Diethelm Brüggemanns "Kleist. Die Magie"

 

Alexander Martin Pfleger

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Kleist dürfte zu den wenigen Klassikern zählen, die offenbar immer, unabhängig von runden Geburts- oder Todestagen, Konjunktur haben. Er wird gelobt, gespielt, gelesen und überdies fleißig erforscht. Leider erweisen sich viele der neueren Bücher über Kleist (wie auch über andere) eben lediglich als Fleißarbeiten, in manchen Fällen nicht einmal als solche, sondern als bloße Exerzitien von der eigenen Brillanz berauschter Theoretiker.

 

Wahrhaft substantielle Arbeiten haben es schwer: betont ein Autor allzu lautstark das Sensationelle seiner Forschungsergebnisse auf einem scheinbar kaum noch Neues bereit haltenden Feld, könnte er zwar leicht einen kurzen Sensationserfolg erhaschen und unter Umständen noch eine kleine Kontroverse provozieren, liefe aber schließlich Gefahr, im wissenschaftlichen Abseits zu landen - lehnte er sich hingegen weniger weit aus dem Fenster des akademischen Betriebs, würde sein Werk schlimmstenfalls nicht einmal als Kuriosität zeitweilig bestaunt und danach rasch abgetan, sondern schlicht als germanistische Durchschnittsware übersehen werden.

 

Diethelm Brüggemanns "Kleist. Die Magie" wartet mit Detailarbeit statt großen Gesten auf; es kommt unspektakulär daher, erweist sich aber nach wenigen Seiten als um so spektakulärer. In seinem Vorwort schildert der Autor seine anfänglich eher zufällige Entdeckung eines spezifischen Verschlüsselungssystems bei Kleist, welches er nach eingehenderer Forschung als auf den Themenkomplex der Hermetik, insbesondere der mittelalterlichen Alchemie und ihrer neuzeitlichen Nachfolgebewegung, der Freimaurerei, bezogen erkennen konnte. Kern der Alchemie war das "opus magnum", der mehrstufige Prozess, bei welchem mit Hilfe des sogenannten Steins der Weisen ursprünglich aus minderwertiger Materie Gold gewonnen werden sollte.

 

Im Laufe der Jahrhunderte verschob sich indes das Augenmerk der Alchemisten. Es ging nun nicht mehr um die künstliche Erschaffung von Gold, davon handelten die entsprechenden Traktate nur noch an ihrer exoterischen Oberfläche, sondern um die Veredelung des Menschen an sich. Zum Wesen jener "Alchemie der Seele" gehörte die Annahme, die paradiesische Unschuld des Menschen ließe sich wiedererlangen und sowohl die Idee der Erbsünde, als auch jeder konkrete Begriff von Schuld ließen sich überwinden. Laut Brüggemann liegt für Kleist hierin der zentrale Sündenfall der Moderne. Diesen Sündenfall, das Leugnen der menschlichen Schuld und die daraus resultierende Leugnung der menschlichen Verantwortung, habe Kleist in immer neuen Varianten in seinem Werk thematisiert und mit einer dem Bereich der Alchemie und der Freimaurerei angemessenen Symbolsprache bezeichnet, deren immer wiederkehrendes Motiv der Stein ist.

 

Der in diesen Wissensgebieten nicht bewanderte Leser - und wer könnte heutzutage guten Gewissens von sich behaupten, über diese und andere summarisch als "Esoterik" bezeichnete Bereiche wahrhaft fundierte Kenntnisse sein eigen zu nennen? - wird angesichts der Überfülle von alchemistischen und freimaurerischen Motiven und Symbolen, von Anspielungen auf spezielle Fragen der Auslegung der Luther'schen Rechtfertigungslehre oder Querverweisen auf entlegene Heiligenlegenden, die Brüggemann hier in seinen Analysen von Kleists Erzählungen "Der Findling", "Michael Kohlhaas", "Die Marquise von O.", "Das Erdbeben in Chili", "Die Verlobung von St. Domingo" und "Die Heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik" zutage fördert, anfangs vielleicht zu kapitulieren versucht sein. Auch ist durchaus zu befürchten, dass oberflächlichere Leser die Intentionen des Autors verkennen und ihm unterstellen, er wolle Kleist in effekthascherischer Absicht einen im weitesten Sinne okkulten Subtext andichten - aber das mögliche Auftreten einer solchen Kritik kann nur in den seltensten Fällen ausgeschlossen werden. Eine sorgfältige Lektüre des Buchs zeigt überdies sehr deutlich, dass Brüggemann seine Dokumente genauestens geprüft und in jedem Einzelfall abgewogen hat, inwiefern Kleist etwa in bestimmte Details der freimaurerischen Hochgrade Einblick oder von den unterschiedlichen alchemistischen Quellen Kenntnisse gehabt haben könnte - oder auch nicht!

