adamovEin 75. Gedenktag ohne offizielle Resonanz

Kurt Nelhiebel

Bremen (Weltexpresso) - Vor 75 Jahren, am 1. Dezember 1946, ging eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte zu Ende: Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Heute lebt  kaum noch jemand mit eigenen Erinnerungen an den erzwungenen Heimatverlust.

Begonnen hatte das Unheil 1933 mit der Machtübernahme der Rechtsextremisten in Berlin unter Führung Adolf Hitlers. Zur Tarnung nannten sie sich Nationalsozialisten. Sie übernahmen mit zwei Begriffen, die den Hoffnungen der konservativen Bürgertums und den Erwartungen der Arbeiterschaft gleichermaßen entsprachen. In den industriell geprägten und überwiegend von Deutschen besiedelten Randgebieten der 1918 entstandenen Tschechoslowakischen Republik scharten sich die so genannten Sudetendeutschen um Hitlers Statthalter Konrad Henlein, dessen Ziel die Ausrottung der Tschechen in Böhmen und Mähren war.

Die Rechnung wurde ihnen nach der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands präsentiert. „Njemci ven!“ lautete die Parole – Deutsche raus! Damit sich nie mehr wiederholt, dass die deutsche Minderheit  in der Tschechoslowakei und in Polen von politischen Brandstiftern für nationalistische Zwecke missbraucht wird, stimmten die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges auf der Potsdamer Konferenz ihrer Aussiedlung und Verfrachtung in das alte deutsche Reichsgebiet zu. Erfolgen sollte das  in „ordnungsgemäßer und humaner Weise“. Betroffen waren  etwa 15 Millionen Deutsche.

Am 14. Oktober 1945 wehrte sich der tschechische Präsident Edvard Benesch gegen den Vorwurf, die Tschechen ahmten die  „grausamen, unzivilisierten Methoden“ der Nazis nach. Die Regierung werde auf keinen Fall dulden, dass „der gute Ruf der Republik durch unverantwortliche Elemente beschädigt“ wird. Den deutschen Antifaschisten versprach er, dass sie bleiben könnten. Die von offizieller Seite betriebene Politik nahm jedoch auch ihnen die Luft zum Atmen, sodass sich die meisten entschlossen, ihre Heimat ebenfalls zu verlassen. Die Kommunisten übersiedelten in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands, die Sozialdemokraten in die drei westlichen Besatzungszonen.

Dort trafen  sie in den Vertriebenenverbänden auf ihre alten Widersacher, die im Handumdrehen ihren Einfluss auf die aus Böhmen und Mähren stammenden Deutschen  zurückerlangt hatten. Manch einer von ihnen, wie zum Beispiel der sozialdemokratische Haudegen Wenzel Jaksch, war sich während des Kalten Krieges nicht zu schade, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen und ein „deutsches Sudetenland“ zur Voraussetzung für ein geeintes Europa zu machen.

Das Werben um die Stimmen der Vertriebenen endete im Gefolge der Entspannungspolitik von Willy Brandt. Seit dem Abgang von Erika Steinbach und ihrer Parteinahme für die  AfD spielen die Vertriebenen als politische  pressure group keine Rolle mehr. Nicht von ungefähr  ist der heutige 75. Jahrestag des Endes der Vertreibung der Deutschen  aus der Tschechoslowakei ohne offizielles Echo geblieben.

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