kpm Das Konzentrationslager Osthofen bei Worms ca. Herbst Winter 1933 34FRANKFURT LIEST EIN BUCH vom 16. bis 29. April, Teil 13 - Anna Seghers‘ Roman „Das siebte Kreuz“, Teil 4/5

Klaus Philipp Mertens

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Im Zuge der so genannten „Gleichschaltung“ beginnt auch in Osthofen, dem realen Vorbild für das Westhofen des Romans, eine nicht mehr abreißende Kette von NS-Propagandaveranstaltungen.

Politische Versammlungen, Appelle, organisierte Ausflügen, Spendenaktionen und Gedenkfeiern lösen einander ab. Mal werden die Einwohner direkt mit der Ideologie des neuen Staats konfrontiert, wie bei einem Referat mit dem Titel „Werden und Wesen der neugermanischen Gegenwart“, mal sind es subtilere Versuche der Einflussnahme wie Freundschaftsspiele zwischen der Osthofener Hilfspolizei gegen ein Regiment der Wehrmacht, oder es handelt sich um eine Flaggenparade im Scheinwerferlicht mit anschließendem großen Zapfenstreich. Auch das bereits länger erwartete Lager des Reichsarbeitsdienstes wird mit großem propagandistischen Aufwand eingeweiht.

Karl d’Angelos „Osthofener Zeitung“ vermeldet bereits 1933 die vermeintlichen Erfolge unter der Schlagzeile „Osthofen bleibt faschistisch“. Und die „Mainzer Tageszeitung“ wartet zur gleichen Zeit mit einem Bericht auf über die Jubelfeier zum „Tag der erwachenden Nation in Osthofen“. Dieser schließt mit dem Satz: „Der Terror in Osthofen hat sein Ende erreicht.“ Gemeint war selbstverständlich der „Terror“, den Demokratie und Marxismus aus Sicht der NSDAP verübt hatten.

Selbst fünfzig Jahre später und nach den nicht mehr zu leugnenden Verbrechen des Nationalsozialismus erschien in Osthofen aus Anlass des zwölfhundertjährigen Stadtjubiläums eine Chronik, die ohne jegliche Distanzierung die Nazi-Hymnen von einst übernahm:

„Nach dem Wahlsieg der NSDAP wehten Hitlerfahnen über allen Straßen ... Mit Gewehren und Pistolen ausgerüstete SA- und SS-Leute belebten das Straßenbild ... SS-Sturmführer Rudi Bösel unterrichtete die Bevölkerung von der Aufgabe der braunen Kämpfer ... Die Menge reckte den rechten Arm und unter den Klängen des Horst-Wessel-Liedes und des Deutschlandliedes wurden die Fahnen gehisst. Der Kirchenposaunenchor hatte sich freiwillig zur Verfügung gestellt. Ein Fackelzug bewegte sich durch fast alle Straßen und wurde überall bejubelt ... Die schwarz-rot-goldene Fahne verfiel dem Feuer, wie auch nun die Misswirtschaft der letzten 14 Jahre.«

Anna Seghers erhob zwar zu keinem Zeitpunkt den Anspruch, dass sie mit dem „Siebten Kreuz“ eine dokumentarisch belegte Reportage schreiben wollte. Andererseits dürfte ein Vergleich zwischen dem fiktiven Westhofen und dem historischen Osthofen aber auch alle Zweifel daran ausräumen, dass der Roman tatsächlich auf nachweisbaren historischen Tatsachen beruht und die Schriftstellerin trotz der spärlichen Informationen, die sie im französischen Exil erreichte, ein sehr zutreffendes Bild von den Anfangsjahren des NS-Systems verfasst hat.

Exemplarisch belegen lässt sich das beim Vergleich von Passagen des Romans, in denen die Wachmannschaft des KZs beschrieben wird, insbesondere der fiktive SA-Mann Zillich, Scharführer in Westhofen, und erhalten gebliebenen Berichten der Osthofener SA-Männer Gustav Dick und Heinrich Gerst. Hier ein Auszug aus dem SA-Dokument:

„1926 im Spätjahr Eintritt in die SA. 1927 Teilnahme an dem großen SA-Aufmarsch in Osthofen ... Die Osthofener SA baut 1928 den Sturm 58 über die umliegenden Ortschaften aus, Westhofen, Bechtheim, Frauersheim, Blödesheim ... 1929 Reichsbannerhorden versuchen die Versammlung in Dittelsheim zu sprengen. Die Osthofener und Wormser SA kann noch zur rechten Zeit eingreifen und schlächt (!) das Reichsbanner in die Flucht ... 10.9.1930 Schlägerei mit SPD und KPD in der Wormser- und Hauptstraße, verletzt wurden die Parteigenossen Knopp und Spangenmacher ... 1932 Führerversammlung in Worms. Schlägerei in Osthofen mit der Eisernen Front. 1933... Bei der Machtübernahme durch unseren Führer wurden wir in Osthofen auf Ortschaften verteilt, wo man noch Schlägereien vermutete. Gleich nach Einrichtung des Konzentrationslagers und Bildung der Hilfspolizei trat ich in dieselbe ein und machte dann Dienst als Wachhabender im Lager Osthofen bis Ende November.“

Sowohl für die realen SA-Männer Dick und Gerst als auch für die Romanfigur Zillich ist der Dienst im KZ eine logische Fortsetzung ihrer politischen Aktivitäten vor 1933. Diese betreffen einerseits die Schlägereien mit politischen Gegnern während der als „Systemzeit“ diffamierten Weimarer Republik und andererseits die häufig spontanen Handgreiflichkeiten und Misshandlungen von KZ-Häftlingen in den frühen und „wild errichteten“ Lagern. Die nunmehr Drangsalierten durften jedoch nicht mehr zurückschlagen, was die persönliche Befriedigung der Wächter sicherlich gesteigert hat. Auch das reale Lager Osthofen war für mehrere der ehrenamtlichen bzw. gegen eine kleine Aufwandsentschädigung tätigen Wächter eine Vorschule der Gewalt. Diese Neigungen konnten die Betreffenden bald darauf im Dienst bei Gestapo, Reichssicherheitshauptamt und SS abrunden und in Dachau oder Auschwitz endgültig ausleben.

Und auch das ist festzuhalten: Nicht wenigen Mitgliedern der Wachmannschaften, die den Krieg überlebten, ist es ergangen wie den Osthofener Nazi-„Größen“ Karl Beck, Jakob Buscher, Jakob Ritzheimer, Alfred Spangenmacher, Heinrich Gerst und Alfred Müller: In den bis 1950 durchgeführten Spruchkammerverfahren kamen manche mit Freisprüchen davon, einige wurden zu kleinen Geldstrafen, wenige mit zur Bewährung ausgesetzten Haftstrafen verurteilt. Die Mehrheit aber wurde mit dem vom Volksmund so benannten „Persilschein“ als Minderbelastete eingestuft. Letzteres nicht selten auch dann, wenn wie in den Fällen von Gerst und Buscher in den offiziellen Akten bestätigt wurde, dass sie den „Dienst ordnungsgemäß versehen“ hatten – also zu jedem Verbrechen bereit gewesen waren und solche möglicherweise auch verübt hatten.

Typisch ist auch die Karriere des Juristen Werner Best. Geboren 1903, gründete er 1919 die Mainzer Gruppe des „Deutschnationalen Jugendbunds“, studierte Jura, trat 1930 in die NSDAP ein und saß für diese ab 1931 im Hessischen Landtag. Nach dem Examen ließ er sich als Anwalt in Mainz nieder. In einem Arbeitskreis führender hessischer Nationalsozialisten erarbeitete er Notstandspläne für den Fall der Machtübernahme durch die NSDAP. Diese Dokumente wurden den Behörden der Weimarer Republik zugespielt und Best durfte seinen Beruf einstweilen nicht mehr ausüben. Eine Anklage wegen Hochverrats wird später jedoch wieder eingestellt. Nach der Machtergreifung durch die NSDAP empfahl sich Best durch seine früheren Planspiele der höheren Führung. Er wurde 1933 Staatskommissar für das Polizeiwesen in Hessen, geriet aber in Streit mit dem hessischen Gauleiter Sprenger. Nach der Gründung des Reichssicherheitshauptamtes und der Gestapo avancierte er dort zum Abteilungsleiter und lenkte die Einsatzgruppen in Polen. 1941 wurde er Einsatzleiter im besetzten Frankreich und 1943 Reichsbevollmächtigter im besetzen Dänemark. Nach Kriegsende verurteilte man ihn dort zum Tode, begnadigte ihn dann aber zu 12 Jahren Haft. Als er lediglich fünf Jahre davon verbüßt hatte, wurde er vollständig begnadigt, entlassen und kehrte in die Bundesrepublik zurück. Bereits Anfang der 50er Jahre startet er eine neue Karriere. Zunächst als Justitiar und später als Mitglied des Direktoriums des Stinnes-Konzerns in Mülheim an der Ruhr. Er starb 1989 im Alter von 86 Jahren.

Fortsetzung folgt

Foto:
Das Konzentrationslager Osthofen bei Worms, ca. Herbst-Winter 1933-1934
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