Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 15. Januar 2026, Teil 4Redaktion
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Es gibt eine Szene, die sich in Form und Länge stark von den anderen unterscheidet: Gretes Aufnahmeprüfung an der Universität. Darin steht sie einer Gruppe von Professoren gegenüber, allesamt Männer, die sie bevormunden. Es gibt eine große Kluft zwischen diesem Machtgefälle im Jahr 1908 und der beinahe freundschaftlichen Beziehung, die Professor Wong im Jahr 2020 zu Frauen aufbaut. Wollten Sie darauf eingehen, wie sich die Beziehung zwischen Männern und Frauen, sei es in sexueller, sozialer oder politischer Hinsicht, im Laufe eines Jahrhunderts, weiter entwickelt hat?
Das letzte Jahrhundert war ein Jahrhundert des Wandels der Geschlechterrollen. Eine Universität, an der neue und neue Generationen ihr Erwachsenenleben beginnen, ist ein geeigneter Ort, um darüber nachzudenken. Alle drei menschlichen Charaktere sind in ihrer eigenen Zeit verwurzelt. Grete muss in einer rein männlichen Umgebung überleben, die sie als nicht gleichwertig betrachtet. Die Frisuren, die strengen Gewänder, die steril wirkenden Fakultätsgebäude, sogar die kleinen Eisenzäune um die gepflegten Rasenflächen im Botanischen Garten vermitteln ein Gefühl von ewiger Beständigkeit. Allein Gretes Anwesenheit in diesem Umfeld ist eine Rebellion. Neben diesem unfairen Machtspiel zwischen den Professoren und ihr geht es in dieser Szene auch um den Inhalt von Gretes Prüfungsthema selbst – um Karl von Linnés System zur Kategorisierung von Pflanzen nach ihrer Sexualität. Pflanzen vermehren sich nicht nur, sie haben auch eine Sexualität, eine Sinnlichkeit. Dies ist der provokante Gegenstand von Gretes Aufnahmeprüfung und zugleich ein bestimmendes Motiv des gesamten Films.
Gundula (Marlene Burow), die Angebetete unseres schüchternen, introvertierten Hannes, ist in einer weiteren Episode meines Films ein selbstbewusste junge Frau, die die neu gewonnene Freiheit ihrer Zeit voll auskostet - aber auch sie spürt trotz all ihrer Selbstsicherheit, dass sie ihre innere Stärke immer wieder nach außen unter Beweis stellen muss. Auch das Leben auf dem Campus und im Garten ist in den 1970er Jahren plötzlich ganz anders, als zur Jahrhundertwende bei Grete. Im hohen, wild wuchernden Gras philosophieren bunt gekleidete junge Menschen beiderlei Geschlechts mit langen, wild wuchernden Haaren und Bärten über die großen Fragen des Lebens.
Alice, diese junge, aber bereits weltbekannte Wissenschaftlerin, ist für Tony im Jahr 2020 wie eine Mentorin. Die beiden sind gleichberechtigt und werden in ihrem jeweiligen Fachgebiet verehrt, aber Tony begibt sich auf Alices Terrain, wo er selbst ein Anfänger ist. Die jüngere Frau wird zur Mentorin – auf eine entspannte, natürliche Art und Weise. Eine meiner liebsten Szenen von Tony ist diejenige, in der er, nachdem er auf dem geschäftigen deutschen Campus angekommen ist, mit einer Tasse Kaffee in der Hand durch die Fenster der Cafeteria hindurch die Studenten beobachtet, die draußen rauchen und sich unterhalten. Es sind junge Menschen beiderlei Geschlechts und jeder Hautfarbe, die aus fern und nah gekommen sind, um in dieser mittelalterlichen Stadt zu studieren. Ihre ungezwungene, herzliche und lebendige Kommunikation untereinander steht in scharfem Kontrast zum starren Campusleben von 1908.
Der Ginkgobaum, unsere pflanzliche Hauptfigur, ist weiblich. Denn in unserem botanischen Garten gibt es keine männlichen Bäume. Eine einsame Seele also... Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass dieser kleine Hauch von Humor zum Ausdruck kommt, wenn Alice und Tony gemeinsam diesem mehrere Jahrhunderte alten Baum zu seiner ersten „sexuellen Erfahrung“ verhelfen.
