David L. Ulin hat’s mit den Tulpas, Polar Verlag
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – „Das hatte ich mir selbst eingebrockt, begriff ich, als ich den Innenhof erreicht hatte und meine Haustür aufschloß. Es gab keinen Ort, an den ich flüchten konnte, weil ich nicht wußte, wovor ich flüchtete. Oder, nein – natürlich wußte ich das. Ich flüchtete vor mir selbst. Ich war zu meinem eigenen Ziel in einem Schwindel geworden, von dem ich nicht mal wußte, daß ich daran beteiligt war?“ (S. 198)
Kafka und Camus spielten beim Schreiben seines Kriminalromans eine große Rolle, soll der Autor in einem Interview gesagt haben. Es geht also um Existentialismus und Entfremdung vom eigenen Selbst sowie um Verwandlung, beipsielsweise in ein ungeheuerliches Ungeziefer, später Käfer genannt. Aha. Aber das erklärt nicht alles. Was ist los mit dem namenlosen Icherzähler, der sich als metaphysischer Solipsist bezeichnet und in dreizehn Kapiteln zwei Frauen umbringt – oder auch nicht? Frauen, die er eigentlich mag, die ihm aber, wie jede andere Frau, über sind? Ein Mann, der sich jede Sekunde dafür entschuldigt, daß er überhaupt am Leben ist.
Also gut, erzählen wir kurz seine Geschichte, so wie er sie uns erzählt. Das muß man betonen, denn diesem Icherzähler darf die Leserin auf keinen Fall trauen. Das legt er uns selber nahe. Er ist, wie man das nennt, ein unzuverlässiger Erzähler. Dabei ist unerheblich und für uns auch nicht zu unterscheiden, ob er uns oder sich selbst anlügt, Tatsachen verdreht, Ereignisse phantasiert, Schlaf für Wachsein und Wachsein für Schlaf hält. Nur eins ist eindeutig. Er ist Alkoholiker, er trinkt ständig und ißt kaum etwas.
Wir lernen ihn kennen, als ihn die immer wieder lauten und ununterbrochenen Schreie einer Frau aus dem Nachbarhaus nerven, ängstigen, stören. Er lebt in Hollywood, aber nicht oben auf dem Hügel bei den Reichen, sondern unten in den eng beieinander und einander gegenüberstehenden Bungalows. Während er sich Gedanken über die Schreie macht, ziehen durch seien Gedanken ständig die Erinnerungen an seine Frau, die er toll fand und die wohl die Hosen anhatte. Seine merkwürdigen Hinweise auf die gemeinsamen Sexualpraktiken lassen viel offen, deuten SM an, aber auch BDSM. Grundsätzlich geht es dabei immer um Dominanz und Unterwerfung. Er sehnt sich nach Dominanz, ist aber immer von Anfang an der Unterlegene, der sich freiwillig unterwirft. Alles geschieht ohne seinen Einfluß, erzählt er sich und uns.
Auf jeden Fall steht eines Abends, als die Frau drüben wieder mal lauthals und lange schrie, dieselbe vor seiner Tür, will hinein, fordert Alkohol und er beschreibt seine Wohnung als von ihr okkupiert. Beim zweiten Mal findet er sie überrascht in seinem Bett vor und er ist überwältigt vor Lust. Allerdings hatte ihm das die Stiefmutter dieser Nachbarin, die Corinna heißt, schon avisiert. Die Stiefmutter Sylvia hatte er im 200 Dollar Auftrag von Corinna aufgesucht, um die Erbansprüche zu klären. Vor 3 Wochen war der sehr vermögende Vater verstorben und Sylvia soll die Alleinerbin sein. Doch er zeigt sich (wieder einmal) als völlig unfähig, irgendwas zu vertreten, sondern ist der schönsten Frau, die er je sah, hilflos ausgeliefert. Seine Unfähigkeit hält Corinna nicht davon ab, ihn erneut zur Stiefmutter zu schicken, diesmal für 500 Dollar. Das Geld kann er brauchen, aber er stellt sich genauso als der ewige Verlierer wie immer dort an. Allerdings hat er diesmal das Arbeitszimmer durchsucht und einen Stick gefunden und mitgenommen.
Zuhause erkennt er im Rechner auf den Bildern des Sticks den Verstorbenen und Sylvia bei eindeutigen Sexspielen von Dominanz und Unterwerfung. In Zukunft wird er den Stick verstecken, zu verbrennen versuchen und immer wieder woanders wiederfinden, aber zuvor hatte er die Fotos im Internet hochgeladen, sich immer wieder angeschaut und die Anklickzahlen verfolgt. Und als Corinna wieder bei ihm auftaucht und mit ihm schlafen will, bleibt sie in seinem Bett danach als Leiche liegen. Sagt er. Er fährt die Leiche an eine bestimmte Stelle außerhalb der Stadt, vergräbt sie, schichtet Holz auf und zündet alles an . Immer wieder tauchen ins seinem Bewußtsein die Erinnerungen an seine Frau auf. Das wird einem unheimlich. Hat er sie auch umgebracht? Oder überhaupt keine?
Auf jeden Fall wird später, als der Brand sich über die Stadt ausgeweitet hat, eine weibliche Leiche gefunden. Allerdings keine frische, sondern schon mumifizierte Leiche. Also nicht Corinna, wie er uns weismachte. Ist es seine Frau? Und welche Rolle spielt die Witwe Sylvia. Er sucht sie auf, diesmal mitten in der Nacht, aber es erwarten ihn zwei junge Männer, die ihn zusammenschlagen, was die Hausherrin an der Haustür verfolgt. Als er sie um Hilfe bittet, antwortet sie, sie wissen nicht, wer er sei, die Polizei sei schon informiert. Da hört er schon die Signaltöne und die roten und blauen Lichter. „Die Blitzlichter kamen meinetwegen. Es war letztendlich doch mein Moment.“ Endlich wird er wahrgenommen. Was bleibt aber jetzt von den Tulpas übrig, den Manifestationen seines Unterbewußtseins, wie er uns die ganze Zeit über weismacht?
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Umschlagabbildung
Info:
David L.Ulin, Die Frau, die schrie, Polar Verlag 2025
ISBN 978 3 910918 14 6