Verleihung des Leo-Perutz-Preises der Stadt Wien am 10. September 2014, Teil 4

 

Claudia Schulmerich

 

Wien (Weltexpresso) – Unwillkürlich fällt einem beim diesjährigen Krimi-Wettbewerb der Stadt Wien, der nach dem von uns unvergessenen Meister Leo Perutz benannt ist, das schöne Lied, gesungen natürlich in der Fassung von Marlene Dietrich ein, wo sie sind, hier die Männer: „Wo sind sie geblieben?“

 

Denn auch, wenn unter die fünf Nominierten immerhin drei Männer fallen, so gilt doch für den Wettbewerb 2014 eindeutig, daß die beiden Frauen die besten Krimis hinlegten und da sie es schon lange verdient hatte, sind wir mit der Wahl von Eva Rossmann auch richtig zufrieden, zumal MÄNNERFALLEN ein besonders starkes Buch um ihre Journalistin Mira Valensky ist, die wie immer völlig zufällig in die aktuellen Mordfälle hineingerät und mit dem Griffel in der Hand, nein, nein, auch Mira schreibt inzwischen im Flugzeug in den Laptop hinein, dann die Lösungen per Artikel den Kriminalen serviert.

 

Wir hatten ja ganz offen formuliert, daß in diesem Jahr die Krimis der beiden Frauen die Priorität haben, denn auch Anne Goldmann hat mit LICHTSCHACHT ein starkes Buch vorgelegt und darin vor allem die Stadt Wien in ihren lokalen Bezügen dem Leser zur eigenen Wohnstube gemacht. Wenn der Leser Wien kennt. Wenn er Wien nicht kennt, dann lernt er in Goldmanns Wien eben auch das Kleinteilige kennen, die Lebensart eben, wie man als Nachbar miteinander umgeht oder sich umbringt...

 

Der Wienbezug ist in Jürgen Benvenutis SCHROTTPLATZ BLUES noch das Beste. Wir schrieben ja schon, daß wir mit diesem Buch nicht zurechtkamen, einfach den Typen, der den Krimi tragen soll, nicht als echte Figur, sondern schablonenhaft empfanden. Kann aber gut sein, daß wir einfach solche Männer nicht mögen, übersehen, also wir es sind, die sie zur Schablone machen. Das fiel uns nämlich dann bei DAS POLYKRATES-SYNDROM von Antonio Fian auf. Dies Buch ist aus dem Literaturverlag Droschl aus Graz und gehört deshalb in eine ganz besondere Kategorie, weil es gleich zweimal benannt wurde: hier eben für den Leo-Perutz-Preis und für die sogenannte Lange Liste der 20 besten Bücher vom Deutschen Buchpreis 2014!! Das ist natürlich literarisch höherwertig und wirklich eine Auszeichnung, auch wenn dies Buch auf das Einschmelzen auf noch sechs Titel für die Endauswahl nicht geschafft hatte. Gratulation auch dem Verlag!

 

Hat es das je schon gegeben, daß ein Roman, der auf der Liste des Deutschen Buchpreises stand, auch auf der des Wiener Krimipreises stand? Natürlich muß man NEIN sagen, aber gerade deshalb ist das ein richtiges Ereignis, das man gut nachvollziehen kann. Denn zwischen Krimis und anderen Romanen ist keine deutliche Trennschärfe. In diesem Fall schon gar nicht, denn Autor Antonio Fian kommt ganz ohne Kriminalpolizei aus. Im POLYKRATES-SYNDROM agiert ein ähnlicher Mann, Artur als Icherzähler, wie der Icherzähler Ben Poller im SCHROTTPLATZ BLUES: sie fantasieren von ihrer Stärke, während im wirklichen Leben die Frauen den Ton angeben.

 

Bei Artur ist es Rita, die selbstbewußte Gymnasiallehrerin auf Funktionsstelle mit dem Drang zur Direktorin und Ehefrau, die weiß, was sie will und noch deutlicher, was sie auf keinen Fall will. Dem ordnet sich Artur – nach verbalen inneren Protestattacken - unter und wie das bei solchen Männern ist, suchen sie ihre kleinen und größeren Erfolgserlebnisse im Aufreißen von Frauen...aber nein, das ist gemein, ein solcher ist dieser Artur gar nicht, dem unverhofft im Copy-Shop die Liebe seines Lebens vor Augen kommt. Er, obwohl studierter Akademiker, steuert seinen kümmerlichen Beitrag zum durchaus feudalen Lebensstil durch Nachhilfe und Aushilfe in diesem Laden bei.

 

Und dann: „Die Tür ging auf, und eine junge Frau trat ein. Ich schätzte sie auf Mitte zwanzig, sie hatte dunkles Haar und trug einen grasgrünen Lackledermantel.“ (Seite 7) Und eine Amour Fou beginnt, zumindest für Artur. Sie heißt Alice und was so unschuldig beginnt, wird zu einer Geschichte, die sich keiner der Protagonisten träumen ließ. Dazu kann man nur sagen, daß die obere Vergangenheitsform, „sie trat ein“ ja im Zeitbezug durchaus noch ihre Berechtigung hat, aber schon bei „sie hatte dunkles Haar“ muß man sich fragen, ja wie denn nur, sie hatte dunkles Haar, hat sie es jetzt nicht mehr? Ist es blond, rot oder wie nun?