Hatte dieser Wunsch nach einer sinnlichen Erfahrung für die Kinozuschauer bei SILENT FRIEND auch einen Einfluss auf die Besetzung?
Ja, aber auch unsere Hauptfigur, der Ginkgobaum, sollte eine ganz besondere Sinnlichkeit mitbringen – wir haben daher drei Ginkgos unterschiedlichen Alters, aber mit einer ähnlichen Form für unseren Film gefunden. Wir haben viel diskutiert und dann viele Tage mit einem kleinen Team und dem Kameramann Gergely Pálos verbracht, um diese elementare, üppige Sinnlichkeit einzufangen und sie auf die Leinwand zu bringen. Wir sind keine ausgebildeten Naturfilmer und haben daher viel über Aufmerksamkeit, Geduld und Wachsamkeit und über die Notwendigkeit, uns an einen anderen Rhythmus anzupassen, gelernt.
Die Haupthandlung ist eine unbeholfene, unsichere Begegnung zweier stiller Wesen: Ein mächtiger Baum trifft auf einen einsamen Wissenschaftler, der voller verborgener Schmerzen, Sehnsucht und Zärtlichkeit ist. Ich habe diese Rolle für Tony Leung geschrieben. Ich brauchte dafür nicht nur den brillanten Schauspieler, sondern auch den Menschen, den ich hinter ihm spürte, als ich einige seiner Interviews sah. Meine Produzenten versuchten mich zu überzeugen, jemand anderen zu finden. Wie sie sagten, ist er sehr wählerisch, lehnt die meisten Angebote ab und hat noch nie einen europäischen Independent-Film gedreht. Ich bin so dankbar, dass er das Risiko eingegangen ist und die Rolle sofort nach dem Lesen des Drehbuchs angenommen hat. Noch dankbarer bin ich dafür, dass er sich mit den tieferen Ebenen des Drehbuchs identifizieren konnte. Bei unserem ersten Zoom-Meeting haben wir nicht über die Rolle gesprochen, sondern über diese verborgenen und für mich so wichtigen Ebenen. Wir haben uns ein halbes Jahr lang gemeinsam vorbereitet, uns ausgetauscht in Bezug auf die neurowissenschaftlichen Forschungen zum Thema Bewusstsein und auf die Forschung zur Kommunikation zwischen Pflanzen.
Als Spielpartnerin für diesen eigenwilligen Professor brauchte ich jemanden mit einer ebenso starken, charismatischen Präsenz - deshalb habe ich Alice Léa Seydoux für die Rolle angefragt. Ihr Charisma ist so stark, dass es die Einschränkung, nur über Bildschirme mit Tony in Kontakt zu sein, mühelos überwindet. Die jeweilige Isolation, die Tony und Alice in Marburg und Paris erleben, ist das Leitmotiv des Films – allein zu sein und sich nach Verbindung sehnen.
Ich hatte bereits mit Luna Wedler zusammengearbeitet, war begeistert und es war irgendwie selbstverständlich, sie für die Besetzung der Rolle Grete in Betracht zu ziehen. Sie ist eine Naturgewalt, zerbrechlich und robust zugleich, mit einem großartigen Sinn für Humor. Ich sollte ihr irgendwann einmal eine komische Rolle schreiben ...
Wir haben fast ein Jahr gebraucht, um den Darsteller Hannes zu finden, mit seinem jungenhaften, tollpatschigen, schlaksigen Charme. Ich bin Nina Haun, der Casting-Direktorin, wirklich dankbar, dass sie Enzo Brumm, diesen jungen, talentierten Schauspieler, entdeckt hat.
Seine Partnerin, die strahlende Marlene Burow, hat ihr großes Talent bereits in mehreren Filmen unter Beweis gestellt. Ihre beeindruckende Präsenz, Kraft, Intelligenz und elementare Sinnlichkeit sagen mehr als jeder Dialog.
Die Besetzung ihres Films mit einem asiatischen Schauspieler, einer französischen und einer Schweizer Schauspielerin und deutschen Schauspielern sowie die Produktion des Films in Deutschland, Ungarn und Frankreich sagen auch etwas über die Universalität dieses Projekts aus...
