Die Finalisten des Deutschen Buchpreises 2014 , Teil 18

 

Claudia Schulmerich

 

München (Weltexpresso) – Die Menschwerdung des Mädchens, wäre der Titel, den wir für diesen Roman wählten. Denn er schließt unmittelbar an das wunderbare Buch DAS MÄDCHEN an, mit dem Angelika Klüssendorf 2001 ebenfalls bei den letzten Sechs des Deutschen Buchpreises war – und den Preis ebenfalls hätte gewinnen können.

Wir sagen gleich, daß wir die Erschütterung, in die uns DAS MÄDCHEN stürzte, diesmal nicht erlitten haben, denn die zerstörerische Kindheit war wie die Asche, aus der sich DAS MÄDCHEN erst einmal wie ein Phoenix erheben mußte und nun – nach der Entlassung aus dem Heim - ist das Mädchen eben ein zu einer jungen Frau gewordenes älteres Mädchen, das sehr mühsam lernt – wobei wir Zeugen sind – ein Menschlein zu sein, das geliebt werden darf. Wehrt sie sich auch noch so dagegen, liebgehabt zu werden, irgendwann wird sie sich als diejenige akzeptieren lernen, die liebenswert ist. Und dann ist alles gut. Wenigstens etwas Wesentliches. Und auf dieses Buch freuen wir uns schon jetzt.

Das vorliegende Buch allerdings schleudert uns mit dem Mädchen von einem Gefühlschaos zum anderen, denn es sind die für sie notwendigen Stationen, die wir miterleben, wie sie jedes Mal, wenn es ernst wird, wenn jemand sie mag, sie aber auch alles tut, um unausstehlich zu sein und ihr eigenes Glück abwehrt, abtreibt, da so jemand wie sie einfach nicht gern gehabt werden darf. Das erzeugt in einem immer wieder Widerwillen gegen das junge Ding, das selbst liebevollste Männer behandelt wie den schlimmsten Abschaum – oder je netter, desto doller sogar.

Das übrigens sind unsere, des Lesers, der Leserin Interpretationen, von denen DAS MÄDCHEN, das in diesem Buch APRIL heißt, natürlich nichts ahnt, denn sonst würde sie sich nicht so autoaggressiv verhalten, wie es in der Psychologensprache heißt. Die Autorin belästigt uns mitnichten mit Psychologengerede, sondern erzählt linear, wie sich ihre junge Protagonstin durch Leben schlägt, in dem sie erst einmal wie ein junges Füllen vor allem ausschlägt.

Wäre es dabei geblieben, es wäre nicht genug. Doch der Roman nimmt eine ganz andere Fahrt auf. Wie ein Kontrapunkt empfindet man die urplötzliche Zusage der DDR-Regierung, die beantragte Ausreise für April in den Westen zu gestatten. Spätestens jetzt müssen wir sagen, daß April nicht mehr alleine ist. Obwohl das so nicht ganz richtig ist. Denn aufgrund ihrer Macken von oben, fühlt sie sich trotz Kind und Mann irgendwie alleine und kann diesen Anforderungen an Mann und Kind nicht genügen. Aber – und die Autorin hat ihre April, ihr alter ego, denn natürlich handelt es sich um die literarisch verbrämte Autobiographie, hat also April selbst als Glückskind bezeichnet – denn, obwohl sie sich sozusagen bescheuert und auch verantwortungslos verhält, wird sie geliebt von Mann und Kind. Und was dann kommt, ist für unsereinen ans Herz gehend und nur für die kalten Westler nicht zu verstehen: kaum in Westberlin, weiß April eigentlich gar nicht, was sie dort soll, was sie dort will. Sie sucht immer wieder die Grenze auf, sie will eigentlich nach Hause, doch die Grenze und die Grenzer wollen das nicht.



Diese Liebeserklärung an die DDR, die ja nicht dem Staat – ob Unrecht und auch Recht hin oder her – gilt, sondern ihren Bewohnern, die es sich und den anderen durchaus heimelig gemacht haben, denn nie ist im Westen in diesen Jahrzehnten die Freundschaft und die Familie so gepflegt worden wie im Osten. Gut, man kann sagen, etwas anderes außer Musik und Theater und Parteiveranstaltungen hatten die auch nicht, weshalb das Leben zu Hause so wichtig wurde. Aber auch das wäre nur die halbe Wahrheit. Es geht einfach darum, daß es in der DDR viele Menschen gab, die für einander in Nachbarschaftssorge (ja, ja Stasispitzel gab es darunter auch) tätig waren. Und im übrigen ist Heimat da, wo man groß wird, wo man sich auskennt, wo es wie in der Kindheit riecht und man sich zugehörig fühlt.



Uns hat diese Dramatisierung, auch Politisierung der Aprilgeschichte sehr gefallen, weil in herbe Erlebnisse der Surrealismus einzieht. Wir würden in Verbindung mit dem Erstling DAS MÄDCHEN sofort den Deutschen Buchpreis an APRIL von Angelika Klüssendorf verleihen. Am besten zusammen mit Heinrich Steinfest, der auch noch drankommt. Allein, wir glauben nicht dran, denn alle Welt spricht hinter vorgehaltener Hand davon, KRUSO müsse den Preis bekommen.

 

Was die Jury des Deutschen Buchpreises dazu meint:

Die Kindheit ist vorüber, aber erlöst ist das Mädchen deshalb noch lange nicht. Das Mädchen, das sich mittlerweile April nennt – nach dem Song von Deep Purple -, hat die Zeit im Heim hinter sich, die Ausbildung abgebrochen und eine Arbeit als Bürohilfskraft zugewiesen bekommen. Zwischen alten Freunden und neuen Bekannten versucht sie sich im Leipzig der späten 70er Jahre zurechtzufinden, stößt dabei oft an ihre eigenen Grenzen und überschreitet lustvoll alle, die ihr gesetzt werden, am Ende mit ihrer Ausreise auch die zwischen den beiden Deutschlands.

 

 

INFO: Angelika Klüssendorf, April, Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Vergleichen Sie auch die Berichterstattung der Lesungen der Finalisten aus dem Literaturhaus Frankfurt:

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3565-vorstellen-und-lesen-der-finalisten-im-literaturhaus-frankfurt

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3565-vorstellen-und-lesen-der-finalisten-im-literaturhaus-frankfurt

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3567-im-literaturhaus-frankfurt-hettche-melle-seiler

 

 

Der Deutsche Buchpreis wird am 6. Oktober abends im Kaisersaal des Frankfurter Römer bekanntgegeben und verliehen.

 

 

Der Börsenverein teilt mit: Die Preisverleihung im Live-Stream mitverfolgen

Wer gewinnt den Deutschen Buchpreis 2014? Zuschauer können von zuhause oder unterwegs aus live dabei sein, wenn am 6. Oktober 2014 der Preisträger oder die Preisträgerin bekanntgegeben wird. Unter www.deutscher-buchpreis.de wird die Preisverleihung ab 18 Uhr in Bild und Ton übertragen.

Mit dem Deutschen Buchpreis 2014 zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind zudem die Frankfurter Buchmesse, Paschen & Companie und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland. Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur übertragen die Preisverleihung live im Rahmen von „Dokumente und Debatten“ auf den LW 153 und 177 kHz, per Livestream im Internet unter www.deutschlandradio.de sowie im Digitalradio DAB+.