem Fall für das Anliegen meines Textes relevanter. Vollständigkeit herzustellen war definitiv weder möglich, noch die Absicht. Mit freundlichen Grüßen, Benno Schirrmeister

„... weder möglich, noch die Absicht ...“? Und Museumsdirektorin Ahrndt ... „die das Thema schon lange umtreibt“ ... kam nicht auf die Idee, den Journalisten darauf hinzuweisen, dass es Direktor Herbert Ganslmayr war, der national und international vom Bremer Übersee-Museum aus museale Entkolonialisierung forderte.

Ich bin bis heute in Bremen offenbar der Einzige, der dieses Verdienst kennt und zu würdigen weiß.

HALT!

Es gibt vielleicht noch jemanden: Bremens einstiger Bürgermeister Henning Scherf. Dieser hatte im März 1990 auf seiner Reise zur Unabhängigkeitsfeier Namibias bei uns in Zimbabwe Zwischenstation eingelegt. Wissend, dass Herbert Ganslmayr mein Rundfunk-Projekt „Matinee in Übersee“ Anfang der Achtziger Jahre tatkräftig unterstützt hatte, rückte er mit der Frage heraus, wie er sich jetzt positionieren solle, wo dem Direktor des Bremer Übersee-Museums in Bremen eine unklare Finanzierung der Ausstellung „Zarengold“ vorgeworfen würde. Wir beide waren uns einig, dass Ganslmayr angesichts seiner unpoulären Restitutionsforderungen möglicherweise Opfer einer gezielten Rufschädigung gworden war. Aus Bremen drang ein Jahr danach zu mir nach Afrika die Nachricht, Herbert Ganslmayr sei in Athen an einem Herzversagen gestorben. Im Juli 1991 hieß es in einer Würdigung der ICOM-News:

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