Erfahrungen mit einem Chefredakteur, der das nicht wollte

Klaus Jürgen Schmidt

Norddeutschland (Weltexpresso) – 1973 war ich von einer Recherchereise aus Vietnam zurückgekehrt, bei der nicht Kriegsverlauf, sondern das daraus folgende Kinderleid im Mittelpunkt stand. In Saigon hatte mir u.a. ein Kameramann von seiner Arbeit für ZDF-Sonderkorrespondent Scholl-Latour erzählt: Es sei lebensgefährlich, in unbekanntem Gelände zu filmen – Minen auf abgelegenen Straßen, Fallen auf Dschungelwegen! “Man muss sich zu helfen wissen,” hatte er gegrinst, “für ein paar Piaster gibt es immer ein paar Kinder, die vorweg gehen!”


Ein Konzept für Dritte-Welt-Berichterstattung müsste her, dachte ich, als mir klar wurde, woraus das durchschnittliche Korsett eines ausländischen Berichterstatters genäht sein muss, wenn es in einem hierarchischen Aufstiegssystems hilfreich sein soll; Muster-Vorgaben aus der Heimatredaktion sind da eher von Vorteil als neue Moden.

Im März 1974 legte ich mein Konzept dem neuen Chefredakteur bei Radio Bremen vor; der hieß Gert von Paczensky. Dank seiner Erfahrungen bei der publizistischen Aufarbeitung des französischen Kolonialkrieges in Algerien fand ich einen aufmerksamen Gesprächspartner und Förderer für Grundsätze journalistischer Arbeit, die ich so formuliert hatte:

> “Die Berichterstattung über Situation, Strukturen, Entwicklungen und Beziehungen der Dritten Welt – vornehmlich im Hörfunkbereich – bedarf einer Systematisierung, die sich abwendet vom kurzatmigen Interesse, oft lediglich ausgelöst durch spektakuläre Ereignisse und rasch erlahmend bei nachlassender Aktualität.”

> “Die Sammlung von Fakten darf sich nicht auf die Erstellung immer neuer Mosaike beschränken; vielmehr müssen immer wieder Zusammenhänge herausgearbeitet werden, ökonomische, politische, ideologische Interessen müssen deutlich werden.”

> “Rückwirkungen auf unser eigenes gesellschaftliches Selbstverständnis – die zweifellos zur Hauptaufgabe der gesamten Arbeit gehören – sind aber nur zu erreichen, wenn die Informationen in einer Weise geliefert werden, die Aufnahmebereitschaft weckt.”

Drei Jahre lang, von Dezember 1974 bis Dezember 1977, ermöglichte ein unkonventioneller Chefredakteur mit seiner Verfügungsgewalt über Etat und Sendeplätze – und mit sachkundigem Rat – ein Experiment außerhalb von Korrespondenten-Zwängen der ARD, das mich unter Menschen in Lateinamerika, in Südostasien, in der arabischen Welt lehrte, wie zwischen unterschiedlichen Kulturen Brücken gebaut werden können.

Diese Erfahrungen halfen mir später – zwischen 1993 und 2000 – einen globalen und regelmäßigen Zugang zu authetischen Stimmen aus Afrika zu schaffen, mit der überregionalen Trainings- und Produktionseinrichtung von "Radio Bridge Overseas" in Harare / Simbabwe.

Zwei Prinzipien zeichneten die Programmarbeit von RBO aus: das erste Prinzip setzte den Schwerpunkt auf die Sichtweise von Laien. Afrikanische Kolleginnen und Kollegen nahmen ihre Mikrofone mit zu den Menschen in ihrem Alltag, am Straßenrand, in Tanzhallen, dort, wo Menschen auf dem Kontinent zusammenkommen, und sie sammelten so Perspektiven mit einem neuen Verständnis. Der zweite Aspekt der Programmarbeit von RBO war die Rolle, die den Autoren in ihren Geschichten zukam. Tatsächlich wurden sie keineswegs ermutigt, sich aus ihren Geschichten herauszuhalten, im Gegenteil, sie sollten ihre eigene Haltung nicht verschweigen. Gerade weil RBO eine unabhängige Organisation war, meinten wir, dass es nur fair sei, wenn die Hörer verstünden, dass RBO’s Autoren immer aktiver Bestandteil ihrer Umgebung blieben. Es war diese Philosophie, die RBO’ afrikanische Geschichtenerzähler dazu bewog, sich als Teil ihrer Geschichte zu begreifen, und viele mögen Sätze benutzt haben wie "... in meiner Gesellschaft ...", "... war mein Freund ..." oder "... ich hatte Angst ..."

