Bildschirmfoto 2019 02 03 um 12.29.44c kuhn hat argerZu den Romanen um den Münchner Kriminalkommissar von Jan Weiler, gedruckt, gehört und verfilmt

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Ist schon witzig, wenn man tags endlich ein schon lange liegendes Hörbuch – KÜHN HAT ÄRGER - laufen läßt und dann liest, daß am Abend der erste Fall dieses Kommissars – KÜHN HAT ZU TUN - im Fernsehen aufgeführt wird. Und auch noch gelobt wird. Das motiviert schon zum Zuschauen, aber erst recht, wenn es sich um einen Autor handelt, mit dem man vor Jahren ein Interview geführt hatte.

Jan Weiler ist ein gewitzter Mensch. Es gibt hierzulande kaum einen, der die populäre Karte derart gekonnt ziehen kann und dennoch nicht peinlich wird, oder wenn, nur ein ganz klein wenig, aber, überlegt man es sich noch einmal, eigentlich nicht wirklich peinlich, höchstens ein bißchen zu vorhersehbar, wie man es erwartet, wenn einer dem Volk aufs Maul schaut und sich eines umgangssprachlichen Codes bedient, der mit der Sprache auch die Geschichten und Abläufe des Alltags und unserer gesellschaftlichen Erfahrungen vermittelt.

Erst einmal überraschend, wenn man auf dem Bildschirm dann die kompakte Gestalt von Thomas Loibl sieht, der aus vielen Fernsehspielen als Gesicht bekannt ist, und der dann zunehmend im Spiel für einen in die Rolle des Kühn hineinwächst, auch wenn man sich beim zuvorigen Hören Kommissar Kühn anders vorgestellt hatte. Aber das Verrückte ist dann, daß man beim Weiterhören vom Ärger, den Kühn hat, das Gesicht von Thomas Loibl nicht mehr aus dem Sinn bekommt, so sehr hat sich seine eigenartige Physiognomie als die des Kommissars Kühns eingeprägt. Ein Gesicht, das einerseits Ruhe ausstrahlt und bei den Befragungen der Verdächtigen oder Zeugen wie eine tabula rasa wirkt; Kühn gibt nichts preis, ist aber in der Lage, aus den Befragten viel Detailwissen herauszuholen, sehr viel eher und auch mehr, als sein Kollege Steirer, der genau in die Fallen tappt, die ihm Kriminelle oder seine Vorgesetzten aufstellen, er läßt sozusagen keine aus und ist für Kühn eine andauernde Quelle von Dümmlichkeit und Übergriffigkeit.

Letzteres ist durchaus auch Kühns Problem. Er ist kein Übermensch, als er den Aufmarsch der Rechten vor dem griechischen Laden und deren Gewalttaten mitbekommt, möchte er am liebsten wegsehen und weitergehen, aber er ist auf den zweiten Blick ein besessener Polizist, einer, der die Welt besser machen und dafür sorgen will, daß die Richtigen bestraft werden. Aber wenn er sich einmischt – und auch sonst immer wieder – geht sein Temperament mit ihm durch. Daß er selbst beim Aufmarsch der Rechten die Streife rief, dann aber nicht abwarten konnte, sondern deren Führer die Nase brach (das sagt der wenigsten, erzählt aber der Polizei gerade schon die dritte Version, was gut für Kühn wird), bringt ihm Dienstaufsichtsbeschwerden ein und gleich die Reaktionen derer, die er mit psychischem Druck zu Geständnissen bewegte, und die nun behaupten, er habe Gewalt angewendet. Denn kaum ist ein Kommissar stigmatisiert, wollen alle ihm eine reinwürgen.

Der dienstliche Ärger ist nicht alles, es gibt einen häuslichen dazu, der nichts mit der Familie – seine Frau (doch, da gibt es auch Ärger, aber das ist Ärger II), sein pubertierender, also schwieriger Sohn und seine liebe Tochter - zu tun hat, sondern mit dem Haus, für das die Familie nicht nur alle Ersparnisse aufgebraucht hatte, sondern sich sogar hoch verschuldet hat. Es ist eine Randlage von München und vielleicht ist die Siedlung das, was sich beim Lesen und Hören am stärksten vom Sehen unterscheidet. Sind nämlich noch die Anblicke der Nachbarhäuser und Gärten angenehm – die des Inneren sowieso großzügig mit biedermeierähnlichen Schränken voller Gläser ganz schön bourgeois - , so schaudert einen beim Blick aus der Vogelperspektive, wo die Häuser wie Hundehütten aussehen. So schlimm hatte man sich das beim Hören nicht vorgestellt,.

