Berlinale Chained 1Aus der Sektion Berlinale Panorama 2019, Teil 2/3

Claus Wecker

Berlin (WEltexpresso) - Der israelische Regisseur Yaron Shani war eine Entdeckung auf der Berlinale. Sein CHAINED ist ein lupenreiner Polzeifilm mit echten Polizisten, die Szenen aus ihrem Arbeitsleben nachspielen. Vorgegeben ist die Geschichte, ihre Struktur, aber die Dialoge sind spontan. Die Hauptfigur Rashi (Eran Naim), ein stiernackiger israelischer Cop aus dem Bilderbuch, kämpft gegen die tägliche Kriminalität, die wohl auch in Israel zunimmt.

Als er eine Gruppe Jugendlicher in einem Park wegen Drogenhandels verhaftet und auf der Wache auch die Unterhose ausziehen lässt, bekommt er Schwierigkeiten. Denn einer der Jungs ist der Sohn eines hohen Tieres. Weil Rashi die Gefahren kennt, die jungen Leuten drohen, ist er überfürsorglich zu seiner 13-jährigen Stieftochter Yasmin (Stav Patay), verbietet ihr, als Fotomodell zu posieren, und entfernt sie gewaltsam von einer abendlichen Parkparty. Seine schwangere Ehefrau Avigail (Stav Almagor) versucht vergeblich zu vermitteln und will sich schließlich von ihrem Law-and-Order-Ehemann trennen. CHAINED ist wie ein sich langsam steigernder Sturm, ein Film, der sich nicht um die Einteilung in Spiel- und Dokumentarfilm kümmert und in seiner Unmittelbarkeit an die Arbeiten von John Cassavetes erinnert.

CHAINED ist zudem der zweite Teil einer LOVE TRILOGY. Der erste Film lief im Filmmarkt und hinterließ einen gemischten Eindruck. STRIPPED erzählt von dem 17-jährigen Musiker Ziv, der vor seiner Einberufung in den Militärdienst seine Schüchternheit und Unschuld verliert. Seine 34-jährige Nachbarin Alice bekommt dies als Opfer einer K.-o.-Tropfen-Attacke am eigenen Leib zu spüren. Auch hier berührt der direkte Stil, nicht zuletzt in den Sexszenen, die konsequent – wohl der israelischen Zensur wegen – retuschiert wurden. Das Konzept der Trilogie bestehe darin, verschiedene Formen der Liebe zu zeigen, die so komplex seien wie das Leben selbst. STRIPPED konzentriert sich auf den sexuellen Aspekt und überzeugt dabei nicht immer.
 Films Hemmende war ihr zuwider. Bei den endlosen Wiederholungen in LETZTES JAHR IN MARIENBAD sagte sie sich: Weiter, weiter, das haben wir schon beim ersten Mal verstanden. LAWRENCE VON ARABIEN hielt sie für ein überhöhtes und verkitschtes Porträt – ihr wäre eine fiktive Wüstengeschichte lieber gewesen. Den großen Regisseur David Lean griff sie auf einer Kritiker-Gesellschaft so an, dass er eingeschüchtert fragte, ob er in Zukunft nur noch schmale Filme in 16 mm und schwarzweiß machen dürfe. Darauf die Kael: „Farbe ist erlaubt.“ Überhaupt verdammte sie Großproduktionen und breite Leinwand, womit die Frage nach ihrer Einschätzung heutiger Blockbuster schon beantwortet wäre.

Sie hatte mehr Testosteron hatte als ihre männlichen Kollegen, aber sie liebte auch die Filme, die sie für Meisterwerke hielt, inbrünstig: CITIZEN KANE und Orson Welles zu Recht, BONNIE AND CLYDE vielleicht etwas zu sehr, hier war ihre Lobeshymne eine gute Werbung für den Film. Manch einer kaufte sich den „New Yorker“ vor allem, um zu lesen, was Pauline Kael über Filme geschrieben hatte. Viele Zeitzeugen kommen zu Wort in dieser Dokumentation: ihre Tochter, Regisseure, Kollegen und Kolleginnen. Bob Garvers Film wirft einen wunderbaren Blick in ein Goldenes Zeitalter des Films – und der Filmkritik.

Foto:
Chained: © Berlinale