Es handelt sich um einen überwiegend deutschsprachigen Film, der in einer mittelalterlichen Stadt mit einer mehr als 500 Jahre alten Universität spielt. Die Menschen, die hier studieren oder in den hochmodernen, weltbekannten Labors forschen, sind so außergewöhnlich wie unsere Besetzung – die neben Tony Leung und Léa Seydoux ausschließlich aus deutschen Schauspielern wie Sylvester Groth, Martin Wuttke oder Rainer Bock besteht. Ich möchte ihnen für ihre Großzügigkeit danken, dass sie die Bedeutung dieser Rollen erkannt und verstanden haben, auch wenn es nur wenige Drehtage waren. In unserem Film ist keine Szene vernachlässigbar - daher brauchte ich besonders starke Schauspieler, die eine facettenreiche, vielschichtige Darstellung für eine Rolle mit kurzer Bildschirmpräsenz liefern.
Alle unsere Helden – Pflanzen wie Menschen – sind Außenseiter. Sie sind nicht Teil des Systems – sie sind einsame Seelen. Die Pflanzen eines botanischen Gartens werden aus ihrem eigenen Lebensraum, aus dem reichen Zusammenleben verschiedener Arten, herausgerissen und in diesen fernen Garten gebracht, damit die Menschen sich an ihrem Anblick erfreuen können. Was wir heute über Zoos denken, könnte man auch über botanische Gärten sagen. Aber der Ginkgobaum ist noch einsamer, als die anderen Pflanzen um ihn herum. Er steht inmitten einer Spezies, die ihn fast ausgerottet hätte. Grete ist die einzige Studentin auf einem rein männlichen Campus. Hannes, ein Junge, der von einem Bauernhof kommt, findet seinen Platz in diesem intellektuellen Umfeld nicht. Tony kommt von einem anderen Kontinent. Es geht nicht nur um die Schwierigkeiten, sondern auch um die Freiheit, die Intensität des Alleinseins, des Außenseiterdaseins. Man hat eine größere Chance, etwas Neues zu entdecken, wenn man die Routine der anderen vor Augen hat.
Wo befindet sich dieser schöne Baum und Garten?
Ich habe einen wunderbaren deutschen Ehemann, einen Literaturliebhaber aus Nordrhein-Westfalen, der mir vor 35 Jahren diesen alten, charmanten botanischen Garten mitten in Marburg gezeigt hat. Ich weiß, wie er sich verändert hat, ich kenne bestimmte Bäume darin. Neben dem kleinen Teich in diesem Garten liegt ein riesiger umgestürzter Baumstamm, der heute vielen Insekten und Pilzen als Lebensraum dient. Ich sah ihn wie eine imposante, hoch aufragende Trauerweide, die Schatten auf das Wasser warf.
Wie fühlt es sich am Ende dieses Prozesses an, einen Film über die Bedeutung des Verständnisses der Wissenschaft zu drehen – in einer Zeit, in der die Wissenschaft geradezu bekämpft wird von bestimmten Kräften?
Vielen Dank für diese Frage. Denn SILENT FRIEND soll auch eine Mahnung sein, den wertvollsten und schönsten Aspekt der Menschheit nicht wegzuwerfen, sondern ihn zu verteidigen, zu schützen und zu fördern – nämlich wissenschaftliche Forschung zu respektieren und zu schätzen.
„Zarte Empirie“ – zarter Empirismus. Dieser Begriff Goethes für partizipative Wissenschaft, bei der der Forscher kein gottgleicher objektiver Beobachter ist, sondern ein fester Bestandteil des Experiments, beschreibt am besten, womit sich unsere menschlichen Protagonisten Tony, Grete, Hannes und Gundula beschäftigen. Sie tun dies mit der naiven, leidenschaftlichen Neugier eines echten Wissenschaftlers.
Foto:
©Verleih
Info:
Stab
Drehbuch und Regie Ildikó Enyedi
Besetzung
Tony Leung Chiu-Wai Tony
Luna Wedler Grete
Enzo Brumm Hannes
Sylvester Groth Anton
Martin Wuttke Herr Fuchs
Johannes Hegemann Thomas
Rainer Bock Prof. Winterhalter
Léa Seydoux Alice Sauvage
Abdruck aus dem Presseheft