cover marie curie 3d ioq8tcZwei dänische und eine polnische Autorin gestalten einen so liebevollen wie humorvollen wissenreichen Comic um die einzige zweifache Nobelpreisträgerin, Teil 1/2 

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – In dieser Woche gab es eine Pressevorführung eines neuen Marie-Curie-Films, der zwar nicht so ganz gefiel, aber noch einmal deutlich machte, was Sache war. Sie hatte die Entdeckung beim ersten Nobelpreis 1903 gemacht, die  ihr Mann in beider Namen einreichte. Doch erst einmal  bekam Pierre Curie den Preis und er wurde allein eingeladen und erst auf sein Drängen hin – wenigstens Anstand also – wurde sie mitbenannt!

Bildschirmfoto 2020 03 07 um 23.42.38Ist Weltexpressolesern und Weltexpressoleserinnen eigentlich schon aufgefallen, daß Madame Curie in unsere Köpfeleiste als Ausweis unserer gesellschaftspolitischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Ausrichtung links der Mitte im Bild erscheint? Wem es nicht aufgefallen ist, kann sich trösten, daß inzwischen zwar ihr Name bekannt, aber ihre Erscheinung nach wie vor unbekannt bleibt. Bei uns ist sie zwischen der russischen Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Stepanowna Politkowskaja, die am 7. Oktober 2006 ermordet wurde, und Ludwig Börne (1786 Frankfurt am Main – 1826 Paris) dem scharfzüngigen Streiter für demokratische Verhältnisse, eingruppiert. Das mußte mal gesagt sein.

Für den vorliegenden Comic muß man keine Kenntnisse mitbringen. Interesse schon. Drei Frauen, Frances Andreasen Osterfelt, Anja C. Andersen und Anna Blaszczyk – die deutsche Übersetzung stammt von Franziska Hüther – haben diesen Band herausgegeben und man merkt dem dritten Namen gleich seine polnische Herkunft an. Es brauchte schon einiges blättern, bis wir verstanden, was dem ‚normalen‘ Leser eher unwichtig ist, wie es sich mit den Texten und den Zeichnungen genau verhält. Erst auf der letzten Seite entschlüsselt sich, daß Erstere die Idee für diese Comic-Biographie hatte und mitschrieb, die Zweite Professorin ist, die als  Astronomin Sternenstaub erforscht und wissenschaftliche, schwer zugängliche Themen vermittelt, wie hier in den Texten zum Comic und die Dritte eine polnische Illustratorin aus Warschau ist, die für ihre animierten Kurzfilme schon Preise erhielt und also die Illustrationen in diesem Buch machte. Der Hinweis mit den Filmen hat uns interessiert, denn beim ersten Durchblättern mußten wir an den völlig anders gearteten gezeichneten polnischen Film über van Gogh denken, wo polnische Künstler einen ganzen Film im Stil van Goghs zeichneten. Der Stil ist hier ganz anders, natürlich, aber es ist ein Stil!, was für einen Comic keine Selbstverständlichkeit ist.

Der Zeichenstil ist sehr flächig, mit vielen Jugendstilelementen, auch präraffaelitischen Elementen mit dem Grün, dann aber geometrische, ja kubistische Motive, also alles in allem nicht stilistisch geschlossen,  in gedämpften warmen Farben eine die Physiognomie betonende Darstellung des Lebens und Wirkens von Marie Curie. Die wurde 1867 in Polen als Marya Skłodowska geboren, und es gefällt uns total, daß Kapitel 1 von den Jahren 1867-1884 handelt, ihr Leben also nicht wie üblich erst in Paris beginnt, sondern in Warschau, wo Marya als fünftes Kind eines Lehrerehepaars zur Welt kommt. Ihr außergewöhnliche Begabung zeigt sich früh: „Schon mit vier Jahren kann sie lesen, später hilft sie ihren älteren Geschwistern bei den Hausaufgaben.“ Köstlich und so geht es lustig weiter. Doch dann wird es ernst: die Mutter bekommt Tuberkulose, besucht Europas Kurorte, darf ihre Kinder nicht anrühren, noch küssen.

Also wird für Marya der Vater die Bezugsperson! Und der ist Physiklehrer und mit ihm macht sie die ersten physikalischen und chemischen Versuche. Toll, daß auch die Landesgeschichte, ohne die die vielen Polen in Europa nicht zu verstehen wäre, dargestellt ist: nämlich die Dreiteilung des Landes in russische, österreich-ungarische und preußische Besatzung. In Warschau haben sich Patrioten gegen Rußland aufgelehnt, was strenge Strafen, u.a. das Verbot der Landessprache nach sich zieht. Die Familie lebt gefährlich. Die Schule ist ein Unterdrückungsapparat auf Russisch. Der Vater wird als Lehrer entlassen, die Mutter und eine Schwester sterben, es ist eine emotional und finanziell hoffnungslose Situation und es hilft Marya nicht, daß sie schon mit 15 Jahren als Klassenbeste die Schule mit einer Goldmedaille verläßt. Was tun? Sie überredet 1884 die Schwester, daß diese allein nach Paris geht, wo Frauen Medizin studieren können, während sie in Polen Geld verdient, um der Schwester Geld zu schicken und später nachkommen zu können, wenn die Schwester als fertige Ärztin dann in Paris ihr Studium finanzieren kann. Das Geld verdient die fließend Polnisch, Deutsch, Russisch, Französisch und Englisch sprechende Marya als Gouvernante auf dem Land.

Spätestens hier bewundern wir den Detailreichtum der Zeichnungen, die den Text, in der Regel kurz, wo es nottut, wie auf Seite, Seite, Seite...nein, Seitenzahlen finden wir nicht, also immer wieder gibt auch ein längerer Text über Sachverhalten Auskunft. Interessant, daß Marya ihre, ihr so lieben chemischen Übungen nur abstrakt machen kann, denn praktische Versuche kann sie dort nicht durchführen. Als der Sohn des Hauses sich in sie verliebt, ist das zwar gegenseitig, aber „eine Gouvernante heiratet man nicht“ und schon ist alles vorbei. Sie kommt vernichtet und entwürdigt ins Elternhaus zurück, will nach Paris, was die Schwester, die in Paris tatsächlich Ärztin geworden ist und sich dort mit einem Polen verheiratet hat, begrüßt und sie in ihrem Vorhaben, nach Paris zu gehen, bestärkt. Sie kann sie unterstützen und Marya kann bei ihr wohnen.

FORTSETZUNG FOLGT

Fotos:
© Verlag und Redaktion

Info:
Frances A. Østerfelt, Anja C. Andersen, Anna Blaszczyk
Marie Curie. Ein Licht im Dunkeln
Übersetzt von: Franziska Hüther
18.7 x 26.5 cm, gebunden, 136 Seiten
22,00 €
ISBN 978-3-95728-366-5