Die ARD erklärt auf ihrer Website:
“Die Korrespondentinnen und Korrespondenten im In- und Ausland sind das Rückgrat der ARD-Nachrichtensendungen – sowohl im Fernsehen als auch im Hörfunk und Online. Sie machen die besondere Qualität unserer Berichterstattung aus. Ob mit Berichten und Reportagen oder live zugeschaltet vom Ort des Geschehens: Die Fernseh- und Radio-Korrespondenten der ARD informieren aktuell und kompetent. ...

SWR-Auslandsreporter Peter Puhlmann, seinerzeit mit Sitz in Mexico-City. Hatte folgendes anzumerken:
„Wir betreuen mehr als 20 Länder, darunter Mexiko, Zentralamerika, die Karibik und das nördliche Südamerika. Eigentlich sind wir eher ein Reisebüro, weil wir immer unterwegs sind.“

Ungefähr zu der Zeit, da private Medien in den deutschen Rundfunk- und Fernsehmarkt drängten, behaupteten in den öffentlich-rechtlichen Anstalten neue Quoten-Kontrolleure, Studien zufolge lasse die Aufmerksamkeit der Zuhörer nach ca. 3,5 Minuten nach, weshalb die Beiträge meist nicht länger sein sollten. “Sei fleißig! Drei-dreißig!” wurde zur Maßgabe, bald unterboten von “Eins-dreißig!” für Auslandskorrespondenten, die nun auch 24-Stunden-Aktualitäten-Magazine von ARD-Anstalten zu bedienen hatten.

Ich war dabei, als dieser Unfug auch bei Radio Bremens “Zeitfunk” eingeführt wurde und sich unter den Korrespondenten schließlich ein Kollege in Neu-Delhi bereit fand, sich zur Premiere für einen “Eins-dreißig”-Aufsager am Telefon bereitzuhalten.
Von diesem Telefon kamen er und immer mehr Auslandskolleginnen und -Kollegen bald nicht mehr weg! Unter dem Druck, Sendezeiten mit original klingendem Material vor allem von weit weg zu füllen, nahmen Heimatredaktionen ihren Mann / ihre Frau vor Ort immer öfter an die Strippe.

Am 21. August 2014 erwies ich auf dem Kölner Melatenfriedhof meinem Mentor Gert von Paczensky die letzte Ehre, wir begruben ein journalistisches Urgestein. Begruben wir auch einen journalistischen Anspruch, z.B. den, Brückenbauer zwischen Kulturen zu sein?

Was wäre nötig für einen solchen Brückenbau ?

Fünf Forderungen für einen radikalen Umbau von Programm-Verständnis – nicht bloß in Sachen Dritte-Welt-Berichterstattung:

1. In erster Linie, den Brückenbauern Zeit zum Eintauchen in den Alltag ihrer jeweiligen Gastkultur verschaffen, indem sie eben nicht mehr “Rückgrat der ARD-Nachrichtensendungen” sein müssen, jederzeit erreichbar für “Aufsager” nach Zeitplan und Vorgabe von Heimatredaktionen.

2. Mit wachsendem Verständnis der Brückenbauer wäre ihre primäre Aufgabe, immer mehr authentische Quellen zu erschließen und diesen vor Ort mit Übersetzung und Technik zu helfen, für sich selber ein Fenster in die Welt ihnen fremder Medien zu öffnen, also selber Korrespondenten eigener Angelegenheiten zu werden.

3. Als Konsequenz in den Heimatredaktionen: erheblich verstärkte Kooperation mit international arbeitenden Nachrichtenagenturen und kontinuierliche Verwendung von deren angeliefertem Material in deutlich ausgewiesenen Nachrichtenblöcken, mit klarer Quellen-Angabe, aber durchaus in eigener redaktioneller Bearbeitung.

4. Kompletter Verzicht auf “Häppchen”-Journalismus durch ARD-eigene Auslandsberichterstatter in aktuellen Magazinen, statt dessen ständiger Freiraum für Originalstimmen zu aktuellen Zeitfragen, kompetent gesammelt, editiert, deutsch synchronisiert, und ständig angeboten von den jeweiligen ARD-Auslandbüros, deren nobelste Aufgabe es wäre, dabei weder politische noch ideologische Filter zuzulassen.

5. Neben dieser Brückenbau-Funktion in einer fremden Kultur würde sich die Kompetenz eines ARD-Auslandskorrespondenten darin erweisen, ob und wie es ihm/ihr gelingt, seine/ihre Erfahrungen grundsätzlich zu reflektieren und dabei in gelegentlich umfangreicheren Programmen und unter Einsatz diverser Formate Hörer- oder Zusschauer-Interesse zu mobilisieren.

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©ARD

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