c geisterzug coverWiderstand und Kollaboration in Südfrankreich

Harald Freiling

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Am 30. Juni 1944 wurde das auch in französischen Dokumenten als Camp de Concentration bezeichnete Internierungslager Le Vernet d’Ariège in der Nähe von Toulouse geräumt. Über 700 vorwiegend kranke und arbeitsunfähige Widerstandskämpfer wurden im Güterbahnhof von Toulouse in einen Zug aus Güter- und Viehwaggons am 2. Juli 1944 verfrachtet und in diesem „Geisterzug“, wie ihn die Gefangenen nannten, in einer über siebenwöchigen Odyssee ins KZ Dachau deportiert.

Am 18. August mussten sie wegen zerstörter Brücken in Avignon und Roquemaure 17 Kilometer durch die Weinfelder nach Sorgues marschieren und wurden dort von der örtlichen Bevölkerung versorgt. Fast 100 Frauen und Männer überlebten den Transport nicht, sondern starben auf dem Transport durch Erschöpfung oder bei Luftangriffen oder wurden von Begleitsoldaten erschossen, 70 Gefangene konnten fliehen.

bokel karte342Der „Geisterzug“ steht im Mittelpunkt des Buchs von Gerhard Bökel, der die Tragödie aus Dokumenten und Gesprächen mit Zeitzeugen minutiös rekonstruiert. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dem Aufenthalt der Gefangenen in Sorgues, der späteren Partnerstadt von Wettenberg, das Bökel aus seiner Zeit als Landtagsabgeordneter und Landrat im Lahn-Dill-Kreis gut kennt. Bei seinen Gesprächen und Archivbesuchen stieß Bökel auch auf die Erinnerungen und Dokumente der Kollaboration und des Widerstands in Sorgues in der Zeit der Vichy-Regierung, die mit der deutschen Besatzungsmacht in allen Belangen zusammenarbeitete. In mehreren intensiven biografischen Porträts stellt Bökel Menschen vor, die in dem Geisterzug deportiert wurden:

Dem italienischen Antifaschisten Francesco F. Nitti, der bereits unter Mussolini als Widerstandskämpfer von der Gefangeneninsel Lipari fliehen konnte, gelang die Flucht aus dem „Geisterzug“ in der Haute-Marne kurz vor Erreichen der deutschen Reichsgrenze.Mit Robert Audion (92) konnte Bökel 2015 wenige Monate vor dessen Tod persönlich sprechen. Auch Audion gelang nach mehreren vergeblichen Versuchen die Flucht aus dem Zug, wo er sich bei einer französischen Familie im Departement Haute-Marne verstecken konnte.Die Brüder Raymond und Claude Lévy schlossen sich in Toulouse der 35. Brigade an, die sich nach der 35. Division der Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg benannte. Nach ihrer Flucht aus dem Geisterzug am 25. August, dem Tag der Befreiung von Paris, beteiligten sie sich im Maquis Fresnoy im Departement Haute-Marne an den letzten Kämpfen der Befreiung.Renée Lacoude war fast 100 Jahre alt, als Bökel sie und ihren Sohn Alain in einer Seniorenresidenz in der Nähe von Bordeaux traf. In Dachau bekam die junge Frau, die sich im Widerstand engagiert hatte und ihren kleinen Sohn zurücklassen musste, die Häftlingsnummer 93847. Von 1998 bis 2001 war sie Präsidentin der Amicale du train fantôme.Der Spanier Ange Avarez, der seiner Hinrichtung nach einem Todesurteil durch ein Kriegsgericht nur knapp entgangen war, floh aus dem Zug auf halber Strecke zwischen Bordeaux und Toulouse. Auch er kämpfte danach in der Résistance. Als Kommunist musste er im Nachkriegsfrankreich immer wieder mit seiner Ausweisung nach Franco-Spanien rechnen und erneut in die Illegalität abtauchen. Einen Grund, „das deutsche Volk zu hassen“, sieht er auch heute nicht: „Wir müssen die Freundschaft von Deutschen und Franzosen neu beleben und für ein brüderliches Europa kämpfen.“

Während einige Überlebende des Geisterzugs nach dem Krieg über ihre Erinnerungen sprachen und schrieben, gelang Bökel mit der Rekonstruktion der Biografie des 1902 in Algerien geborenen Imams Abdelkader Mesli mit Hilfe seines Sohnes Mohamed eine kleine Sensation. Der am 29. 8. 1944 in Dachau registrierte Häftling 94020 war während des Kriegs Imam der Großen Moschee in Paris. Seine Abordnung nach Bordeaux im Jahr 1943 erfolgte möglicherweise im Zusammenhang mit dem Verdacht der deutschen Besatzer, dass Mitarbeiter der Moschee Juden mit gefälschten Papieren ausgestattet haben. Das Personal der Moschee wurde nach einem Behördenvermerk vom 24.9.1940 „unter Strafandrohung aufgefordert, Praktiken dieser Art zu unterbinden“ (S.149). Bökel hält nach seinen Recherchen die von der Moschee selbst genannte Zahl von 1.700 geretteten Juden und Widerstandskämpfern für „nicht unrealistisch“. Am 5. Juli 1944 wurde Mesli in Bordeaux als Mitglied der Widerstandsgruppe ORA von der Gestapo verhaftet. Anfang Mai 1945 wurde Mesli aus der Krankenstation eines Außenlager des KZ Mauthausen am Ebensee befreit. Bis zu seinem Tod im Jahr 1961 war er als Imam insbesondere für das französisch-muslimische Hospital in Bobigny zuständig.

Der muslimische Teil des Widerstands ist auch in Frankreich noch weitgehend unerforscht. Gerade hier sieht Bökel „einen großen Nachholbedarf“. Die Recherchearbeit wird ihm so nicht ausgehen.

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Titel: Cover
Text: Bildquelle Landkarte „Le parcours du train fantôme“ © Amicale du train fantôme


Info:
Gerhard Bökel: Der Geisterzug, die Nazis und die Résistance. Zeitzeugenberichte und historische Dokumente während der Besatzungszeit und Kollaboration in Südfrankreich. Verlag Brandes & Apsel. Frankfurt 2017. 268 Seiten, zahlreiche Abbildungen. 29,90 Euro

Dieser Beitrag ist in der Märzausgabe der Hesssichen Lehrerzeitung erschienen, hier Abdruck mit freundlicher Genehmigung der HLZ-Redaktion und des Autors.