 

Nein, diese Geschichte, die hier erzählt wird, das können sie sich nicht mal in ihren Albträumen vorstellen. Aber sie passiert. Das ist schon toll erzählt – ganz besonders spannend finden wir die Geschichte mit der Mutter, aber da bleibt uns der Autor die genaue Todesursache schon schuldig - , aber gleichzeitig wird einem bei diesem Roman innerlich eiskalt. Denn da wird mit einer Nonchalance vom Morden und Zerteilen von Leichen erzählt, die einen stärker angeht als es sonst die schlimmsten Serientäter vermögen. Dieser alltägliche Ton, in dem die grauenvollsten Dinge erzählt werden, das ist stilistisch gekonnt. Aber, leider, machen sie den Artur trotzdem nicht interessanter. Will sagen, diese beiden Typen, der Ich-Ich-Ich Ben Poller und Artur bleiben schwach, schwache Männer, weshalb wir trotzig fragen, wo eigentlich die Männer geblieben sind. Sonst sind sie doch wenigstens in der Literatur noch vorhanden. Doch, doch, wir kennen auch welche aus dem richtigen Leben, so schlimm ist es nicht, wie es in diesem Jahr diese Krimis einem nahebringen.

 

Beim diesjährigen Leo-Perutz-Preis haben die beiden Autorinnen als Heldinnen Frauen, die drei Männer jeweils einen Mann, der erzählt und die Hauptrolle spielt. Das gilt auch für Stefan Slupetzkys VERSCHROBENEN Wiener Bezirksinspektor Polivka. Der erzählt nicht von sich, sondern läßt den Autor über sich erzählen. Er ist als einziger ein Kriminalbeamter, womit auch eine Besonderheit erwähnt ist: Von den fünf ausgewählten Romanen hat nur einer einen Kommissar als Helden, nämlich Slupetzky mit seinem Polivka. Dabei ging doch das Krimi-Genre mal vom Detektivroman aus. Aber die Hölle ist überall, kann man für diesen Jahrgang in besonderer Weise sagen. Auch in Wien – oder in Wien ganz besonders?

 

 

INFO I:

 

Bibliografie der Gewinnerin


Eva Rossmann:
Männerfallen, Folio Verlag, 2013
271 Seiten
, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-85256-629-0

 

 

INFO II:

 

Folgende weitere Titel waren für den Preis nominiert:

  • Jürgen Benvenuti: Schrottplatz Blues. Falter
 Verlag

  • Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom. Droschl Verlag

  • Anne Goldmann: Lichtschacht. Argument Verlag

  • Stefan Slupetzky: Polivka hat einen Traum. Kindler Verlag

Die Jury


2014 gehörten der Jury
Sylvia Faßl-Vogler (Referatsleiterin Kulturabteilung der Stadt Wien), Michael Kratochvil (Buchhandlung Kuppitsch), Nora Miedler (Krimiautorin), Erwin Riedesser (HVB-Vizepräsident, Vorsitzender des Österreichischen Buchhändlerverbands) und Nils Jensen (Chefredakteur des Magazins Buchkultur) an.

Der Preis


Mit dem Leo-Perutz-Preis, der jährlich vergeben wird, werden Krimis ausgezeichnet, deren Qualität und literarischer Anspruch an den namensgebenden österreichischen Literaten erinnern. Darüber hinaus sollen die ausgezeichneten Werke möglichst innovativen Charakter haben und einen Wien-Bezug aufweisen.

Bisherige Preisträger


Den Leo-Perutz-Preis 2013 erhielt Thomas Raab für seinen Roman
Der Metzger kommt ins Paradies (Droemer). 2012 ging der Preis an Manfred Rebhandls Das Schwert des Ostens (Czernin Verlag), 2011 wurde Der Posamentenhändler (Leykam) von Lizl Stein und Georg Koytek ausgezeichnet, und 2010 war Stefan Slupetzky mit Lemmings Zorn (Rowohlt) der erste Leo-Perutz-Preisträger.

 

Foto: HBV, links vom Folio Verlag Marialuise Thurner, rechts die Preisträgerin Eva Rossmann

 

Mehr zur Autorin

www.evarossmann.at

www.folioverlag.com

 

 

Bisherige Weltexpresso-Artikel zum Leo-Perutz-Preis

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/960-sieger-ist-manfred-rebhandl-mit-das-schwert-des-ostens-aus-dem-czernin-verlag

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/1799-wiener-kriminalliteratur

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/1989-gewinner-ist-thomas-raab-mit-der-metzger-kommt-ins-paradies-aus-dem-droemer-verlag

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/2013-die-oscarreife-lesung-von-thomas-raab

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/2015-lesungen-im-bestattungsmuseum

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/2094-ein-gespraech-mit-marialuise-

 

http://weltexpresso.tj87.de/administrator/index.php?option=com_content&view=articles

 

http://weltexpresso.tj87.de/administrator/index.php?option=com_content&view=article&layout=edit&id=3485

 

2014:

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3484-diesmal-wird-s-schaurig-im-palais-fuerstenberg

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3485-die-ausgelobten-frauen-eva-rossmann-und-anne-goldmann

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3506-eva-rossmann-fuer-maennerfallen