Aber es kommt noch schlimmer. Die Nachbarn entdecken es als Erste, die Siedlung, die auf ehemaligen Industriegebiet als ein Vorzeigeprojekt für die normalen Leute gebaut wurde, ist auf giftigem Grund errichtet. In den Kellern blüht das Gift aus der Wand heraus und das ist nicht nur lebensgefährlich, sondern vermindert den Wert der gekauften Grundstücke und Häuser für diese Leute, die sich alles sozusagen vom Munde abgespart haben. Das wird schlimme Folgen haben. Leider für die Unschuldigen.

Im ersten Fall im Fernsehen sehen wir nur die Anfänge des Schreckens und der Erkenntnisse, aber in KÜHN HAT ÄRGER geht der Trubel richtig los. Da sind nicht nur die Giftfolgen deutlicher, sondern die Bewohner haben längst reagiert und wollen durch eine Sammelklage gegen den Immobilieninvestor ihre Kosten herunterhandeln, bzw. rückabwickeln.

Aber als Kühn die Einladung des reichen und philanthropischen Vaters von Julia zum sonntäglichen Austernessen wahrnimmt, da lernt er dort Julias Patenonkel, den Vorstandsvorsitzender der gewissen Reform-Baugesellschaft, bzw. Reform-Bank kennen, der ihm einerseits bestätigt, wie gefährlich die Giftsituation ist, andererseits ‚nur unter uns‘ genau erzählt, wie er im Widerstand gegen diese Sauerei vorgehen muß, um erfolgreich zu sein.

Das war übrigens ein dienstlicher Termin, dieses Austernessen, denn die besagte Julia ist die Freundin des aus dem Libanon gekommenen 17jährigen Amir Bilal, der brutal nach einem Fest in ihrem Elternhaus ermordet wurde. Was sich erst mal völlig unwahrscheinlich anhört, wie derjenige, der schon mehrfach als Kleinkrimineller verurteilt wurde, Schulversager ist und vom Milieu her nicht in die besseren Kreise paßt, Freund der reichen schönen Julia wird einem wahrscheinlicher, wenn von den schwerreichen Eltern erzählt wird, die soziale Projekte stemmen, wie den Münchner Sternenhimmel, wo Amir als Zielgruppe der Migranten aus sozial schwachen Verhältnissen von Julias Mutter in die eigene Familie geholt wird, weil erfolgreiche Integration das Ziel ist, das – so kommt es einem vor – nicht nur aus taktischen Gründen angepeilt wird, sondern ernst gemeint ist.

Mit der ausführlichen Begegnung von Amir und Julia, beginnt der Roman und beschäftigt sich sehr lang mit den vorherigen Lebenswegen der beiden, insbesondere dem von Amir, und auch lange und behutsam, was mit Amir passiert, als er von Julia und ihrem Bruder sowie dessen Clique – alles weiße deutsche Jungens – akzeptiert, ja geliebt wird. Er verändert sich total. Das Äußere und die Klamotten sowieso. Aber auch innerlich. Er wird in der Schule zum Streber, will sogar aufs Gymnasium, fährt mit in den Urlaub der Familie nach Mallorca und übernachtet nicht nur im Haus der Eltern, sondern schläft längst mit Julia, die ihn so liebt, wie er sie. Er hat sich wirklich total verändert. Aber warum wird er nach einem Besuch bei Julia ermordet?

Um das zu verstehen und auch, wie Kühn den Fall klärt, soll man ja diesen Krimi lesen oder hören, also kaufen, wogegen wir nichts haben. Man muß einfach konstatieren, daß Jan Weiler auf besondere Weise die literarischenWurzeln des Krimis und die von Kommissaren vereinen kann: die gesellschaftliche Herleitung von Verbrechen, die Brüche unserer Gesellschaften sowie deren Auswirkungen zu schildern, aber in gleichem Maß das individuelle Versagen, die Abgründe in den Menschen ebenfalls als Faktor ernstzunehmen, also beides zu verbinden. Ganz schön gekonnt.

Fotos:
© ARD
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Info:
Jan Weiler, Kühn hat zu tun, Fernsehfilm am 30.1. ARD

Jan Weiler, Kühn hat Ärger, Hörbuch
Autor: Jan Weiler
Sprecher: Jan WeilerSerie: Martin Kühn, Titel 2
Spieldauer: 11 Std. und 13 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Erscheinungsdatum: 02.03.2018
Sprache: Deutsch
Anbieter: Der Hörverlag