 

Bei allem speziellen Hintergrundwissen, das sich Brüggemann auf dem Gebiet der Alchemie erarbeitet hat, darf nicht übersehen werden, worauf der Autor an verschiedenen Stellen seines Buchs ausdrücklich hinweist und was sich im gegenwärtigen akademischen Betrieb leider nur allzu selten als selbstverständlich erweist: dass es ihm allein um Kleist geht, nicht um die Alchemie oder eine beliebige Literaturtheorie. Brüggemanns Herausarbeitung zwar geschickt versteckter, aber gleichwohl nach eingehenderer Recherche erkenn- und rational nachvollziehbarer hermetischer Bezüge im Werk Kleists soll dazu führen, verschiedene Unklarheiten bezüglich des Gehalts des Kleist'schen Werkes, die vielbeschworenen Kleist-Rätsel, endgültig zu klären.

 

Mit diesem Anspruch will Brüggemann keine alleinseligmachende Lesart Kleists propagieren oder gar das Inkommensurable aller wahrhaft großen Kunst in Abrede stellen, wohl aber dem krampfhaften Festhalten an der bewussten Nebulosität, der sowohl von traditionellen Hermeneutikern als auch Dekonstruktivisten auf den Schild geschriebenen Rätselhaftigkeit Kleists, entgegentreten - Mystifizierungen der Interpreten, denen eine systematische Einbeziehung eines konkret fassbaren Bedeutungsspielraums wie dem der Hermetik das Betätigungsfeld rauben könnte.

 

Brüggemann, der bereits in früheren Publikationen einige liebgewordene Schemata der Kleistrezeption zu widerlegen wusste - so wies er nach, dass Goethe Kleist durch seine Verhunzung des "Zerbrochenen Krugs" keineswegs in den Selbstmord getrieben habe, sondern die gesamte Affäre letztlich eine geschickte Provokation Goethes durch Kleist darstellte und mit Kleists Freitod nicht in Verbindung zu bringen sei oder dass es sich bei der vielzitierten Kantkrise Kleists um eine geschickte Nasführung der Mit- und Nachwelt durch den Dichter handelte - kommt auch in diesem Werk zu überraschenden, aber nicht minder bedenkenswerten Interpretationen.

 

Hinsichtlich Kleists Kritik des alchemistischen Weltbildes, welches für ihn letztlich in der Umwandlung von Mensch und Welt in "geldwerte Materie", in "Instrumente der Besitzfunktionalität" besteht und welches paradoxerweise im Zeitalter der Aufklärung nicht allein latent fortwirkte, sondern überhaupt erst zur vollen Geltung gelangte, präsentiert sich auch das Paradies, in das der Mensch gemäß dem im Aufsatz "Über das Marionettentheater" geschilderten Beispiel nach einer Reise um die ganze Welt (vielleicht) wieder einzutreten vermöchte, nicht länger als das ursprüngliche, worin sich der Mensch im Zustand der Unschuld befand, sondern um ein falsches Paradies, ein Paradies der Alchemie, worin der Mensch seine Schuld umfassend zu verleugnen und zu verdrängen vermöchte und sich in einem Zustand negierten Schuldbewusstseins befände, den Brüggemann mit der Prägung "Un-Schuld" bezeichnet.

 

Ein Buch, das aus verschiedenen Gründen Anstoß erregen kann und in einigen entscheidenden Punkten notwendigerweise hervorrufen muss, das, wie eingangs erwähnt, seine Entdeckungen nicht hinausposaunt, sondern sachlich vorträgt und stets um eine Erhellung der dazugehörigen Hintergründe bemüht ist. Möglich, dass das Buch und seine angekündigten Fortsetzungen, in denen der Autor die noch ausstehenden Erzählungen "Der Zweikampf" und "Das Bettelweib von Locarno" und das Dramenwerk bezüglich der Hermetik untersuchen möchte, aufgrund der vermeintlichen Abseitigkeit des Themas nur partiell rezipiert werden könnten. Denkbar ist aber auch, dass man künftig hieran den Beginn einer Tendenzwende der Kleistforschung des 21. Jahrhunderts sehen wird.

 

Diethelm Brüggemann: Kleist. Die Magie. Der Findling - Michael Kohlhaas - Die Marquise von O... - Das Erdbeben in Chili - Die Verlobung in St. Domingo - Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik.

Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2004.

517 Seiten, 49,80 EUR.

ISBN 3826028104

 

Anmerkung der Redaktion: Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung des Rezensenten von http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8724 übernommen. Für die Neuveröffentlichung wurde sie geringfügig bearbeitet.