Bildschirmfoto 2019 10 19 um 08.51.24Auf der Buchmesse 2019 : Susanne Gregor, Das letzte rote Jahr, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, Teil 1/2

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Das ist das wirklich Nette an der Frankfurter Buchmesse, daß alle Formen der Annäherung von Autoren an ihre Leser - und umgekehrt - möglich sind. Da gibt es die Massenveranstaltungen a la BLAUEM SOFA, da gibt es die Verlagslesungen in den Hallen, wo die zuhörenden Menschen die Messegänge verstopfen und da gibt es Stände, wie der von der Frankfurter Rundschau, wo einzelne weiße Sitze schon signalisieren, daß man ganz dicht dabei ist, wenn ein Buch durch ein Gespräch mit der Autorin vorgestellt wird.

Ähnlich wie beim Buchpreis sind wir ja immer so sehr den Autoren zugewandt, daß die Bücher manches mal hinter den Autoren verschwinden. Hier soll es umgekehrt sein und tatsächlich haben uns Claus-Jürgen Göpfert und Susanne Gregor DAS LETZTE ROTE JAHR in einer halben Stunde so nahe gebracht, daß man glaubt, man habe es schon gelesen.

Die Autorin ist für Deutschland erst zu entdecken und das hat die Frankfurter Verlagsanstalt nun in Gang gesetzt. Für Susanne Gregor ist es aber nur das erste in Deutschland veröffentlichte Buch, in Österreich sind schon drei von ihr erschienen. Dieser Roman greift auf, was Peter Sloterdijk eine Stunde zuvor bei einer Ehrung als Laudator von sich gab. Daß die Schriftsteller heutzutage alle dasselbe Buch schrieben, daß sie alle zurückgehen ins Dorf ihrer Kindheit, aber das dann insgesamt einen guten Chorgesang für die Literatur daraus entstünde.

Wir vermuten mal, Sloterdijk hätte dieser Autorin eine Arie in seinem Stimmenfest gegönnt. Denn sie hat tatsächlich etwas zu sagen mit einer eigenen Stimme. Es geht endlich auch darum, daß hier keine Nabelschau, keine bundesrepublikanische Wirklichkeit und auch keine österreichische geboten wird, sondern eine weltpolitische Großwetterlage wie das Fallen des Eisernen Vorhangs in Europa im Kleinen verhandelt wird, wenn Miša, Rita und Slavka, drei 14jährige Freundinnen aus der tschechoslowakischen Stadt  Žilina1989 das alles direkt mitbekommen: die Stürmung der westdeutschen Botschaft in Prag durch DDR-Bürger, das Öffnen der Grenze nach Österreich in Ungarn und die Folgen für die Familien in Diskussion und Handeln.

Wir Deutschen nun wieder sind so sehr auf den 9. November fixiert, als die Grenzen DDR-Bundesrepublik wirklich geöffnet wurden, daß so ein Roman, der aufzeigt, wie es in anderen Ostblockländern war, einem je länger man zuhört oder liest, immer wichtiger wird. Und nach der Lesung galten auch die ersten Fragen der Teilung des Landes. Wir neigen ja immer noch dazu, Tschechoslowakei zu sagen, was heute Tschechien und Slowakei heißt und auch vom Nationalgefühl her ist. Für die Österreicher ist beides nah. Übers Waldviertel geht’s hoch in die Tschechei und über die Hauptstadt Wien strikt nach Osten liegt mit Bratislava die Hauptstadt der Slowakei gerade mal 50 Autominuten von Wien entfernt, berichtete die Autorin, die in Wien lebt.

Aber von vorne. Claus-Jürgen Göpfert fing an, den Roman und die Autorin vorzustellen, die 1989 erst acht Jahre alt war, aber ihre Erinnerung gemischt mit Fiktion in drei Vierzehnjährige verlagert, weil man in der Pubertät schon geistig wach genug ist, um Vorgänge um einen herum nicht nur wahrzunehmen, sondern auf sie zu reagieren und sie zu interpretieren. Kinder dagegen erinnern sich eher an Bilder, an Gerüche, an Farben, an Häuser. Susanne Gregor auf jeden Fall wußte auf einmal, daß sie darüber schreiben will – eigentlich, dachten wir uns, damit auch über das letzte Jahr ihrer eigenen Kindheit - und danach, so berichtete sie, floß es nur so aus ihr heraus. Das Buch schrieb sich sozusagen selbst und sie hat mit Überarbeitungen, wo sie wieder erlebte, wie Erinnerung und Fiktion in Eins ging, nur ein Jahr für diesen Roman gebraucht.

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Susanne Gregor, Das letzte rote Jahr, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt