Zum Tod von Günter Grass

 

Alexander Martin Pfleger

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Anders als der Große Mahlke tauchte er immer wieder auf – ob bespöttelt oder empört zur Kenntnis genommen, ob als streitbarer Zeitgenosse verniedlicht, mit dessen unbequemen Ansichten man ja nicht immer übereinstimmen müsse, oder etwas konkreter für seine Verdienste im durchaus vagen Bereich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit oder der deutsch-polnischen Aussöhnung belobigt: Mit Günter Grass war immer zu rechnen.

 

Superlativ und Plattitüde reichen einander allzu gerne die Hände. Das Bild der öffentlichen Person Günter Grass, gerade auch das durchaus selbstverschuldete mediale Zerrbild, verdeckten den Dichter fast vollkommen. Grass war das lebende, schnauzbarttragende Denkmal, die wandelnde Karikatur eines „Gewissens der Nation“, das mit einer gewissen Pünktlichkeit zu allem und jedem etwas zu sagen hatte oder zumindest etwas zu sagen zu haben glaubhaft vorzugeben wußte.

 

Hans Werner Richter schrieb in seinem Tagebuch, bereits der jüngeren Generation Ende der 1960er Jahre wäre der Autor Grass als Figur nahezu ebenso entrückt vorgekommen wie Goethe oder Grimmelshausen (was nicht allein an der Alliteration liegen dürfte!). Der politische Mensch, der „Bürger“ Grass indes sollte noch lange die Rolle des Bürgerschrecks spielen, selbst als niemand von Rang mehr eine Jury verließ, weil man dem Autor der „Blechtrommel“ einen Preis zuzusprechen gedachte.

 

Aber der Begriff des Politischen kann ebenso nebulös wie der des rein Künstlerischen wirken. Wie politisch war Grass wirklich – als Autor und als Mensch? Zweifelsohne spielten bei seinen öffentlichen Stellungnahmen allzu häufig rein emotionale Motive, um nicht zu sagen: Blankes Ressentiment, blanke Idiosynkrasie eine zentrale Rolle – nicht zuletzt seit seinem späten Eingeständnis, bei der Waffen-SS gewesen zu sein, drängt sich diese Lesart förmlich auf.

 

Der Mahner und Warner, dem abstrakte gesellschaftliche Prozesse immer wieder zu Personalien gerannen, der sich berufen fühlte, Kurt Georg Kiesinger und selbst Karl Schiller über den rechten Umgang mit ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit zu belehren und dem die Ära Adenauer bisweilen weitaus spießiger denn das Dritte Reich dünkte, stand nun als Heuchler da, der allzu lange über das geschwiegen hatte, was schon längst hätte gesagt werden müssen – und zwar von ihm, und zwar über sich selbst, und nicht, wie einige Jahre später, über die vermeintliche Gefährdung des Weltfriedens durch die Atommacht Israel.

 

Grass, das Multitalent, der Autor und der bildende Künstler, widersagte sich schon früh dem Abstrakten, das ihm die Gefahr des Abgleitens ins Unverbindlich-Ornamentale barg. Aber was er den Gesellschaften vom Dachboden und den Städten hinter dem Strom entgegensetzte, war keinesfalls der herkömmliche Realismus, an den viele seiner Alters- und Zeitgenossen mit unterschiedlichem Erfolg anzuknüpfen suchten – bei ihm dominierte eine hypertrophe Übersteigerung des Realistischen, eine drastische, alles andere als verspielte Ornamentik (die in schwächeren Momenten allerdings zu bloßer Schnurrpfeiferei geriet), eine radikale Überbetonung der Außenperspektive, wie Fritz J. Raddatz betonte, resultierend aus einer nicht minder radikalen Skepsis gegenüber der herkömmlichen Psychologie, die künstlerisch in einer Form von Arealismus oder Antirealismus kulminierten, einem mühsamen Ertasten dessen, was Wirklichkeit sei, dabei immer deutlichen Abstand zum eigentlich Phantastischen wahrend, mit dem es sich in zahlreichen Momenten des Grotesken berührte.

 

Marcel Reich-Ranicki und andere hoben immer wieder die außerordentliche Begabung von Günter Grass hervor, verwiesen aber auch stets darauf, daß der Romancier Grass letztlich kein genuiner Epiker, sondern eher ein Meister der kleinen Form, der Episode, des Anekdotischen sei. Man kann in dieser Einschätzung durchaus eine Parallele zu Nietzsches Charakteristik Wagners als eines Meisters „des ganz Kleinen“ sehen, der leider „vielmehr die großen Wände und die verwegene Wandmalerei“ liebe.

 

Gleichwohl war das Verwegene des al fresco für Grass offensichtlich unabdingbar, um sich als Kleinmeister voll entfalten zu können und jene Momente zu erzeugen, die viele seiner größeren Werke letztlich antreiben sollten und die Frage nach deren konkretem Ge- oder Mißingen obsolet erscheinen lassen können – von seiner dezidierten Kurzprosa konnten es bekanntlich lediglich die „Linkshänder“ und „Meine grüne Wiese“ mit den Hervorbringungen etwa des frühen Böll, des frühen Lenz und des frühen Walser aufnehmen.

 

Und so verfehlt oder abwegig die meisten seiner politischen Gesamtentwürfe auch gewesen sein mochten – womöglich stellten auch sie nur das Breitwandpanorama dar, vor dessen Hintergrund sich erst das signifikante Detail abzeichnen und der Finger sich in so manche ansonsten übersehene Wunde legen ließ.

 

Auf seine letztlich immer noch unterschätzte Bedeutung als Lyriker kann nicht oft genug hingewiesen werden. Aber auch der Dramatiker Grass sollte nicht vernachlässigt werden, dem es im Alleingang gelang, eine eigene Spielform des absurden Theaters direkt von Georg Büchner sowie einigen expressionistischen Vorbildern her und ohne die Vermittlung durch Beckett oder Ionesco zu etablieren. Auch dürfte ein Aspekt an Bedeutung gewinnen, dem man zu Lebzeiten kaum Beachtung schenkte, weil er dem Selbst- wie dem Fremdbild von Günter Grass, dem Naturburschen und Autodidakten, gleichermaßen überhaupt nicht zu entsprechen schien, nun aber von einigen, die ihm nahestanden, mehrfach angedeutet wurde: Grass, der poeta doctus, der sich allerdings nie als solcher inszenierte, sondern sein außerordentliches Wissen auf vielen Gebieten eher unterschwellig einfließen ließ.

 

Nun taucht er nicht mehr auf. Er mußte Abschied nehmen von den Dingen, die ihn umstellten und ihre Schatten auf den Seinen legten. Der Hoffnung sei Ausspruch verliehen, daß mit dem nun unweigerlich einsetzenden Prozeß der Historisierung von seinem Werk sich viel mehr behaupten werde, als man ihm zuletzt zugetraut hätte.