Bildschirmfoto 2021 09 26 um 12.06.00IN DER MÄNNERREPUBLIK von Thorsten Körner, verfilmt als DIE UNBEUGSAMEN

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Seltsam, daß der Film DIE UNBEUGSAMEN nach kurzem Aufflackern in TV und Zeitungen zur Bundestagswahl keine weitere Rolle mehr spielte. An diesem eindrücklichen Film, hier als Buch besprochen, ist nur eine Kritik zu üben: es gibt beides nicht für die DDR. Denn eine Angela Merkel aus dem Westen wäre nie und nimmer Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland geworden!

Ist das nicht ein Widerspruch? Nein. Einerseits werden in Buch und Film nur die Frauen des alten Westdeutschlands gezeigt, die in die Politik gegangen sind, die an einer Stelle auch ihre Meinung dazu sagen, daß in Westdeutschland nie und nimmer eine Frau Bundeskanzlerin geworden wäre, andererseits ist die erste, 1954 geborene Bundeskanzlerin in der DDR groß geworden, hat immer dort gelebt, Physik studiert, als Physikerin am Zentralinstitut für Physikalische Chemie gearbeitet und sich während der Auflösung der DDR sofort in der Partei Demokratischer Aufbruch engagiert, die schon 1990 in der CDU aufging. Die Frauen in der DDR hatten in ihrem Staat ein anderes Bewußtsein, ein anderes Frauenbewußtsein als im Westen. Wie seltsam, daß darüber niemand spricht und wie schade, daß nicht gleichzeitig mit Buch und Film von Thorsten Körner ein Äquivalent für die DDR erschienen ist. Auch in der DDR waren die Führungsfiguren Männer. ABER, und das wissen in den West-Bundesländern wirklich die meisten nicht, Frauen waren in den Betrieben, in den Organisationen, in Partei und Gewerkschaft, in den Schulen, in den Städten und Gemeinden fast immer die Stellvertreter! Das war einfach Brauch und natürlich ergibt so eine Hervorhebung als Stellvertreterin ein anderes gesellschaftliches Bewußtsein, als noch nicht mal Stellvertreterin zu werden.

Den gravierenden Unterschied zwischen Ost- und Westfrauen hat übrigens gleich Wolf Biermann gemerkt, als er 1976 nicht zurück in die DDR durfte. DDR-Frauen blieben für ihn ‚kernig‘, selbstbewußt, auch und gerade in erotischer Hinsicht, während Westdeutschlands Frauen mit sich selbst beschäftigt blieben, mit ihrer Wirkung auf Männer beschäftigt und einfach anstrengend, ja zickig. Ich konnte nachvollziehen, was er damit meinte.

Dafür, daß der DDR-Teil fehlt, kann Autor und Filmemacher Thorsten Körner nichts und deshalb soll er jetzt auch zu seinem Recht kommen, denn ihm ist eine geschichtliche Analyse gelungen, die angesichts des Alters der Porträtierten gerade noch in diesen Zeiten möglich war und die erhellend und witzig zugleich zeigt, wie männerdominiert, ach was, welch Männerbund Westdeutschland war, aber auch, wie frauenverachtend diese Männer sich öffentlich über ihre weibliche politische Konkurrenz äußerten. Im Film waren dafür Höhepunkte und gleichzeitig Beleg für die schenkelklopfenden, wie bierseligen Männer die Abgeordneten der CDU im Bundestag in Bonn, als Waltraud Schoppe von den GRÜNEN ihre berühmte Rede über den oft fehlenden Orgasmus der Frau durch auf sich selbst bezogene Penetration durch Männer hielt. Höhepunkt, weil ich mich noch genau daran erinnern kann.

Nicht erinnern kann ich mich an Gaby Potthast, Abgeordnete der Grünen, und ihre Rede vor dem Deutschen Bundestag am 30. März 1983, „in der sie die Einrichtung eines Frauenausschusses forderte und das Ende der Diskriminierung von Frauen“, womit dies Buch beginnt und von der sie im Nachhinein sagt: „Ich nehme wahr, daß Unruhe entsteht, nehme wahr, daß die CDU/CSUler Bemerkungen in Richtung Redepult schreien ..., sehe, wie sich ein schmieriges Grinsen von Mund zu Mund weiter fortpflanzt, spüre meine eigene Stimme lauter, schriller werden, gegen diesen Lärm anschreien...da sitzen diese beschlipsten Macht- und Würdeträger vor dir, benehmen sich wie pubertierende Jünglinge, schlagen sich auf die Schenkel, als die Rede auf die Vergewaltigung in der Ehe kommt...Vor meinem geistigen Augen läuft ein anderer Film ab: Mißhandelte Frauen mit kleinen Kindern an der Hand suchen Schutz in Frauenhäusern...und dann dieser Ansturm von Unverschämtheit und Aggression mir gegenüber...“

Liest man dann das Störfeuer der CDU/CSU-Abgeordneten, ihre abwertenden, absolut frauenfeindlichen Äußerungen , ihr „Reviergeheul“ im Buch nach, überkommt einen eine gewisse Genugtuung, daß gerade die CDU/CSU mit der ersten Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gestraft wurde. Daß diese nicht gerade politisch frauenbewegt unterwegs war, ist zwar schade, macht aber nichts zur Sache, allein daß die Christdemokraten Jahrzehnte von einer Frau geführt und immer wieder vorgeführt wurden, ist einfach Ironie der Geschichte!

