Tagesmutter 5162Langjährige und neue Tagesmütter in Schlüchtern

Hanswerner Kruse

Die Weinings in Ramholz
Barbara Weinings Kindertagespflegestelle, wie es im besten Bürokratendeutsch heißt, ist eine Villa mitten in Ramholz. Die großzügigen Räume sind nur für die pädagogische Betreuung der Kinder da. Denn irgendwann wollte die Tagesmutter in ihrem Haus kein Plastikbesteck mehr im Schrank und keine Windeleimer im Badezimmer.

Sie zog in eine andere Wohnung und baute das Elternhaus für ihre Tagespflege um. Aber das Familiäre spielt dennoch weiterhin eine wichtige Rolle in ihrer Arbeit. Schon als junges Mädchen engagierte sich Weining in der Nachbarschaft als Babysitterin und absolvierte später die Ausbildung als Erzieherin. „Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten, ist einfach ein Traum“, begeistert sie sich immer noch. „Man bekommt so viel Vertrauen von den Eltern und Kindern zurück. Ich kann mir keine andere Arbeit vorstellen.“

Vor zwanzig Jahren begann sie als Tagesmutter, um ihre Arbeit mit den Bedürfnissen der eigenen drei kleinen Kinder abzustimmen. „Das ist ein Job, den man nur in der eigenen Familie und mit ihrer Unterstützung machen kann“, weiß sie. Ihre älteste Tochter Lisa-Marie, mittlerweile 22 Jahre alt, wurde von ihr als Tagesmutter betreut und entwickelte selbst früh den Wunsch, ebenfalls „was mit Kindern zu machen.“ Weining war zwar erfreut, ermunterte die Tochter jedoch zunächst anderes zu probieren. Lisa-Mari lernte Altenpflegehelferin, arbeitete auch gerne mit den Senioren, fand jedoch die Arbeitsbedingungen katastrophal.

Nach zwei Jahren entschloss sie sich, doch die Ausbildung beim Main-Kinzig-Kreis zu bewältigen. Montags und samstags beschäftigte sie sich in den Kursen mit Fragen zur Kindeswohlgefährdung, etwa durch häusliche Vernachlässigung. Sie lernte die Notwendigkeit und Hilfsmittel pädagogischer Förderung im Alltag. Bei unserem Besuch war sie noch recht aufgeregt, weil die Prüfung anstand, die sie mittlerweile erfolgreich bewältigte. Im Nachbarhaus ist ihre Kindertagespflegestelle bereits vorbereitet. Alles ist etwas kleiner als nebenan, das „Heia-Zimmer“ hat nur zwei Betten. Ab Anfang August darf sie zeitgleich zwei Kids betreuen, ihre erfahrene Mutter im Nachbarhaus mittlerweile fünf. Die beiden Gruppen dürfen sich gegenseitig besuchen, gemeinsam essen oder zusammen Aktivitäten unternehmen.

Lisa-Marie betreute die achtmonatige Amelie als Babysitterin - doch damit ist jetzt Schluss: Tagesmütter sind keine Aufpasserinnen, sondern pädagogische Fachkräfte. Tagesstruktur und Rituale geben den Kindern Sicherheit und Vertrauen. Sie kommen morgens ab 7 Uhr und frühstücken um halb 9 Uhr. Danach wird bei fast jeder Witterung gemeinsam etwas unternommen, sie gehen in den Schlosspark, zum nahen Bauern, gießen Blumen auf dem Friedhof. Oder sie drehen größere Runden für ein Picknick im Grünen oder zur Tierschau auf dem Acis. Ab 11 Uhr wird gemeinsam gekocht und gegessen. Die Kleinen sind immer eingebunden in die alltäglichen Aktivitäten, die sie bewusst erleben sollen. Nach dem Essen schlafen sie, bis spätestens 15 Uhr werden sie abgeholt.

Tagesmutter 5178
Steffi Rasch in Schlüchtern
„Schön wird es hier, im Kopf ist es bereits schön“, meint Steffi Rasch, die frisch gekürte Tagesmutter. Sie ist glücklich, obwohl sie noch irrsinnig viel Arbeit vor sich hat: Im Garten liegen mächtige Gummitiere und andere Großspielzeuge zwischen Balken und Zäunen zum Abtrennen des Kinderbereichs herum. Die Zimmer für die Tagespflege „Haselmaus“ müssen gestrichen und eingerichtet werden. Fast nebenbei arbeitet die Vierzigjährige ihre letzten Tage als Friseurin. Über zwei Jahrzehnte lang war sie in diesem Beruf, nun beginnt am 1. September ihre neue Arbeit, wenn die ersten zwei Kids zu ihr kommen. Sie meint: „Natürlich ist es Zeit für Neues, allerdings mein Spaß mit Kinder zu arbeiten und sie in ihrer Entwicklung begleiten zu dürfen, geht dem noch voraus.“

Schon beim Haareschneiden kam sie gut mit Kids klar und die Entwicklung ihrer eigenen, jetzt sechsjährigen Tochter fand sie spannend. Eine Ausbildung als Erzieherin interessierte sie, doch die wäre zeitlich und finanziell nicht zu schaffen gewesen. Vor einiger Zeit nahm sie endlich  mal das Banner mit der Werbung für Tagesmütter ernst, das in ihrer Straße hing. Kurze Zeit später fand sie sich bereits in der praxisorientierten Ausbildung wieder, nachdem sie die Jonglage von Arbeit, Mann und Kind geklärt hatte. Doch durch die berufliche und familiäre Mehrfachbelastung fand sie die Ausbildung auch anstrengend. „Wenn ich nicht so viel Spaß dabei gehabt und mitgerissen worden wäre, hätte ich es nicht geschafft“, bekennt sie. Glücklicherweise konnte sie im Haus der Schwiegereltern am Schlüchterner Stadtrand nun noch das Souterrain und ein Stück Hof für die Pflegestelle bekommen.

In der bestandenen Abschlussprüfung vor wenigen Wochen musste sie eine Dilemma-Aufgabe lösen: Zum Tagesvater, von denen es leider viel zu wenige gibt, kam ein neues kleineres Kind in die Gruppe. Nun wollte seine ältere Tochter, die er dort auch betreut, wieder gewindelt und gefüttert werden. Nach einer halben Stunde Vorbereitung musste Rasch aufzeigen, wie sie mit diesem Dilemma umgehen würde. Ein Konzept für ihre neue Gruppe war ebenfalls Teil der Prüfung, darin begründete sie unter anderem auch die Möglichkeiten der Stadtnähe: Besuche mit den Kinder auf Spielplätzen, dem nahen Markt oder anderen urbanen Einrichtungen. In der Bibliothek könnten die Kids immer neue Bilderbücher erkunden. Und sie möchte mit den Kleinen Kitas besuchen, mit denen auch zusammen arbeiten, um ihren bald Dreijährigen den Übergang zu erleichtern. Natürlich ist auch die Familie mit eingebunden: Ihre Tochter wird nach der Schule hereinschauen, ihren Schwiegervater begrüßte das neue Tageskind gleich bei der Besichtigung mit dem Ruf: „Opi! Opi!“

Steffi 5526
Hintergrund:
Die pädagogische Ausbildung zur Tagespflege beim Main-Kinzig-Kreis war durch Corona etwas eingeschränkt. Sie dauert etwa eineinhalb Jahre - aber mit Pausen während der Schulferien und weiteren Unterbrechungen. Weitere Infos unter www.mitkindundkegel.de oder über Katja Stange 06661 962721 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Sie betreut die Tagespflege in Sinntal und Schlüchtern und sucht ständig neue Mütter oder Väter.

Foto
(c) Hanswerner Kruse
oben: Henry mit Lisa-Marie Weining (links), Charlotte und Leo im Bällchenbad, Barbara Weining mit Amelie
unten: Steffi Rasch mit ihrer Tochter Rosalie im Streichelzoo, den bald auch die neuen Kids nutzen dürfen.