linSusie Yang führt vor, wie man planmäßig eine Bestsellerautorin wird

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - ..eine Bestsellerautorin wird, ohne einen wirklich guten Thriller zu schreiben, muß leider die Fortsetzung lauten. Doch den zweiten Teil dieser Aussage erkennt man beim Lesen erst später, erst einmal geht das Konzept, einen Weltbestseller zu konzipieren, durchaus auf. Das liegt an der undurchsichtigen Ivy Lin.

Seit der Kindheit in China sieht sich diese Ivy benachteiligt: „nicht nur ihr eigenes, chinesisches Aussehen mit den zu schmalen Lippen, der unerhört hohen Stirn und den fleischigen Wangen, die an reife Äpfel vor der Herbsternte erinnerten.“ Und gemeinerweise lassen sie ihre Eltern in den USA mit unansehnlichen Klamotten herumlaufen – und sie wäre doch so gerne eine blauäugige blonde Venus gewesen.

Wie was? China-USA? Wir wir inzwischen wissen, gibt’s das oft! Noch in China geboren, wanderten ihre Eltern, Nan und Sheen, nach Amerika aus und holten ihre älteste Tochter erst mit fünf Jahren in die Staaten. Nun haben wir in den letzten Jahren immer wieder , hauptsächlich in Sachbüchern, selten in Romanen, von der kalten, rein auf äußeren Erfolg orientierten Erziehung von chinesischstämmigen Müttern in den USA gelesen, Turbo-Müttern, denen Leistung über alles geht und hartherzig die Kinder auf äußeren Erfolg getrimmt werden. . Auch hier schüttelt es einen, wenn man davon liest, daß die kleine Ivy kein einziges Mal in den Arm genommen wird, kein einziges Mal ihr über den Kopf gestrichen wird und kein liebes Wort erfährt. Da vergibt man dieser Person schon einiges, bevor man etwas von ihren Lügen mitbekommt. Die aber kommen dann massiv, wie es massiver kaum geht.

Ivy hat ein mehrfaches Außenseiterdasein, denn nicht nur die geschlitzten Augen unterscheiden sie von ihren Mädchenidolen, sondern die Armut im Elternhaus ist ein noch entscheidender Faktor. Aus all ihrem Elend soll sie der richtige Mann in ein besseres Leben führen , das ist ihr Plan, und den richtigen Mann erkennt sie schon in Kindertagen: es ist der Mitschüler Gideon Speyer. Und das Glück ihres Jungmädchenlebens passiert: er lädt sie zu seinem Geburtstag im gut betuchten Elternhaus ein. Doch das darf sie ihren strengen Eltern nicht sagen, daß sie einen Jungen besucht, sie schwindelt, ach so, die kleinen Lügen, also sie lügt ihre Eltern an, sie würde eine Freundin besuchen, doch fliegt dies auf und den aufgebrachten Eltern ist der Skandal egal, wenn sie die Geburtstagsfeier unterbrechen und ihre schamgebeutelte Tochter aus diesem edlen Haus nach Hause schleppen. Eine richtige unsägliche Peinlichkeit für Ivy. Im übrigen sehr unverständlich, wo doch die Mutter das Beste für ihre Tochter will.

Die arme Ivy, denkt man sich so manches Mal, bis sie endlich auf einen Jungen trifft, Roux, der ähnlich Außenseiter ist, aber was daraus macht. Gemeinsam sind sie stärker, als jeder für sich allein, vor allem wenn sie beim Klauen gegenseitig Schmiere stehen. Aber da läuft mehr und er wird sie nebenbei noch entjungfern, doch dann zieht Ivys Familie weg, die nach und nach finanziell aufsteigt und gegen Ende sogar steinreich ist. Die Chinesen eben, sie beißen sich durch und siegen am Schluß, zumindest finanziell, ist die Botschaft.

Doch, doch, wenn man sich im Nachhinein die Geschichte noch einmal durch den Kopf gehen läßt, hat sie echtes erzählerisches Potential, nur woher kommt dieser Eindruck des Gemachten, daß man sich ab irgendwann als Leserin ständig als Abnehmerin von Wendungen im Roman erkennt, die so abenteuerlich wie durchsichtig sind, daß man einfach keine Freude empfindet. Es bleiben abstrakten Figuren, die nach einem selbstgestrickten Plan handeln, aber man möchte doch von Wesen lesen, deren Empfindungen, Gefühle, eben von lebendigen Menschen, echten Charakteren.

Sei’s drum, die Geschichte geht so weiter, daß durch Zufälle es wirklich dazu kommt, daß sich der erwachsene Gideon für Ivy so interessiert, daß er sie zum Entsetzen seiner wohlhabenden Eltern und seiner arroganten Schwester Sylvia heiraten will, weshalb seine Eltern Ivy zum Weihnachtsaufenthalt in ihr Winterchalet einladen. Und dort passiert es. Der neue Freund von Sylvia, in den sie total verschossen ist, ist Roux, ihr alter Gefährte. Beide erkennen sich auf Anhieb, aber tuen erst mal fremd. Und dann erhält Sylvia die Quittung für ihr selbstgefälliges, Reiche-Tocher-Verhalten, Roux läßt sie sitzen. So eine Schmach ist ihr noch nie passiert.

Kurze Zeit später, Ivy hat endlich verhalten, sehr verhalten mit Gideon geschlafen, trifft sie erneut auf Roux und jetzt geht deren Bettgeschichte erst richtig los. Endlich gibt es einen Mann, der für sie alles sein will und sein vieles Geld, sein Bett, seine Lust und sein Leben mit ihr teilen möchte. Endlich könnte ihr Leben gut und lustvoll werden. Eigentlich sprechen ihre Gefühle dafür. Doch sie hält am kleinbürgerlichen Ideal des Blonden aus wohlanständigem reichen Haus fest, was sie zum Weiterlügen, immer weiter zu lügen zwingt, eine Lüge produziert die nächsten mit.

Durch ihre Lebensentscheidung für den doch von ihr gar nicht mehr geliebten Gideon ergeben sich furchtbare Konsequenzen, die weit über Lügen hinausgehen, sondern in Mord und Totschlag enden. Gleichzeitig wird ihre Familie zumindest vom Geld her den Speyers ebenbürtig und wie aus dem Nichts entwickelt sie auf einmal eine Beziehung zu ihrer Mutter, redet sich schön, warum diese sie als Kind so kalt und abweisend behandelt hatte. Sie braucht diesen Rückhalt, um der neuen Familie standhalten zu können.

Letzter Satz: „Ivy trat vor den Altar und schaute nicht zurück.“ Das wird, das muß menschlich übel enden. Doch das Interesse an ihr war unsererseits infolge der Durchsichtigkeit des Plots längt erloschen.

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Umschlagabbildung

Info: 
Originaltitel: White Ivy
Originalverlag: Simon & Schuster, London 2020
Aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp
Paperback , Klappenbroschur, 496 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60320-7
Erschienen am 13. September 2023