Doch diese Äußerungen sind eher dem Wahlkampf geschuldet, obwohl Merkels Anfänge bis 1992 im Buch zum Abschluß geschildert sind, als sie als Ministerin für Frauen und Jugend (auch typisch, daß die wenigen Ost-Minister dann dieses, für Männer uninteressante Ressort bekamen) noch genau die Häme abbekam, die Westfrauen im Bonner Parlament gewohnt waren.

Das ist nur der äußere Rahmen . Dieses lesen- und aufhebenswerte Buch – für Zitate unvergleichlich! - vereinigt Frauen aller politischen Parteien, die sich mit den ihnen zugedachten Rollen als Kaffee- und Teeservierende in politischen Runden nicht abgefunden hatten und auf ganz unterschiedliche Weise sich im Männerland Bonner Republik durchschlängelten. Der Film geht durchaus historisch vor, zeigt einige der Frauen heute und in Rückblenden ihr politisches Tun und bringt auch die Frauen ins Licht, die am Grundgesetz mitgearbeitet haben, die erste Ministerin der BRD, die zweite...., aber erst mit den GRÜNEN wird wirklich eine neue Dimension in der Politik fühl- und sichtbar! ABER, wie wenig hat das mit heutigen GRÜNEN zu tun. Diese Erkenntnis traf mich in Film und Buch gleichermaßen. Wenn man die Ernsthaftigkeit einer Petra Kelly, ihre leidenschaftliche Hingabe an ein friedliches Deutschland, ihren, Körper und Geist nicht schonenden Kampf für Frieden und Gerechtigkeit betrachtet und reflektiert, dann ist man sozusagen erschüttert, was aus dieser Friedenspartei geworden ist, wenn ihre Spitzen- und Kanzlerkandidatin sich nicht zu schade ist, die LINKEN abzustrafen, wenn die sich zur Relevanz der NATO äußern. Wie hätte Petra Kelly gelitten, aber vielleicht hätte ihre Partei, wäre Kelly nicht umgebracht worden, auch eine andere Entwicklung genommen? Und wo sind überhaupt solche Frauen wie Waltraud Schoppe, Gaby Potthast, aber auch die, nachdem Verrat der FDP an der SPD, an der sozialliberalen Koalition, von der FDP zur SPD wechselnde Ingrid Matthäus-Maier und viele andere geblieben?

Dieses Buch verfügt zudem über ein Register, das man für andere Beiträge gut nutzen kann. Eigentlich sind alle wesentlichen Politikerinnen und Politiker der Bonner Republik versammelt, zu der ich lieber Westdeutschland sage, weil die föderale Struktur ausschlaggebend war und beispielsweise ein Buch HESSEN VORN einen ganz anderen Eindruck dieser Republik vermittelte, mit einem Fritz Bauer als Generalstaatsanwalts Hessens, einem Landeschef Georg August Zinn, der 1950 mit diesem Slogan die absolute Mehrheit für die SPD gewann und lange hielt. Denn die Bundeslänger sind eine andere Geschichte, auch wenn die beiden Hessen Frauen besonders förderten und im Buch nicht vorkommen. Denn dieses Buch bleibt strikt auf Bonn bezogen.

Ein Unterschied zwischen Buch und Film ist mir aufgefallen. Im Film fällt die Dominanz von CSU-, FDP- und GRÜNEN-Frauen auf, während relativ wenig SPD-Frauen und schon gar keine LINKEN, bzw. deren Vorläuferinnen vorkommen. Das ist im Buch anders, das zudem ausführlicher ist, wo der Film sich konzentrieren mußte. Wie gesagt, ein Buch für jeden bundesrepublikanischen Haushalt, dessen Pendant für die DDR wir schmerzlich anmahnen!!!

P.S.
Meine Beobachtung, daß im Verhältnis der zu Wort und zu Bild kommenden Frauen die SPD unterrepräsentiert ist, zeigt auch das Titelbild: oben Rita Süssmuth, CDU, in der Mitte Petra Kelly, Grüne, darunter die junge Angela Merkel, ebenfalls CDU. Also zweimal CDU, einmal Grüne???
 
Auf der Suche nach dem Cover ist mir noch etwas anderes dazu aufgefallen. Es gibt auch eine gebundene Ausgabe, die hier verwendete und abgebildete ist das Taschenbuch. Es gibt auch ein Hörbuch. Bei Hörbuch und gebundener Ausgabe gibt es eine andere Frauenfolge auf den Titeln:  Hildegard Hamm-Brücher, FDP und zurecht besonders herausgehoben, Rita Süssmuth und darunter Petra Kelly. Also zumindest drei Parteienvertreterinnen.
Allein das Taschenbuch zeigt auch Angela Merkel. Wir vermuten, daß dieses später aufgelegt, auch den Wahlkampf mit in den Blick nahm. Trotzdem seltsam und durchaus erwähnenswert. 


Foto:
Cover

Info:
Thorsten Körner, In der Männerrepublik. Wie Frauen die Politik eroberten, Kiepenheuer & Witsch 2021
ISBN 978 3 462 00184 6